S wirkt. Der V8 murmelt bei knapp über 2000 Umdrehungen, der Stern schneidet zwei Meter weiter vorn durch den kalten Wind. Innen strahlen sogar die Armauflagen wohlige Wärme ab, während die "Magic Vision"-Scheibenwischer Schneematsch von der Scheibe putzen. In der S-Klasse fühlen sich Mercedes-Fahrer seit 1972 besonders geborgen. Nicht etwa, weil mit der Baureihe W 116 ein "integrales Sicherheitskonzept" zu großen, geriffelten Leuchten und einem beruhigend großen Vierspeichenlenkrad mit Pralltopf führte. Das sicher auch.
Überblick: Alles News und Tests zur Mercedes S-Klasse
Mercedes S 500 Plug-In Hybrid
Tür zu und die Welt draußen lassen: Die S-Klasse versteht es, Geborgenheit zu vermitteln.
Bild: Angelika Emmerling
Doch vor allem kultiviert Mercedes schon lange das gute Gefühl der Geborgenheit, das ein kluger Kollege etwa so beschrieb: Es sei, als ob ein Kaminfeuer im Handschuhfach knistere, während draußen auf der A3 ein Schneesturm tobt. Der Wunsch nach Geborgenheit ist ein guter Grund, eine S-Klasse zu kaufen. Die Suche nach einem guten Auto ein weiterer. Mercedes verspricht sogar, mit der Baureihe W 222 "das beste Auto der Welt" anzubieten. Stimmt das – oder sind die Schwaben Angeber? Fest steht, dass schon die günstigste S-Klasse eine Menge Geld kostet: 81.753 Euro Grundpreis stehen einer üppigen Verbreitung massiv entgegen. Immerhin gäbe es für diesen Betrag zwei Tiefgaragen-Stellplätze in München Schwabing oder eine kleine Villa in einer Gegend, aus der die jungen Leute wegziehen.

S 500 als Coupé und Maybach schon mit Neunstufenautomatik

Mercedes S 500
Fällt das Fahrpedal im S 500 in die Auslegware, dann werfen sich 700 Newtonmeter ins Geschirr, noch bevor der Drehzahlmesser die 2000 erreicht.
Bild: Angelika Emmerling
Käufer einer Basis-S-Klasse können preisgleich zwischen S 300 BlueTec Hybrid und S 350 BlueTec wählen – zwei Diesel unterschiedlichen Charakters. Im Hybrid unterstützt eine 20 Kilowatt und 250 Newtonmeter starke Elektromaschine Daimlers Allzweck-Vierzylinder OM651. Das reicht für saftigen Schub bis jenseits der Autobahn-Richtgeschwindigkeit; immerhin sorgt allein der Verbrenner schon für durchaus imposante 500 Newtonmeter. Die grundsätzliche Brummigkeit des Vierzylinders verschwindet hinter der Dämmung und den anderen Fahrgeräuschen. Subjektiv ist der V6 im S 350 nicht leiser, er klingt allerdings angenehmer mit seiner metallisch rauchigen Stimme. Auch die feinen Vibrationen im Lenkrad, die der Vierzylinder bis ins Lenkrad spüren lässt, gibt es beim V6 nicht. Für den Vierzylinder spricht, dass er selbst bei zügiger Fahrt Alltagsverbräuche von unter sieben Litern abliefert. Ein Wert, mit dem sich auch ein Mittelklasse-Diesel nicht blamieren würde.Der V6 liegt rund anderthalb Liter darüber; er bietet lediglich oberhalb von 180 km/h etwas mehr Souveränität. Wer bei dieser Geschwindigkeit einem S 500 begegnet, würde das allerdings relativieren. Dessen Biturbo-V8 läuft so flüsterleise wie kraftvoll – beim Rangieren würde man einen Elektromotor unter der Haube vermuten. Fällt das Fahrpedal hingegen in die Auslegware, dann werfen sich 700 Newtonmeter ins Geschirr, noch bevor der Drehzahlmesser die 2000 erreicht. Das gibt der Traktionskontrolle selbst auf trockener Strecke bis in den dritten Gang zu tun. Abhilfe schafft nur der Allradantrieb. Die manchmal unfein ruckenden Gangwechsel beseitigt die neue Neunstufenautomatik, in Coupé und Maybach wird sie schon eingebaut. Den Einsatztermin in der Limousine hat Mercedes noch nicht genannt, die 4Matic-Modelle behalten vorerst die siebenstufige Automatik. Beide Getriebe stellt Mercedes selbst her.

