Mercedes-AMG One – das "Project" im Namen hat Mercedes inzwischen gestrichen. Zum 50. Geburtstag von AMG wurde die Studie des Hypersportwagens mit einem Versprechen präsentiert: "Der Mercedes-AMG One ist das erste Formel-1-Auto mit Straßenzulassung." Das war auf der IAA 2017. Ursprünglich sollte die auf 275 Stück limitierte Serienversion bereits 2019 auf den Markt kommen, doch die komplexe und exotische Formel-1-Technik für die Straße zu homologieren, stellte die Ingenieure vor große Herausforderungen. Nach mehreren Verzögerungen soll der Mercedes-AMG One 2021 endlich kommen!

V6-Hybridbenziner mit 1,6 Liter Hubraum

Der Plug-in-Hybrid Antrieb des Mercedes-AMG One mit über 1000 PS Leistung stammt direkt aus der Formel 1. Er besteht aus einem Hybrid-Turbo-Verbrennungsmotor mit insgesamt vier Elektromaschinen: Eine ist im Turbolader integriert, eine weitere befindet sich direkt am Verbrenner und ist mit der Kurbelwelle verbunden, die zwei restlichen E-Motoren treiben die Vorderräder an. Der 1,6 Liter große V6-Benziner mit Direkteinspritzung und elektrisch unterstützter Single-Turboaufladung hat vier obenliegende Nockenwellen, die über Stirnräder angetrieben werden. Um ein hohes Drehzahlniveau zu erreichen, sind die mechanischen Ventilfedern durch pneumatische Ventilfedern ersetzt worden. Das in Mittelmotorposition vor der Hinterachse eingebaute Triebwerk dreht laut AMG bis 11.000 U/min, was für ein Straßenfahrzeug derzeit einzigartig ist. In der Formel 1 darf der Motor bis 15.000 U/min drehen, ist aus Effizienzgründen aber auf 13.500 Touren begrenzt. Für eine längere Haltbarkeit und die Verwendung von handelsüblichem Super-Plus-Benzin statt Rennkraftstoff bleibt der Motor des One jedoch unter dem F1-Drehzahllimit. Die Kraft des Antriebs wirkt ausschließlich auf die Hinterachse.
Speziell die extrem hohen Drehzahlen sind eine Hürde für die Straßenzulassung. Für die benötigten Abgastests muss die Leerlaufdrehzahl des 1,6-Liter-V6 bei konstanten 1200 Umdrehungen liegen. Bei Abweichungen kann kein verlässlicher Wert ermittelt werden. In der Formel 1 hingegen liegt die Drehzahl in der Boxengasse mit 5200 Umdrehungen in einer Region, die für den öffentlichen Straßenverkehr unzumutbar wäre. Doch Ende 2020 gab es endlich gute Neuigkeiten zum AMG One: Wie Mercedes-AMG verlauten ließ, hat man jetzt einige Vorserienmodelle zur Feinabstimmung auf die hauseigene Teststrecke geschickt. Und zwar erstmals mit der vollen Motorleistung von über 1000 PS! Das bedeutet wohl, dass man die Emissionsprobleme in den Griff bekommen hat und die Serienreife in greifbare Nähe rückt. Neben Abstimmungen am Antrieb geht es bei der Rennstreckenerprobung auch um den Feinschliff an der Fahrbarkeit und an der aktiven Aerodynamik.
Mercedes-AMG ONE Prototyp Entwicklungsfahrt
Ende 2020 hat Mercedes-AMG verkündet, dass der One endlich mit voller Leistung getestet wird.

Motorüberholung bei 50.000 Kilometern

Eine Besonderheit gibt es bei der Wartung. Der Formel-1-Motor ist für gewöhnlich auf eine Laufleistung von 4000 Kilometern ausgelegt. Weil der Motor im One auf 11.000 U/min begrenzt ist und ein anderes Getriebe zum Einsatz kommt, muss die 1,6-Liter-Maschine erst alle 50.000 km überholt werden.

AMG One mit vier Elektromotoren

Abgas- und Verdichterturbine sind voneinander getrennt, neben der Abgas- und zur Ansaugseite des V6-Motors positioniert und durch eine Welle miteinander verbunden. Auf dieser Welle befindet sich ein ca. 90 kW starker Elektromotor. Er treibt beispielsweise beim Anfahren oder nach Lastwechseln die Verdichterturbine mit 100.000 Umdrehungen elektrisch an. Die Formel-1-typische Bezeichnung dieser Einheit lautet MGU-H (Motor Generator Unit Heat).
Der elektrische Turbolader dient aber nicht nur als E-Verdichter. Er nutzt einen Teil der überschüssigen Energie aus dem Abgasstrom, um als Generator elektrische Energie zu erzeugen und diese entweder per Rekuperation in der Hochvolt-Lithium-Ionen-Batterie zu speichern oder sie zwecks zusätzlichem Vortrieb einem weiteren Elektromotor zuzuführen. Der Generator leistet 120 kW, ist direkt am Verbrennungsmotor positioniert und über einen Stirnradantrieb mit der Kurbelwelle verbunden (MGU-K = Motor Generator Unit Kinetic).
Mercedes-AMG Project ONE Concept !!! SPERRFRIST  11. September 2017   20:30 Uhr !!!
Hinten sitzt ein V6 mit zwei E-Motoren, vorne gibt es zwei weitere Elektromaschinen.

