Es ist ja nicht so, dass es den Genesis G90 nicht schon seit einiger Zeit gibt. Bereits 2021 launchte die Luxusmarke des koreanischen Autobauers Hyundai ihren Luxusliner. Zuerst im eigenen Land. Das übrigens mit großem Erfolg. Fährt man durch die Metropole Seoul sieht man mehr G90 als Mercedes S-Klassen oder gar einen BMW X7, der hier absolute Mangelware ist.

 
Dabei haben wir aber gleich die zwei potenziellen Mitbewerber beleuchtet, denen Genesis mit dem G90 in die Seite fahren will. Obgleich sich der Koreaner bei aller Größe - die Kurzversion misst immerhin 5,26 Meter, die Langversion gar 5,46 Meter - antriebsseitig nicht in allen Belangen mit den dicken Deutschen messen kann. 

In der Kurzversion misst der Genesis G90 5,27 Meter. In der Langversion sind es 20 Zentimeter mehr.
Bild: Dominic Fraser / Genesis
Unter der Haube pumpt tatsächlich ein alter Bekannter, der 3,5 Liter V6, den man hierzulande bereits aus dem Kia Singer kennt. Den wird es allerdings ob der EU-Regularien in Bälde nicht mehr geben. Insofern steht es auch noch ein bisschen in den Sternen, ob denn die koreanische S-Klasse tatsächlich im Hoheitsgebiet der deutschen Premiumriesen kreuzen darf.

Keine Rennmaschine, aber souverän

Wenn sie es denn täte, leistet der V6 in der Kurzversion 380 PS und reicht 529 Newtonmeter an die Hinterräder oder auf Wunsch auch an beide Achsen. Tatsächlich wirkt der über zwei Tonnen schwere G90 hier bei Leistungsabruf etwas schwachbrüstig. In der Langversion wird der 3.5 Turbo von einem 48-Volt-Startergenerator unterstützt und leistet so 415 PS und drückt serienmäßig 549 Newtonmeter an alle vier Räder. 

Elegant, schlicht, selbsterklärend und sehr gut verarbeitet präsentieren sich der Arbeitsplatz und der Innenraum des Genesis G90.
Bild: Dominic Fraser / Genesis
Auch das macht den gestreckten G90 nicht zu einer Rennmaschine, bringt ihn aber deutlich verzugsfreier in die Gänge und unterstützt so die sauber arbeitende Achtgang-Automatik von ZF, die die Schaltstufen feinnervig durchreicht. Wie schnell die Luxusfuhre am Ende werden kann, ist auf den auf maximal 100 km/h limitierten südkoreanischen Straßen nicht zu erfahren gewesen, zumal rund um Seoul gefühlt alle 200 Meter stationäre Blitzer auf Temposünder warten. Über die 200er-Marke sollten sich aber beide Schiffe locker bewegen lassen.

Im Fond ist der Gast König

Im unteren Tempobereich gleitet der G90 sanft dahin. Das adaptive Fahrwerk filtert recht souverän die unschönen Seiten koreanischer Straßen weg, kann aber bei argen Querfugen nicht ganz so schnell reagieren, wie es sich die Reisenden in der zweiten Reihe wünschen würden. Vor allem auf der Hinterachse geht es dann doch ein bisschen zur Sache. Und das ist nicht gut, denn die Stars in einem G90 sind natürlich die Passagiere im Fond. Dort werden sie je nach Ausstattung auf einer Sitzbank oder präsidial auf Einzelsitzen platziert.

Der schönste Platz im Genesis G90 ist in der zweiten Reihe.
Bild: Dominic Fraser / Genesis
Bei letztgenannten Gestühl können sich die Reisenden dann optional nicht nur das Hinterteil erwärmen, sondern auch kühlen und vor allem in 20 Stärkestufen massieren lassen. Zuvor hat seine Herrlichkeit den Wagen natürlich durch elektrisch öffnende und schließende, mit Sensoren gespickte Türen bestiegen. Freut sich auf dem ebenfalls elektrisch verstellbaren und selbstredend belederten Einzelplatz über eine schlummerfähige Rückenlage, sowie kuschelig weiche Kopfstützen. 