Video: Mercedes S-Klasse Coupé

Das neue S-Klasse Coupé im Video

Das hat Tradition, genau wie das Coupé, das seit dem 220 der Wirtschaftswunderjahre eigentlich immer zum großen Mercedes gehört wie damals der Pelz zur Dame. Radstand und Länge wurden gegenüber der Limousine sorgfältig um neun Zentimeter gestutzt, die Höhe um 8,5 Zentimeter reduziert – genug, um den Raumeindruck von dem einer Villa in Richtung Loft zu trimmen. Es ist die S-Klasse für alle, die am liebsten allein fahren, auch mal zu zweit verreisen und nur selten jemanden im Fond mitnehmen, für den keine Hundesteuer fällig ist. Möglich wäre es. Doch um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ähnliche Maße auf der Rückbank erreicht auch ein VW Polo, und wenn dieser ein Fünftürer ist, gelingt auch der Einstieg eleganter als in ein S Coupé. Es ist allerdings eine edel eingerichtete Enge, in die man sich mehr oder weniger geschmeidig begibt. Weil die Basis beim Coupé mit dem 500er beginnt, ist schon vieles dabei, was etwa bei einem 300er Aufpreis kostet; Ledersitze zum Beispiel oder die elektrische Sitzeinstellung mit Memory. Darüber hinaus bestehen 1,32 Quadratmeter des Coupédaches aus Glas, und beim rückwärtigen Parkieren hilft neben Sensoren auch eine Kamera, den Überblick zu behalten.

Innen leiser als der elektrisch angetriebene BMW i3

Die Ruhe bewahrt das Coupé ohnehin. Es geriet wegen dicker Scheiben und doppelter Türdichtungen leiser als die schon sehr leise Limousine. Hier wie dort ist der Geräuschkomfort tatsächlich ein guter Grund, eine S-Klasse zu kaufen. Selbst das Elektroauto BMW i3 ist bei 50 km/h innen vier Dezibel lauter als ein S 500, bei 100 km/h sind es fünf dB (A). Ein deutlicher Unterschied. Außergewöhnlich ist diese Ruhe in der Luxusklasse allerdings nicht; ein BMW 750i war im Messprogramm von AUTO BILD gerade mal ein dB (A) lauter als ein S 500 – diesen Unterschied registrieren nur Messgeräte und gute Ohren.
Mercedes S-Klasse S 300 BlueTEC HYBRID
Von außen irritiert der S 300 BlueTec Hybrid mit taxiähnlichem Genagel, doch innen herrscht himmlische Ruhe.
Bild: Werk
Die Ruhe stören auch die beiden Diesel nicht – das haben wir eingangs festgestellt. Lediglich von außen irritiert ein S 300 BlueTec Hybrid mit taxiähnlichem Genagel. Kein Thema für die generell flüsterleisen Benziner. Die gibt es fein abgestuft und klar sortiert in 400, 500 und 600. Dazu kommen die beiden AMG mit V8 und V12. Bis auf den V6 im 400 Hybrid sind alle Motoren aufgeladen. Als einziger Sauger holt sich der V6 des S 400 Hybrid Unterstützung von dem gleichen Elektromotor wie der S 300 BlueTec Hybrid: 20 Kilowatt und 250 Newtonmeter füttern den 3,5-Liter-V6 an. Auf dem Papier resultiert der Aufwand in durchaus energischen Fahrleistungen auf dem Niveau des S 350 BlueTec – zu einem höheren Preis. So souverän wie der lässig aus dem Drehzahlkeller ziehende Diesel wirkt der Benzinerhybrid nicht. Wohlklang und Laufruhe sind dafür seine Stärken, auch gibt es beim Fahren kein Rucken zu beklagen, die Komponenten sind sauber aufeinander abgestimmt. Damit ist er ein Fall für Dieselverweigerer und Genussfahrer.

