Für Mercedes war es der GAU. Die Marke, die sich wie keine andere das Thema Sicherheit auf die Fahnen geschrieben hat, musste Bremsversagen eingestehen. Und das nicht nur beim Luxus-Roadster SL, sondern auch beim umsatzträchtigsten Modell, der Anfang 2002 neu eingeführten E-Klasse der Baureihe 211. 2004 war das, als erste Probleme mit der elektronischen Wunderbremse SBC (Sensotronic Brake Control) bekannt wurden. Folge: Im April 2005 rief der damalige Mercedes-Boss Dr. Eckhard Cordes alle bis dato ausgelieferten SBC-Autos zurück. Die gute Nachricht: Seitdem gelten die Probleme als behoben. Mercedes ging trotzdem einen Schritt weiter – sicher ist sicher – und warf SBC bei der Modellpflege der E-Klasse im April 2006 komplett raus. Stattdessen bauten die Stuttgarter eine herkömmliche Bremse ein.
Mercedes E-Klasse E 220 CDI
Willkommen zu Hause: klassische Mercedes- Atmosphäre, sehr gute Sitze.
Bild: Ralf Timm
Ist also von den älteren Versionen abzuraten? Klares Nein. Tatsächlich erreichen uns heute keine Klagen mehr wegen der SBC-Bremse. Das System arbeitet inzwischen nahezu mängelfrei, die Baureihe 211 ist einer der ganz seltenen Kunden im AUTO BILD-Kummerkasten. Trotzdem heißt es, die Augen aufhalten, denn die günstigeren Angebote auf dem Markt sind meistens Leasing-Rückläufer mit hoher Laufleistung. Wer so ein vermeintliches Schnäppchen mit sechsstelligem Tachostand kauft, sollte einen Satz Spurstangen, Traggelenke und Hinterachsbuchsen mit einkalkulieren. Sowie, je nach Temperament des Vorbesitzers, auch einen Turbolader – erst recht bei chipgetunten Fahrzeugen. Doch das ist kein typisches Problem von Mercedes, Chiptuning ist für alle Hersteller von modernen Turbodieselmotoren der GAU.

Die Probefahrt von AUTO BILD

Mercedes E-Klasse E 220 CDI
Quelle allen Übels: Der Ausfall der SBC-Bremse führte zu ABS-Versagen und einer Riesen-Rückrufaktion.
Bild: Ralf Timm
Unser Testwagen stammt aus dem September 2004, wurde also vor dem Facelift produziert und besitzt die anfällige elektrohydraulische SBC-Bremse. Immerhin hat er schon den damals noch aufpreispflichtigen Dieselpartikelfilter (grüne Plakette), Fünfstufen-Automatikgetriebe und Metalliclackierung, außerdem den größeren Tank. Doch damit hatte der erste und einzige Vorbesitzer wohl wenig im Sinn, 83.400 Kilometer in fünf Jahren sind in dieser Klasse wenig. 19.900 Euro will Vertragshändler Burmester in Rellingen haben, ein üblicher Preis. Unüblich jedoch die zahlreichen Schrammen und Dellen – viel Arbeit für den Lack-Doktor. Die Testfahrt beginnt mit typischem CDI-Klopfen, aber 150 PS sind nicht die Welt für den stämmigen 1,8-Tonner.
Mercedes E-Klasse E 220 CDI
Lager-Labyrinth: Spiel in den Gelenken von Vorder- und Hinterachse verschlechtert Straßenlage und TÜV-Bilanz.
Bild: Ralf Timm
Ging die Lenkung schon immer so schwer? Klarer Fall, die normale Servolenkung läuft bei Mercedes immer recht stramm, der Käufer soll den schweren Wagen fühlen. Wer eine Einfinger-Lenkung will, muss ein Kreuz bei "Parameterlenkung" machen. Ansonsten bleibt dieses T-Modell ohne Befund, nichts klappert, und sanft wiegend dümpeln Fotograf und Redakteur durch den Hamburger Süden. Kein Sonderangebot, aber die Technik macht einen guten Eindruck. Fürs Blechkleid dieser E-Klasse gilt das nicht, da hilft ein Lackstift kaum weiter, es müssen Profis ran. Es sei denn, der neue Besitzer stört sich nicht an Äußerlichkeiten. Was aber unter Mercedes-Kunden eher selten vorkommen soll.

Das macht Ärger

Kern allen Übels und beinah tödlich für das Sicherheits-Image der Marke war der Ausfall der SBC-Bremse, der bis Baujahr 2005 viele E-Klassen und SL traf und im April des Jahres einen Rückruf zur Folge hatte. Heute macht SBC keine Probleme mehr und falls doch, verspricht Mercedes schnelle und unbürokratische Abhilfe auf dem Kulanzweg. Dies gilt auch für Rostschäden, die beim W 211 zwar selten vorkommen, aber nicht ausgeschlossen sind. Und selbst wenn die Funktion nicht beeinträchtigt ist – es sieht einfach nicht gut aus, wenn alle 20 Radschrauben der Aluräder nach fünf Jahren völlig verrottet sind wie beim Testwagen. Weitere Mängel sind schon Mercedes-Klassiker wie der Stern: ausgeschlagene Spurstangenköpfe, einseitig ziehende Feststellbremse, verschlissene Keilrippenriemen oder gelockerte Injektoren der CDI-Modelle.
Die SBC-Affäre hat dem Ruf der Baureihe 211 nachhaltig geschadet, auch wenn Mercedes die Bremse schließlich in den Griff bekam. Dabei können Kunden eigentlich fast unbesorgt zugreifen, denn inzwischen zählt dieses Modell zu den besonders ausgereiften Gebrauchtwagen. Im AUTO BILD-Kummerkasten ist er unauffällig, nur hat sich das noch nicht herumgesprochen. Das sorgt für relativ niedrige Preise – für Mercedes-Verhältnisse.