Die zwei jeweils 120 kW starken Elektromotoren an der Vorderachse kommen auf bis zu 50.000 U/min. Sie sind über je ein Untersetzungsgetriebe mit den Vorderrädern verbunden. Die rein elektrisch angetriebene Vorderachse ermöglicht das individuelle Beschleunigen und Abbremsen und damit eine individuelle Drehmomentverteilung für besonders hohe Fahrdynamik, genannt Torque Vectoring – ein Feature, das auch andere Hypercars wie der neue Honda NSX haben. Die Bremsenergie lässt sich per Rekuperation nutzen, also in die Batterie einspeisen. Mit den beiden E-Motoren kann der AMG One bis zu 25 Kilometer rein elektrisch fahren, was der elektrischen Reichweite eines Porsche 918 Spyder entspricht.
Anordnung und Kühlung der Batteriezellen entsprechen ebenfalls der Architektur des Formel-1-Rennwagens von Mercedes-AMG Petronas. Für den Alltagsbetrieb ist die Anzahl im AMG Project One allerdings um ein Vierfaches größer.

Endrohr wie bei der Formel 1

Große Lufteinlässe, die von U-förmigen Flaps eingerahmt sind, sowie flache LED-Scheinwerfer dominieren die Front des AMG One-Erlkönigs. Übers Heck spannt sich eine Haifinne. Der zweigeteilte Diffusor wird vom mittigen Endrohr unterbrochen. Das Design des Endrohrs mit einem großen, runden Auslass und zwei weiteren kleinen, runden Öffnungen wurde direkt von den Formel-1-Fahrzeugen übernommen. Die Rückleuchten nehmen die Form der Frontscheinwerfer auf und erinnern mit jeweils drei rautenförmigen Lichtelementen an das AMG-Logo. Den Hybridantrieb des AMG One erkennt man an den zwei Tankklappen – hinten rechts für Benzin und hinten links die Ladebuchse für die Plug-in-Hybridbatterie.
Mercedes-AMG Project ONE  !!! SPERRFRIST  11. September 2017 20:30 Uhr !!!
Komfort muss sein: Immerhin gibt es Klimaanlage, Fensterheber und Handyablage im Cockpit.

Aktive Aerodynamik

Durch die schwarzen Luftauslässe in der Fronthaube wird der Luftstrom seitlich um die Fahrerkabine herumgeleitet. So gelangt die Luft in den Ansaugtrakt auf dem Dach. Der Anpressdruck auf die Vorderachse soll durch den automatisch ausfahrenden Frontsplitter und die aktiven Lüftungsschlitze (Louvres) in den vorderen Rathäusern begünstigt werden. An den Flanken leiten schwarze Luftleitflächen aus Carbon den Luftstrom um die Karosserie. Hinten führen zwei große sogenannte NACA-Lufteinlässe die Luftströme zum im Heck platzierten Motor- und Getriebeölkühler.

Carbon-Monocoque mit Smartphone-Ablage

Wie im Rennsport üblich, öffnen die Türen des Mercedes-AMG One gleichzeitig nach vorn und nach oben. Über die großen Einstiege gelangt man ins Carbon-Monocoque. Es gibt keine Verkleidung, dafür viel Carbon, alles ist auf Funktionalität getrimmt. Zwei schwarze Schalensitze mit verstellbaren Rückenlehnen sind ins Monocoque integriert. Die Sitze sind mit rutschfestem Mikrofaservlies und Nappaleder bezogen. Eine Höheneinstellung gibt es nicht. Für die richtige Sitzposition lassen sich Pedale und Lenkrad justieren. Die zwei freistehenden 10-Zoll-Displays sind in Echtmetall eingefasst – eines leicht erhöht vor dem Fahrer, das andere rechts auf der Mittelkonsole dem Fahrer zugeneigt. Unter dem Mittelbildschirm sind zwei rechteckige Lüftungsdüsen. Dann kommt die Mittelkonsole mit dem Start-Stopp-Knopf. Davor befindet sich ein Ablagefach mit transparentem Deckel – an eine Handyablage hat Mercedes-AMG also auch gedacht.

Lenkrad wie in der Formel 1

Das oben und unten abgeflachte Lenkrad mit integriertem Airbag erinnert ebenfalls an die Formel 1. Über die beiden integrierten Touchpads lassen sich die Fahrprogramme, Fahrwerkseinstellungen oder die LED-Schaltanzeige im oberen Lenkradbereich einstellen. Die Kraftübertragung erfolgt mittels eines komplett neu für den Mercedes-AMG One entwickelten Siebengang-Getriebes. Es wird hydraulisch aktiviert und kann manuell per Schaltpaddles am Lenkrad oder automatisiert geschaltet werden.
Mercedes-AMG Project ONE
Mehr geht nicht: Haifinne und mittiges Endrohr am Heck des AMG One.

