Es hätte so schön gepasst: Wenn die Tage wieder wärmer werden, sollte der Microlino, inoffizieller Isetta-Nachfolger mit E-Antrieb, an die ersten Kunden in seiner Heimat Schweiz geliefert werden – und später auch nach Deutschland. Sollte. Denn aus dem Startmonat April 2019 wurde nichts. Wie Wim Ouboter (Foto oben: 3.v.r.), Besitzer und Gründer der Schweizer Firma Micro Mobility Systems, mitteilte, wurde der Lieferbeginn des Microlino auf unbestimmte Zeit verschoben. Grund seien Uneinigkeiten mit dem neuen Geschäftsführer von TMI (Tecna Meccanica Imola) und Eigentümer von Artega, Klaus Frers (3.v.l.). TMI ist Auftragsfertiger des E-Kabinenrollers und war 2018 vom nordrhein-westfälischen Sportwagenhersteller Artega übernommen worden.

Ouboter: "Artega als Partner nicht ausgesucht"

Fast wie die Isetta: Das Design stammt von Marco Brunori. BMW hat sich noch nicht beschwert.
Anscheinend steckt jedoch mehr hinter der Verzögerung, ein handfester Streit nämlich. Ouboter nimmt in der Pressemitteilung kein Blatt vor den Mund: "Die ersten Serienfahrzeuge wurden von uns zwar vor über einem Jahr vorfinanziert, allerdings erfüllt der aktuelle Entwicklungsstand unseren Qualitätsstandard noch nicht", heißt es darin. Man wolle TMI mehr Zeit geben, den Microlino "kundentauglich zu machen". Artega und Besitzer Frers hatten die Produktion ins westfälische Delbrück verlegt, einem WDR-Bericht zufolge sollten drei Millionen Euro in einer Fertigungshalle investiert sowie 50 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. In diesem Zusammenhang beklagt Ouboter auch den Verlust von viel Know-how, "da kein Einziger der ehemaligen Mitarbeiter und Manager mehr bei TMI tätig ist". Man habe sich zwar Artega als neuen Partner nicht ausgesucht, versuche aber dennoch, "das Beste draus zu machen".

Karolino als Konkurrent für Microlino

Frers wiederum sagte dem "Handelsblatt"-Portal EDISON, während er ein stylisch-hochwertigeres Gefährt bauen wolle, planten die Ouboters eher ein spartanisches Modell. Gleichzeitig kündigte er einen eigenen Konkurrenten namens Karolino an, der eine technische Weiterentwicklung des Microlino und auf der IAA in Frankfurt Premiere feiern werde. Die Schweizer wiederum bereiten sich nach den Worten von Marketingchef Merlin Ouboter (Sohn von Wim Ouboter) darauf vor, dass TMI keine Fahrzeuge mehr für sie baue. Man arbeite bereits an einem Plan B. Es gebe bereits 15.000 Vorbestellungen für die bunte Knutschkugel mit bis zu 200 Kilometern Reichweite, allerdings ohne Anzahlung. Noch im Mai 2019 solle ein Konfigurator freigeschaltet werden, Showrooms in München und in der Schweiz seien angemietet.

Technische Daten: 20 Elektro-PS und 90 km/h Spitze

Bereits Anfang 2018 hatte Micro ein seriennahes Modell präsentiert. Es hat wie sein Vorbild eine geringere Spurbreite hinten, nur eine Tür und eine durchgehende Sitzbank für zwei Personen. Dazu aber statt eines Motorradmotors einen 15 kW (20 PS) starken Elektro-Antrieb. Der soll für 90 km/h und einen "Sprint" in fünf Sekunden von 0 auf 50 reichen. Es gibt zwei Lithium-Ionen-Batteriepacks (8 kWh/14,4 kWh) für 125 oder 200 Kilometer, die an einer 6-kW-Ladesäule in einer respektive zwei Stunden wieder zu 80 Prozent voll sein sollen.

Preis: So teuer wird der Microlino

Schon auf dem Autosalon Genf 2016 war der Microlino eine Sensation, auf der IAA 2017 stand ein Prototyp. Der wog leer 450 Kilogramm, mit gut 2,40 m Länge war er etwas länger (und zudem etwas breiter) als die Isetta, aber kürzer als ein Elektro-Smart (2,69 m). In den Kofferraum (300 l) sollen vier Kisten Bier passen. Geführt wird der Schweizer Stromer wie der Renault Twizy in der seltenen Fahrzeugklasse L7e, ein Airbag ist keine Pflicht, soll aber lieferbar sein. Der Preis soll letzten Informationen zufolge rund 12.000 Euro betragen. Das elektrische Kleinauto wird in acht Farbkombinationen zu kaufen sein. 
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"Ein Auto wollte ich nicht bauen"

Doppelfunktion: Die Rückspiegel sind zugleich Scheinwerfer.
Die Herkunft des Microlino ist durchaus kurios: "Das ist kein Auto", schrieb Firmengründer Wim Ouboter 2016 in Großbuchstaben ans Genfer Messe-Podest. Micros Hauptgeschäft waren bislang Tretroller (Scooter) und Skateboards mit Lenker (Kickboards) für Kinder, Erwachsene und Jugendliche. Das soll sich nun ändern. Aber: "Ein Auto wollte und will ich nicht bauen", sagt Ouboter. Unterm Strich ist der Microlino ein besserer Einkaufswagen für die Stadt, mehr nicht. Was durchaus authentisch ist: Schon die 1955 eingeführte Isetta war kein vollwertiges Auto für die große Urlaubsfahrt, sondern ein Gefährt zwischen Motorrad und Personenkraftwagen – ein Kompromiss aus großem Fernweh und kleiner Geldbörse. Aber auch ein knatterndes Spaßmobil, das der Volksmund nicht ohne Grund liebevoll "Knutschkugel" taufte.


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Microlino: Retro-Isetta mit Elektroantrieb
Microlino: Retro-Isetta mit Elektroantrieb
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Microlino: Retro-Isetta mit Elektroantrieb