Video: Mercedes S 500 Plug-in Hybrid

Sparsamer Benz

Der S 500 Plug-in-Hybrid soll dank 13,5-kWh-Akku elektrisch bis zu 33 Kilometer weit fahren und 130 km/h erreichen. Tatsächlich knipst das System auch auf Bundesstraßen den Verbrenner zeitweise aus. Das ist gut für den Verbrauch, der lag nach unserer Vergleichsrunde anderthalb Liter unter dem S 500 mit V8-Benziner. Anders als im S 400 arbeitet der deutlich stärkere E-Motor mit dem aufgeladenen V6 zusammen. Das Ergebnis ist heftiger Vortrieb, der sich so gar nicht nach Verzicht anfühlt. Der Komfort des gesamten Systems ist exzellent, das Ansprechverhalten gut. Doch beim direkten Umstieg wirkt der S 500 mit V8 souveräner, als es seine 50 Extra-Newtonmeter und die 33 Extra-PS vermuten lassen. Es mag am Klang liegen, der mehr ein Fauchen als ein Brabbeln ist, und am spontanen Ansprechen des Biturbos – diese Maschine diskutiert nicht, sie macht, was der Fahrer wünscht.Dagegen erweckt der V12 im S 600 den Eindruck, als müsse er gar nicht arbeiten. Etwas länger als die anderen hängt er am Anlasser. Es ist das Präludium zu einem unfühl- und kaum hörbaren Leerlauf. Mit dem perfekten Massenausgleich des Zwölfzylinders summt der Antrieb vor sich hin, erhebt seine Stimme auch dann nicht, wenn es pressiert. Alles unterhalb von 2000 Touren entspricht gediegener Eile. Langweilig? Nein. Überflüssig? Keinesfalls. Allein die Art, wie er seine Kraft lässig serviert und völlig zu kaschieren scheint, dass unter der Haube Zylinder zünden, ist Daseinsberechtigung genug. Wer ihn sich leistet, dem ist vermutlich egal, dass Verbrauch und Temperament des S 500 in einem günstigeren Verhältnis stehen. Er möchte das Beste. Oder nichts. Ist die S-Klasse also "das beste Auto der Welt"? Das ist zu absolut. Die Technik der S-Klasse beeindruckt. Ein Beispiel für die ingeniöse Durchdachtheit scheinbarer Selbstverständlichkeiten sind die "Magic Vision"-Scheibenwischer. Die kosten zwar Aufpreis, sprühen dafür das Waschwasser aus dem Arm direkt vor die Wischer – beeindruckend effizient und sauber. Beeindruckend ist auch die Intelligenz und Beiläufigkeit, mit der modernste Assistenzsysteme hier – gegen Aufpreis – geballt auftreten. Das alles führt nicht zu einem riesigen Vorsprung. Doch das schafft Geborgenheit und Entspannung wie in wenigen Autos dieser Welt.
Weitere Infos zur Mercedes S-Klasse und ihren Konkurrenten finden Sie oben in der Galerie. Den kompletten Artikel mit allen Daten und Tabellen gibt es hier:

Fazit

von Andreas Of
Eine zuweilen etwas unfein ruckende Automatik und ein vorausschauendes Fahrwerk, das überraschend unsouverän über kurze Fahrbahnunebenheiten stolpert, sowie eine nicht immer spontan durchschaubare Bedienung – drei Kritikpunkte, die nicht zum Anspruch passen, das beste Auto der Welt zu bauen. Zum Schluss drei Tipps: S 300 Hybrid für Sparsame, S 500 für Freunde des V8 und der S 350 BlueTec für die meisten.