In der Carbon-Türverkleidung stecken vor den Türgriffschlaufen die Fensterheberschalter. Elektrische Fensterheber senken sicherlich nicht das Gewicht, erhöhen aber den Komfort. Sie sind ebenso serienmäßig an Bord wie die Klimaanlage. Weitere Komfort-Features sind die Ablagefächer links und rechts hinter den Sitzen. Der Innenspiegel wurde durch einen Bildschirm ersetzt, der Echtzeitbilder zeigt. Das Aluminum-Bildschirmgehäuse ist in das Dach integriert und beherbergt weitere Bedienelemente.

Launchcontrol: schneller auf 200 km/h als der Bugatti Chiron

Die Fahrprogramme im AMG One reichen vom rein elektrischen Betrieb bis hin zu einem Race-Modus, der laut AMG einer Einstellung entspricht, die im Formel-1-Qualifying für bestmögliche Rundenzeiten sorgen würde. Das ESP lässt sich auf "Ein", "Sport-Handling" und "Aus" konfigurieren. Eine Launchcontrol ist ebenfalls im Programm: Die "Race Start"-Funktion soll eine Beschleunigung von 0-200 km/h in weniger als sechs Sekunden erlauben. Damit wäre der Bugatti Chiron geschlagen, der dafür 6,5 Sekunden benötigt. Musik und Infotainment kommen auch nicht zu kurz: Mit dem Comand-System sind alle bekannten Funktionen zur Smartphone-Integration an Bord, möglicherweise sogar Online-Dienste.

Höchstgeschwindigkeit über 350 km/h

Antrieb Hinterachse: 1,6-Liter-V6 mit Direkteinspritzung, vier Ventilen pro Zylinder, vier obenliegenden Nockenwellen und elektrisch unterstützter Single-Turboaufladung sowie einem mit der Kurbelwelle verbundenem E-Motor
Hubraum: 1600 ccm
Leistung Antrieb Hinterachse: > 500 kW
Leistung Antrieb Vorderachse: 2 x 120 kW
System-Leistung: > 740 kW (> 1000 PS)
Elektrische Reichweite: 25 km
Getriebe: Variabler Allradantrieb AMG Performance 4MATIC+ mit hybridangetriebener Hinterachse, elektrisch angetriebener Vorderachse und Torque Vectoring. Automatisiertes AMG Speedshift Siebengang-Schaltgetriebe.
Beschleunigung: 0-200 km/h < 6 s (auf Tempo 100 schätzt AUTO BILD < 2,5 s)
Höchstgeschwindigkeit: > 350 km/h

Keramikbremse und neu entwickelte Pilot Sport Cup 2 R

Vorn und hinten kommt eine Mehrlenkerkonstruktion mit einstellbaren Gewindefahrwerk zum Einsatz. Die beiden Push-Rod-Federbeine liegen quer zur Fahrtrichtung. Die Anordnung der Feder-/Dämpfereinheit ersetzt die Funktion und Verwendung eines üblichen Rohr-Querstabilisators. Das soll Wankbewegungen auch bei sehr schnellen Richtungswechseln mindern.
Eine Neuentwicklung ist auch das Zehnspeichen-Aluminium-Schmiederad mit Zentralverschluss, das dem Mercedes-AMG One vorbehalten ist. Es verfügt über eine Teilabdeckung aus Carbon, die die Aerodynamik und den cw-Wert des Fahrzeugs verbessern soll. Für die Verzögerung sorgt eine Keramik-Verbundbremsanlage. Je drei flache Belüftungsschlitze pro Speichenabschnitt sollen die Wärmeableitung der Bremsen optimieren.
Die Reifen-Dimensionen des AMG One: vorne 10,0 J x 19 mit 285/35 ZR 19 Michelin Pilot Sport Cup 2 R-Reifen (nur für den One entwickelt), hinten auf 12,0 J x 20-Rädern, mit Michelin Pilot Sport Cup 2 Reifen in der Größe 335/30 ZR 20.

Preis: 2,75 Millionen Euro plus Steuern

Mercedes-AMG hat verraten, dass insgesamt nicht mehr als 275 One gebaut werden und die Bestellbücher gut gefüllt sind. Nach aktueller Auftragslage ist der Mercedes-AMG One ausverkauft – trotz eines Preises von rund 2,75 Millionen Euro plus Steuern. Trotz mehrfacher Verzögerungen sind die Kunden immer noch an Bord. Ganz wichtig dabei: Die Kunden des Hypercars wurden frühzeitig über die Verzögerungen informiert und mit verschiedenen Events und Goodies bei Laune gehalten. 2021 soll es aber endlich so weit sein – die ersten Kundenfahrzeuge des Mercedes-AMG One sollen ausgeliefert werden!