Maserati beweist ein Herz für fröstelnde Mitteleuropäer und unterstützt die Petrolheads nördlich der Alpen im Kampf gegen drohende Herbstdepressionen mit dem neuen MCPura: Mit leidenschaftlichem Design und auf Wunsch auch einem Fenster zum Himmel hellt er auch die düsterste Stimmung auf. Und mit einem ganz und gar mechanischen V6-Orchester ohne jede elektrische Unterstützung bläst er dem Winterblues mit markigem Modena-Sound den Marsch und fährt dem drohenden Winter mit mehr als 320 km/h davon.
Zwar ist selbst der Begriff "Facelift" hier noch eine höfliche Übertreibung, und von einem neuen Auto kann erst recht keine Rede sein. Denn viel mehr als der Name ändert sich nicht beim Wechsel vom MC20 zum MCPura.
Maserati MCPura
630 PS und 739 Nm bei nicht einmal 1500 Kilogramm: der Maserati MCPura.
Bild: Maserati
Doch reichen selbst ein bisschen frischer Schminke am Bug, der Wechsel von Glattleder auf Alcantara im Cockpit und ein neues Lenkrad im Stil des GT2 Stradale für eine Bella Figura auf der Überholspur des Lebens. Denn die klassischen Proportionen des Zweisitzers sind zeitlos, und selbst wenn beim Cielo mit versenktem Hardtop die Linie des Profils unterbrochen wird, bleibt er ein Blickfang, nach dem sich alle umdrehen.

Maserati MCPura in einer Liga mit dem Lamborghini Temerario

Und wenn es ums Fahren geht, kann man ohnehin nicht mehr viel besser machen an dem Spitzensportler, der in einer Liga antritt mit dem Lamborghini Temerario, dem Ferrari 296 oder dem Aston Martin Vantage. Erst recht nicht in Zeiten, in denen es meist elektrisch wird, wenn die Ingenieure Hand an einen Triebstrang legen.
Im MCPura dagegen schlägt weiterhin ein heißes Herz, das keinen elektrischen Schrittmacher braucht: "Nettuno" heißt das Kraftwerk mit sechs Zylindern und drei Litern Hubraum, das Ingenieure mit einem Biturbo und dem sogenannten Vorkammer-Prinzip aus der Formel 1 mit doppelter Einspritzung und zweifacher Zündung begeistert und Petrolheads mit einem Sound verwöhnt, der dreckig und rotzig ist wie bei den Rolling Stones zu ihren besten Zeiten.
Maserati MCPura
Typisch Maserati: ein schickes, edles Interieur.
Bild: Maserati
Vor allem aber baut der Motor ungeheuer früh ein extrem gewaltiges Drehmoment auf. Noch ehe der Fahrer das Wort Turboloch auch nur gedacht hat, rammt ihm Nettuno schon den Dreizack in die Magengrube und katapultiert den MCPura dem Horizont entgegen. Wenn 630 PS und 730 Nm auf nicht einmal 1500 Kilo treffen, wird die Trägheit der Masse zu einer Marginalie und Zeit plötzlich sehr relativ. Während die achtstufige Doppelkupplung die Gänge rasend schnell aber kaum merklich ins Getriebe knüppelt und sich die Hinterreifen mit dem Asphalt verzahnen, vergehen nicht einmal drei Sekunden, bis die erste dreistellige Ziffer über den digitalen Tacho flimmert, und wer danach tapfer auf dem Gas bleibt, kann die Anzeige auf fast 330 km/h klettern sehen.
Dabei schlagen zwei Herzen in der breiten Brust des Boliden: Das eines kompromisslosen Rundstrecken-Renners und das eines komfortablen Gran Turismo – und je nachdem, welches der fünf Fahrprofile mit dem Drehschalter auf dem Mitteltunnel aktiviert ist, gibt das eine oder das andere den Takt vor: Wer "Sport" wählt oder "Corsa" oder sich gar in die "ESC Off"-Stellung traut, der erlebt den MCPura als messerscharfes Track-Tool, das bissig seine Runden dreht. Das adaptive Fahrwerk bocksteif, die Lenkung feinfühlig und direkt und die Elektronik nur noch als ferner Wächter weit im Hintergrund, wird er zur intuitiven Fahrmaschine, die Kurven nimmt, wenn der Pilot nur ans Einlenken denkt und schon wieder herausschießt, bevor sich der Fuß überhaupt gesenkt hat.
Maserati MCPura
Thomas Geiger hat den Maserati MCPura unter die Lupe genommen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Doch es braucht nur den Dreh zurück zum Beispiel auf GT, dann fährt der Maserati seine Krallen wieder ein und wird zum Genuss-Sportwagen: Das Lenkrad nur noch mit zwei Fingen gehalten, die Lehne der überraschend bequemen Schalensitze etwas weiter nach hinten gekippt und begleitet von einer sonoren aber keineswegs protzigen und schon gar nicht peinlichen Motor-Melodie fliegt er lässig über die Landstraßen, bügelt selbst die Frostaufbrüche auf den Waschbrettpisten im Küstengebirge Apennin aus und treibt mit jeder Kurve die Mundwinkel weiter nach oben.

Der Dreizack sticht gnadenlos zu

Spätestens dann nimmt man sich bereitwillig auch mal die paar Sekunden zurück, die es braucht, um das Glasdach gleich ganz ins Heck zu klappen und den Tag oben ohne zu genießen. Der Herbst kommt schließlich schnell und kalt genug. Und falls auf den einsamen Sträßchen im Hinterland doch mal ein Traktor auftaucht, eine Ape den Pass hinaufkraucht oder eine Signora ihren alten Panda ausführt, genügt ein beherzter Gasstoß, und der Dreizack sticht gnadenlos zu: Mit einem Augenwischen ist das Hindernis passiert und die Straße wieder frei.
Maserati MCPura
Der legendäre, markante Dreizack auf dem neuen MCPura.
Bild: Maserati
Natürlich haben sie bei diesem Facelift "dünn drüber gemacht" und eigentlich nicht viel mehr als den Namen geändert. Aber erstens ist das in Zeiten wie diesen kein Schaden. Weil sonst immer die Gefahr von Elektrifizierung und Digitalisierung drohen. Und zweitens gibt es am V6 Sportler ohnehin nicht viel, was man verbessern kann – Aspirin hat schließlich auch noch immer die gleiche Grundrezeptur. Und genau wie die Mutter aller Schmerztabletten immer und überall hilft, kuriert der MCPura jede schlechte Stimmung und hellt das Gemüt vom ersten Gasstoß an auf.
Sommer oder Herbst? Grauer oder blauer Himmel? Nach ein paar Minuten mit dem Maserati hat man die Sonne im Herzen. Erst recht im Cielo. Und das ganz ohne Rezept. Allerdings leider auch nicht als Kassenleistung. Dabei könnte bei 221.500 Euro für das Coupé oder 256.350 Euro für den Spyder ein bisschen Zuschuss nicht schaden.