Ins Reich der Träume geschickt

Sich in Morpheus Arme zu begeben, ist dann in dem doppelt schallschutzverglasten G90 kein Problem. Schon gar nicht, wenn die Bang-und-Olufsen-Anlage als optionales Soundsystem geordert wurde. Dann, und nur dann, fliegt einem die Musik aus 23 Lautsprechern auf Wunsch aus der Konzerthalle, dem Wohnzimmer oder dem Studio um die Ohren und lullt ganz sanft ein. Doch bevor wir hier endgültig ins Reich der Träume entschwinden, wechseln wir die Perspektive und setzen uns hinters Lenkrad. 
Nicht nur der Fahrer hat seinen Drück-Dreh-Steller, um das reichhaltige Angebot an Einstellungen im Genesis G90 regeln zu können. Auch die Fondpassagiere haben diese Steuereinheit plus Bildschirm in der Mittelarmlehne.
Bild: Dominic Fraser / Genesis
In einer Stadt wie Seoul ist der Verkehr eine echte Herausforderung. Rechts und links schießen die Autos vorbei, uns bekannte Regeln werden durch Verständnis und Weitsicht der Verkehrsteilnehmer mehr als Empfehlung, denn als Vorgabe verstanden. Insofern sind die gut funktionierenden Assistenzsystem wie der Kollisionswarner, Spurhalteassistent, die Multikollisionsbremse oder der Toter-Winkel-Kollisionsvermeidungs-Assistent nicht nur hilfreich, sondern ein Muss. Hinzu kommt ein Stauassistent, der in den zu allen Urzeiten verstopften Straßen der Metropole im Dauerlauf arbeitet. Zudem empfiehlt sich die Aktivierung des adaptiven Geschwindigkeitsassistenten mit Abstandsradar. Der hilft, die schon erwähnten Schnappschüsse vom Straßenrand zu verhindern.

Nicht überdigitalisiert

Gesteuert wird das alles über Lenkradtasten, die mit feinen Druckpunkten versehen sind. Alles andere wird aus der zweiten Reihe über einen Touchscreen in der Mittelarmlehen oder vom Fahrer über einen Drück-Dreh-Steller in der Mittelkonsole und das 12,3 Zoll messende Zentraldisplay bewerkstelligt. Das ist intuitiv, wie in einem neuen BMW 7er und lange nicht so überdigitalisiert, wie in einer aktuellen Mercedes S-Klasse. 
Das Heck des Genesis G90 hat wegen der doppelten Lichtleiste einen hohen Wiedererkennungswert.
Bild: Dominic Fraser / Genesis
Und weil wir die beiden deutschen Premium-Schlitten gerade erwähnt haben, sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich der G90 nicht ganz in die lichten Höhen aufschwingen kann. Ohne Wankausgleich neigt er sich in schnell gefahrenen Kurven tief und wie gesagt antriebsseitig wäre auch noch Luft nach oben. Mit seiner Hinterradlenkung von zwei bis vier Grad ist er im Stadtgewirr durchaus agil, kann Kurven durchaus flott durchlaufen, obgleich er dort anfängt über die Vorderachse zu schieben und über das Heck drückt. 
Dennoch bleibt er stabil und versetzt den Fahrer nicht in Angstzustände. 

Tolle Verarbeitung

Die Lenkung ist für das Luxusschiff ausreichend direkt, strafft sich, wie die Dämpfer beim Wechsel der Fahrmodi hin zu Sport und auch das Ansprechverhalten wird etwas schärfer und der Ton ein wenig rauer. Das ganze Gegenteil ist die Verarbeitung des G90. Von außen stimmen die Spaltmaße, innen setzen die Koreaner auf feine Materialien. Angefangen von Echtleder, Alcantara über Holzintarsien bis hin zu Glas, das den Gangwahlhebel ziert, ist alles vertreten. 
Insofern wäre der Genesis G90 schon eine Alternative zur deutschen Premium-Konkurrenz. Vor allem, wen man verstohlen auf den Preis guckt. Der beträgt umgerechnet von Koreanischen Won für die Basis der Kurzversion 64.700 Euro. Die Langversion wäre mit deutlich mehr Ausstattung ab 118.700 Euro zu bekommen. Darüber kann man nachdenken, zumal der Luxus-Koreaner auch optisch eine gelungene Erscheinung ist.
Wer einen echten Luxusliner sucht, der sich preislich im Rahmen hält, der wäre mit einem Genesis G90 gut beraten. Schick, souverän im Fahrverhalten, aber vor allem mit viel Exklusivität gesegnet, ist er schon eine Premium-Alternative.