Das Wunder geschieht bei Tempo 220. Wenn das Fahrpedal auf den Teppich gedrückt wird und abermals dieser heftige Stoß ins Kreuz kommt, der den ohnehin schon flotten Wagen noch mal einen Satz nach vorn machen lässt, ihn bis auf 270 km/h katapultiert – wo schließlich die Elektronik eingreift und dem Spuk ein Ende bereitet.

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Das Wunderauto hat 1111 PS und heißt Lucid Air. Seit ein paar Monaten gibt es einen kleinen Showroom in München. Das kalifornische Start-up will seine elektrische Luxus-Sportlimousine auch in Europa verkaufen. Doch der Preis ist hoch und die Marke noch unbekannt.
Lucid Air
Von oben ist gut zu sehen, wie kurz die Front ist.
Bild: Olaf Itrich
Die Macher um Vorstandschef Peter Rawlinson kommen von Tesla; das Geld kommt weitgehend von einem saudischen Staatsfonds. Das weltweite Verkaufsziel wurde im ersten Quartal mit nur 1406 Auslieferungen verfehlt. 18 Prozent der Mitarbeiter wurden jüngst entlassen. Kleiner Trost: Sie haben an einem tollen Auto mitgearbeitet.

Der Lucid Air ist ein großzügiger Raumgleiter, keine Spielhalle

Der US-Autobauer erschafft mit dem Air einen Wolf im Schafspelz, heftige Leistungswerte verpackt in einer elegant futuristischen Limousine. Im Design unaufdringlich, fehlt dem Lucid etwa im Vergleich mit dem Taycan die "Porschehaftigkeit", mit dem Audi RS e-tron GT die muskulöse Kontur, mit dem EQS von Mercedes der imposante Auftritt und mit dem Tesla Model S die absolute Schlichtheit. Aber: Dieser Neuling nimmt sich von allem das Beste, ohne es einfach zu kopieren. Er ist mehr großzügig geschnittener Raumgleiter und weniger Spielhalle, fahrbares Einkaufszentrum oder angeberische Schmuckschatulle.

Lucid Air
Das Cockpit ist aufgeräumt, hochmodern, luxuriös – aber nicht zu minimalistisch.
Bild: Olaf Itrich

In dieses Wunder an Platz eingestiegen, fallen die ergonomisch angeordneten Instrumente auf, die jederzeit alle wichtigen Infos gut sichtbar darstellen, ohne durch fernsehergroße Displays vom Wesentlichen abzulenken: dem Fahren. Für die wichtigsten Funktionen gibt es Bedientasten, man muss nicht durch Menüs und Untermenüs surfen – und ein reduziertes Cockpit mit erhöhtem Zeitaufwand erkaufen.
Umgeben von edlem Material, vom perfekt verarbeiteten Rindernappa des schottischen Herstellers Bridge of Weir (Lieferant von Automobilleder auch für Luxusmarken wie Aston Martin und Jaguar) bis hin zu den Zierleisten aus versilbertem Eukalyptusholz, bleibt einem der Klavierlack-Überfluss anderer Marken erspart.

Lucid beweist: Leise E-Autos können noch viel leiser

Auch ohne Startknopf ist unser Air fahrbereit. Wir beginnen im sparsamsten und auf maximalen Komfort abgestimmten Fahrprogramm "Smooth". Und erleben mehr Luxuslimousine als Sportwagen. So gefahren, endet die Runde über Stadt und Land mit einem beeindruckenden Testverbrauch von 16 kWh auf 100 Kilometer. Und der Erkenntnis, dass diese leisen E-Autos sogar noch viel leiser sein können. Eine fast gespenstische Ruhe umgibt die Insassen. Es sei denn, sie drehen das Audiopaket mit Dolby Atmos auf.
Lucid Air
Der größte Frunk einer E-Limousine: Hier passen 283 Liter rein, das sind zwei große Koffer.
Bild: Olaf Itrich

Auf der Autobahn wird von "Smooth" in "Swift" gewechselt, die Kraftentfaltung ist atemraubend. Die Limousine wird zum Sportwagen. Das Luftfahrwerk nimmt dabei Fahrbahnunebenheiten gelassen, nur kurze Stöße führen wie bei den meisten Fahrzeugen dieser Gewichtsklasse zum Nachzittern.

Der "Sprint"-Modus entfesselt 1111 PS

Der Air besitzt auf schnelleren Passagen mit kleinen Zwischenspurts einen schier endlosen Vortrieb. Das Fahrwerk wirkt deutlich straffer, liefert die nötige Stabilität. Radabroll- und Windgeräusche belegen nun hörbar, dass man deutlich schneller unterwegs ist. Beim Umschalten auf den "Sprint"-Modus fragt der Air nach: Wollen Sie wirklich? Denn was dann an Schub kommt, haben auch erfahrene Auto-Tester nur selten erlebt: 1111 PS.
Lucid Air
Eleganz und Leichtigkeit: Die Leuchtbänder am Heck machen den Lucid unverwechselbar.
Bild: Olaf Itrich

Findet man eine 300-kW-Station, beträgt die Ladezeit 15 Minuten für 400 Kilometer. Der Plattform mit 924-Volt-Technik und dem "Wunderbox" genannten Air-Lademanagement sei Dank.

Auf der Autobahn mit Vollgasanteil sind 500 km Reichweite drin

Die WLTP-Reichweite beträgt 799 bis 861 Kilometer. Im Sommer 2023 kamen wir unter der glühenden Hitze Kaliforniens und mit drei Personen plus Gepäck schon mal an die 600 Kilometer mit einer Ladung. Diesmal sind es (mit Vollgasanteil auf deutscher Autobahn) "nur" knapp 500 km.
Lucid Air
Viel Luft bis zum Vordermann: An Kniefreiheit mangelt es im Fond nicht.
Bild: Olaf Itrich

Ja, Exklusivität, Leistung und Akkugröße haben nun mal ihren Preis. Mindestens 218.000 Euro kostet der von uns gefahrene Lucid Air. Die Basisversion "Pure" (430 PS) gibt es voraussichtlich ab 2024 zum Preis von rund 100.000 Euro.

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Zum Vergleich: Ein Porsche Taycan Turbo S (761 PS) kostet ab 197.740 Euro und ein Audi e-tron GT (476 PS) mindestens 107.800 Euro. Keine 200 Euro pro PS – klingt plötzlich nach einem fairen Preis – für ein märchenhaftes Auto.

Fazit

Ein Märchen, ein Wunder, ein Wahnsinn. Manchmal müssen es solche Vokabeln sein, um ein Auto zu beschreiben, das Maßstäbe setzt bei Antrieb, Komfort, Styling. Sogar das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.