Nio, BYD, XPeng – wer an die neuen Herausforderer aus China denkt, dem kommen immer wieder die üblichen Verdächtigen in den Sinn. Doch so sexy diese Start-ups und Newcomer auch sein mögen und so viel Respekt sie für ihre bisweilen wegweisende Technik verdienen, führt aktuell eine viel ältere Marke die Exporttabelle an.
Niemand verkauft bei uns so viele China-Autos wie MG. Vor 100 Jahren in England gegründet und mittlerweile bei SAIC in Shanghai zu Hause, haben sich die Exilbriten bei uns mit soliden Autos zu bürgerlichen Preisen als Volkswagen des Fernen Ostens etabliert – und setzen dem Wolfsburger Vorbild jetzt einmal mehr zu.
Denn wenn die Chinesen im Herbst zu Preisen ab 27 990 Euro die nächste Generation des HS an den Start bringen, sieht der Tiguan als Golf der Generation SUV vergleichsweise alt aus und als bezahlbarer Pampersbomber erst recht Für den Preis fährt man bei VW allenfalls mit einem Gebrauchten vom Hof.
Für den neuen MG HS werden mindestens 27.990 Euro fällig.
Bild: MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner
Dabei baut MG auf die Erfahrung, die SAIC als Massenhersteller gesammelt hat – und bietet Durchschnittsfamilien ein durch und durch durchschnittliches Auto. Es gibt ein gefälliges, aber unauffälliges Design und vernünftiges Format, eine bis auf die bei den Asiaten immer besonders nervösen Assistenten unaufgeregte Bedienung, eine preisbewusste, aber solide Materialauswahl und einen unaufgeregten Standardantrieb, der später trotzdem noch ordentlich Wind machen könnte.

MG HS: Plug-in-Hybrid mit XXL-Akku

Denn neben dem reinen Verbrenner für besonders preissensible Kunden kommt noch in diesem Jahr ein Plug-in-Hybrid mit XXL-Akku und allein mehr als 100 Kilometern elektrischer und über 1000 Kilometern Gesamtreichweite. Der passt perfekt in eine Zeit, in der "die da oben" alle den E-Antrieb fordern und "wir hier unten" uns nicht so recht durchringen können zu dem ebenso großen wie teuren Schritt.
Los geht es aber erstmal mit einem 170 PS starken 1,5-Liter, der dankenswerterweise noch vier statt wie sonst so oft nur noch drei Zylinder hat und deshalb nicht ganz so schmerzlich schnattert, wenn er sich beim Kickdown laut und deutlich bemerkbar macht. Er entwickelt 275 Nm, schafft den Spurt von 0 auf 100 in 9,4 Sekunden und hat auch jenseits der 180 Sachen noch so viel Dampf, dass er 200 km/h locker knacken sollte.
Anders als beim Vorbild VW bleiben im Lenkrad und drumherum noch ein paar klassische Knöpfe, mit denen wichtige Funktionen.
Bild: MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner
Dabei ist das Fahrwerk komfortabel, die Lenkung präzise und das Doppelkupplungsgetriebe macht einen unauffälligen Job. Doch ist der MG im ganzen Wesen aufs Ankommen ausgelegt und nicht aufs Unterwegs sein. Wer Freude am Fahren erleben und engagiert ins Geschehen eingreifen will, der ist bei den Chinesen falsch aufgehoben.
Und je entspannter man es angehen lässt, desto weniger nerven die pingeligen Assistenten mit ihrem Piepsen. Erst recht, seitdem jetzt an der A-Säule auch noch eine Kamera über die Aufmerksamkeit des Fahrers wacht.

Lenkrad: Klassische Knöpfe sind geblieben

Aber die Digitalisierung hat natürlich auch ihre Vorteile. Erstens erweisen sich die nervigen Aufpasser bei Spurführung, Abstandsregelung und Rundumsicht im Alltag bisweilen auch mal als willkommene Helfer, und zweitens gibt's jetzt hinter dem Lenkrad ein digitales Kombiinstrument und daneben einen großen Touchscreen, über den das Gros der Bedienung läuft. Anders als beim Vorbild VW bleiben aber im Lenkrad und drumherum noch ein paar klassische Knöpfe, mit denen wichtige Funktionen direkt angewählt werden können.
Der MG HS ist für preisbewusste Familien eine gute Wahl.
Bild: MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner
Dazu gibt es ein Ambiente, das auch ohne große Finesse oder verspielte Zierelemente keinen Anlass zur Kritik bietet, weil die Kunststoffe fein genarbt und soft lackiert sind und weil man keinen Luxus erwarten darf, wenn man bei Lidl einkauft. Dafür allerdings gibt der HS den Praktiker und lockt mit nochmal mehr Platz – schließlich gegen die knapp fünf Zentimeter mehr Länge nicht in die Überhänge, sondern in den Radstand. Deshalb sitzt man bei 4,66 und 2,77 Metern jetzt auch in der zweiten Reihe ganz bequem und der Kofferraum fasst mit 507 Litern knapp zehn Prozent mehr als bisher.
Auch der neue HS bleibt ein SUV nach alter Väter Sitte – zu den ach so sexy Start-Ups werden die Chinesen damit in der Image-Wertung kaum aufschließen können. Doch für die Zulassungsstatistik ist der Neuzugang als Tiguan für Smartshopper wahrscheinlich das richtige Auto zur rechten Zeit. Und für alle, die es gerne etwas zukunftsträchtiger wollen, hat SAIC fürs nächste Jahr auch wieder ein paar neue Elektroautos für MG im Köcher – und den Hightech-Ableger IM.
Natürlich wird er den Tiguan nicht vom Thron stoßen. Doch mit dem neuen HS zeigt uns MG eindrucksvoll, wo die Probleme in Wolfsburg liegen. Denn der VW ist nicht so viel besser, wie der MG billiger ist. Das macht ihn für preisbewusste Familien zu einer guten Wahl.