Keine Frage, sexy waren Maserati irgendwie schon immer. Dass sie jetzt auch was taugen, zeigt der Ghibli in unserem ersten Test.
Stefan Voswinkel
Video: Maserati Ghibli S Q4 (2015)
Neuer Ghibli im ersten Test!
Wie dicht Liebe und Leid beieinanderliegen – wer wüsste das nicht besser als Fans italienischer Autos? Nach Rost und Elektronikmacken drohte der einst so großen Autonation in den vergangenen Jahren die Versenkung in der Bedeutungslosigkeit. Veraltetete 08/15-Technik mit ganz nettem Design, das ist nichts, was sich heute noch gut verkaufen lässt – siehe Lancia oder Alfa Romeo.
Absolut Oberklasse-Format: Der Ghibli kann mit 5er und E-Klasse mithalten – ist zudem sportlicher.
Bild: Christoph Börries
Attenzione Tifosi, es gibt doch noch Hoffnung! Im norditalienischen Modena erlebt die Traditionsmarke Maserati gerade ihren zweiten Frühling, ist so erfolgreich wie nie zuvor. Und das hat einen ganz einfachen Grund: Endlich bauen die Italiener gute Autos. Wie gut, zeigt unser erster Test des neuen Ghibli, einer Limousine vom Schlage des BMW 5er. Und tatsächlich haben sie sich den Bayern offenbar ganz genau angesehen, als sie den Ghibli erschaffen haben. Weniger beim Design, hier ist Chefgestalter Lorenzo Ramaciotti ein eigenständiger Entwurf gelungen, wenn auch ohne die Genialität früherer Pininfarina-Entwürfe. Aber beim Format haben sie sich den 5er wohl zum Vorbild genommen, das Platzangebot ähnelt eher der intimen Kuscheligkeit des BMW als der lässigen Weite einer Mercedes E-Klasse. Passt prima zum Ambiente, hier haben sie bei Maserati vieles anders, wenig schlechter und einiges besser gemacht als die deutschen Premium-Kollegen.
Unter der Haube arbeitet ein Ferrari-Motor mit Doppelturbo
Dampfmacher: Der 3,8-Liter-V6 kommt von Ferrari und versorgt den Ghibli mit satten 410 PS.
Bild: Christoph Börries
Und klar, obwohl Maserati zu dem mittlerweile amerikanisch geprägten Mischkonzern Fiat Chrysler gehört, sind sie in Modena doch ganz ihren italienischen Wurzeln verpflichtet. So reden sie nicht so gerne über Assistenzsysteme (hat der Ghibli eh kaum) – und viel lieber darüber, dass die Stoffbezüge der Sitzmittelbahn nicht einfach Stoffbezüge sind, sondern gemeinsam mit dem Nobel-Herrenausstatter Ermenegildo Zegna entwickelte Seidenstoffe. Viel wichtiger aber: Der Maserati ist richtig gut verarbeitet, selbst auf schlechten Pisten klappert oder rappelt nichts. Ist aber auch kein Wunder, extra für diese Limousine hat Maserati eine neue Fabrik gebaut, die mit modernsten Produktionstechniken arbeitet. Nur der Motor kommt nicht von dort: Er wird bei der Nobel-Schwester Ferrari in Maranello gefertigt. Ein kleines Juwel, dieser doppelt aufgeladene Sechszylinder. Kehlig-rauchiger Klang und Kraft in jeder Lebenslage – selten war ein Auto in dieser Klasse so sportlich motorisiert. Einziger Wermutstropfen ist der heftige Testverbrauch von 13,5 Litern pro 100 Kilometer, feinstes Super plus, versteht sich.
Zum heißen Motor passt auch die Fahrwerkabstimmung. Straff, aber nicht zu hart – so zeigt Maserati, dass sie jetzt auch gekonnt abgestimmte adaptive Fahrwerke können. Dazu der auf Spaß getrimmte Allrad, der sogar Drifts zulässt. Das kennen wir sonst nur von Porsche. Wir von AUTO BILD jedenfalls haben selten so viel Gaudi in einer Business-Limousine gehabt. Und so bleibt am Ende die gute Nachricht: Die Liebe ist geblieben, das Leiden hat ein Ende.
Fazit
von
Stefan Voswinkel
Wenn uns vor fünf Jahren jemand gefragt hätte, ob er einen Maserati kaufen soll, hätten wir abgewinkt. Hoher Wertverlust und miese Langzeitqualität sprachen dagegen. Dieses Weltbild hat der Ghibli komplett auf den Kopf gestellt. Die Limousine ist richtig gut geworden, eine empfehlenswerte Alternative zu Audi, BMW, Jaguar und Mercedes – eben einer fürs Herz. Und den Verstand. Abgesehen vom Verbrauch.