Zu viel des Guten – gibt es das wirklich? Der erste Gedanke: eher nö. Der zweite: oder vielleicht doch? Beim kleinen AMG der gerade gelifteten C-Klasse kommen wir jedenfalls ins Grübeln. Darüber steht der C 63 mit 510 PS starkem V8. Schon der C 43 bietet reichlich Wumms und Wow-Effekt. Im Alltag kann der vehement vorgetragene Sportsgeist allerdings verstören – voll die Härte, dieser Kombi-Kracher.

Der V6-Biturbo ist über jeden Zweifel erhaben

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Video: Mercedes-AMG C 43 T-Modell (2018)

Kein Kombi für die Familie

Dabei fängt alles so gut an. Das Platzangebot stellt auch Familien zufrieden, der Kofferraum steckt von Großeinkauf bis Kleingewerbe alles locker weg, feine Materialien und weitreichende Vernetzung sorgen für gute Stimmung an Bord. Obwohl das schlaue MBUX-System aus der A-Klasse nicht mit eingezogen ist, fällt die Bedienung des feinen Frachters leicht. Die Sportsitze mit den imposanten Seitenwangen fühlen sich an, als wachten zwei Bodyguards über deine Sitzposition – ohne dabei auch nur einen Millimeter nachzugeben. Unschlagbar für alle mit Normalgröße. Plus-Size-Models und alle, die statt zum Sixpack eher zur Kiste neigen, geraten hingegen schon mal leicht in Bedrängnis. Beim Antrieb kommt nicht mal der Gedanke daran auf. Im Gegenteil. Der V6-Biturbo lässt aus sechs Halbliter-Töpfen unverschämt gierige 390 PS und kaum zu bändigende 520 Nm auf alle vier Räder los.

Beim Beschleunigen schaltet der AMG auf Inferno

Mercedes-AMG C 43 T
Krasses Katapult: Auf Tempo 100 sprintet der C 43 T in  4,3 Sekunden – unter infernalischem Gebrüll.
Das Ergebnis? Sagen wir mal so: Den AMG C 43 leihst du auf keinen Fall deinem 19-jährigen Sohn. Und irgendwie auch nicht deiner Frau. Genau genommen verleihst du ihn überhaupt nicht, jedenfalls nicht gern.  Als käme der Soundtrack direkt aus der Motorsportabteilung, brüllt der C 43 dir schon beim Start zu: "Vergiss das Kombiheck da hinten, hier vorn spielt die Musik. Und zwar keine Schlager, sondern Heavy Metal." Ansatzlos stürmt der immerhin fast 1,8 Tonnen schwere Lust-Laster aus den Startblöcken und macht nach 4,3 Sekunden einen Haken hinter die 100 km/h. Zeit zum Verschnaufen gibt’s keine, braucht der Benz auch nicht. Tempo 200 liegt nach 15,6 Sekunden an – ein Basis-Elfer kann das auch nicht viel schneller. Der Weg dorthin ist ein einziger Rausch, ein süchtig machender Mix aus infernalischem Gebrüll und brutalem Schub. Dank aufmerksamer Neunstufenautomatik mit verkürzten Schaltzeiten legt der V6 bei jeder Drehzahl einfach immer weiter zu und würde ohne mit den Kolben zu zucken weit über 250 km/h rennen – wenn da nicht die elektronische Fußfessel wäre.
Macht aber nix, Spaß entsteht sowieso zum überwiegenden Teil in der Kurve. Und da hinterlässt der C 43 einen durchaus talentierten Eindruck. Ebenso exakt wie energisch stürzt sich der kleine Bruder des C 63 auf Biegungen aller Art. Die präzise Lenkung liefert gute Rückmeldung, der Allradantrieb sorgt für gierigen Grip, die 69 Prozent Antriebsmoment hinten lassen das Heck schon mal ein wenig mitlenken – keine Frage, der C 43 ist nicht nur geradeaus schnell.

Das Fahrwerk ist schlicht und ergreifend zu hart

Mercedes-AMG C 43 T
Kurvenkünstler: Auch querdynamisch geht im AMG einiges, aber Komfort kann er leider gar nicht.
Und er bereitet eine Menge Spaß. Wer mit ihm über kurvige Landstraßen fliegt, wird über das hohe Tempo genauso erfreut sein wie über das souveräne Handling und die narrensichere Abstimmung. Hier klebt der kleine C 43 seinem V8-Bruder schon richtig dicht am Blech. Allerdings bereitet die straffe Abstimmung des Fahrwerks – trotz Verstelldämpfern – im Alltag immer wieder mal Ärger. Selbst in der Komfortstellung fällt der Straßenzustandsbericht auf schlechten Pisten einfach zu detailverliebt aus. Am Sonntagnachmittag mit den Liebsten über kleinste Kreisstraßen cruisen? Da leidet der Familienfrieden, zeigt sich die Gattin erschüttert, beschwert sich der Nachwuchs von hinten über garstige Schläge. Ganz ehrlich, das passt wenig zu Kombi und Kindern, ist viel mehr was für Coupé und Copilotin. Im T-Modell würden wir dringend zu einem Komfort-Plus-Modus raten.  Auch der Preis dürfte Familien unangenehm aufstoßen. So ein Mercedes-AMG C 43 4Matic T-Modell kostet mindestens 63.516 Euro. Und mit ein paar Kreuzchen in der Aufpreisliste steht ganz vorn auch schnell eine Acht. Puh, ein Haufen Geld.
Für das aber nach wie vor nur zwei Jahre Garantie herausspringen – auf einer Skala von "das Beste" bis "nichts" liegt das irgendwie deutlich zu nah am Letztgenannten. In seiner Werkstatt und an der Tankstelle gehört der C-43-Kunde zu den gern gesehenen Gästen. Der Benz- Betrieb bittet jedes Jahr (oder alle 25.000 Kilometer) zur Wartung. Und der freundliche Tankwart füllt alle 100 Kilometer 10,6 Liter Super plus nach. Beeindruckt hat uns der C 43 dennoch. Stark sogar. Ist eben echt die Härte, dieser Typ.

Von

Berend Sanders