Nio ET5 Touring: Test
Das kann der Nio ET5 Touring
Elektrische Kombis wie der Nio ET5 Touring sind rar. Insofern besetzt er hier eine schmale Lücke, die Begehrlichkeiten wecken könnte. Aber kann der chinesische Lader in allen Belangen elektrisieren?
Bild: AUTO BILD
Eine nicht unerhebliche Zeit galt der chinesische Autobauer Nio als der kommende Elektroautobauer schlechthin. An der Börse hoch gehandelt, überraschte er andere Hersteller mit seinem Konzept des wechselbaren Akkus. Keine Wartezeiten mehr an Ladestationen, einfach in die Wechselbox fahren und klick-klack alte Batterie raus, neue rein und weiter. Im Reich der Mitte gibt es bereits 2500 solcher Wechselstationen, in Deutschland sind es bis dato sind es 14, bis Jahresende sollen es bereits 20 sein.
Und dennoch muss auch Nio mit seiner Innovation und optisch schicken Autos Rückschläge hinnehmen. Denn selbst im eigenen Land hat der E-Auto-Boom deutlich nachgelassen. Momentan werden im Vorzeigeland der Elektromobilität mehr Plug-in-Hybride als reine E-Autos verkauft. Konsequenz für Nio: Um den Erhalt des Unternehmens zu sichern, müssen zehn Prozent der Belegschaft gehen.

Die schnittige Form des Nio ET5 Touring ist nicht in allen Belangen von Vorteil. Die Heckscheibe ist sehr klein und der Blick nach hinten unübersichtlich.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Noch nicht am Ende
Daraus zu schließen, dass der E-Autobauer am Ende ist, wäre verfrüht. Und so setzt Nio sein Engagement in Europa weiter fort. Allein in Deutschland wurden laut KBA von Januar bis Oktober 1174 Autos zugelassen. Verglichen mit Tesla mag das nicht viel sein, aber auch der E-Auto-Pionier brauchte einen langen Atem, bis er an dem jetzigen Punkt angekommen ist.
Fahrzeugdaten
Modell | Nio ET5 Touring (100 kWh) |
|---|---|
Motor vorn | Asynchronelektromotor |
Leistung | 150 kW (204 PS) |
max. Drehmoment | 280 Nm |
Motor hinten | Synchronelektromotor |
Leistung | 210 kW (286 PS) |
max. Drehmoment | 420 Nm |
Systemspitzenleistung | 360 kW (490 PS) |
Systemdauerleistung | 100 kW (136 PS) |
max. Systemdrehmoment | 700 Nm |
Vmax | 200 km/h |
Getriebe | Einganggetriebe |
Antrieb | Allradantrieb |
Bremsen vorn/hinten | Scheiben/Scheiben |
Testwagenbereifung | 245/45 R 20 W |
Reifentyp | Pirelli P Zero Elect |
Ladezeit (10-80 %, DC-Ladung) | 30 Minuten |
Reichweite* | 514 km |
Verbrauch* | 21,0 kWh |
Ladeanschluss | hinten links |
Batteriekapazität | 100 kWh |
Ladeleistung AC/DC | bis 11/180 kW |
Vorbeifahrgeräusch | 65 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | 1400/750 kg |
Stützlast | 75 kg |
Kofferraumvolumen | 450–1247 l |
Länge/Breite/Höhe | 4790/1960–2178**/1499 mm |
Radstand | 2888 mm |
Grundpreis (inkl. Batterie) | 68.500 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 71.600 Euro |
Und was das Portfolio an Autos betrifft, ist Nio bereits jetzt an Tesla vorbeigezogen. Zum Beispiel mit den ET5 Touring, der sich nicht nur mit einem Preis ab 47.500 Euro, sondern auch mit einem schnittigen Design und hochwertigen Materialien attraktiv zu präsentieren weiß. Allerdings bleibt zu beachten, dass für das Geld lediglich die kleinere Batterie mit einer Nettoleistung von 75 kWh zu bekommen ist. Will man mit dem großen Akku (100 kWh netto) und einer WLTP-Reichweite von 560 Kilometern unterwegs sein, dann müssen mindestens 68.500 Euro gezahlt werden. Oder man fährt für 269 Euro monatlich im Abonnement.

Tolle Materialien und eine gute Verarbeitung prägen den Innenraum des Nio ET5 Touring.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Das Design ist Programm
Doch wenden wir uns dem Elektro-Kombi selbst zu. Das schnittige Design ist Programm und zeigt, dass Nio den ET5 Touring nicht nur als praktikables Lasttier platzierten will, sondern ihm gleichsam eine sportliche Attitüde mit auf den Weg gibt. Die Silhouette ist verlängert, die Türgriffe sind bündig, die Fenster Rahmenlos und der Heckspoiler gibt dem dynamischen Äußeren den letzten Schliff.
Das ist schick, aber nicht in allen Belangen praktisch.
Nach hinten wird der ET5 Touring durch das sehr schmale Heckfenster unübersichtlich, was sich vor allem während der Fahrt im Rückspiegel bemerkbar macht. Nahende Autos erscheinen hier recht spät im Bild. Zudem ist die Sitzposition des Fahrers für ein so sportlichen Kombi bauartbedingt etwas zu hoch. Grund sind die zwischen den Achsen verbauten Akkus, die in jedem E-Auto die Sitze, verglichen mit einem Verbrenner, mindestens zwei Zentimeter in die Höhe zwingen.

Die Platzverhältnisse im Nio ET5 Touring sind gut, die Polster leider etwas hart geraten.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Eine straffe Sache
Auch bei Fahrwerk und Polstern setzt Nio beim ET5 Touring voll auf Sport. Beides ist sehr straff, was vor allem die Langstrecke für die rückwärtigen Dienste etwas mühselig macht. Querfugen und Schlaglöcher werden mit kurzen, aber eindringlichen Rückmeldungen quittiert. Vorteil dieser Abstimmung ist, dass sich der Touring auch mal etwas forscher um die Kurve zwingen lässt. Schön wäre, wenn die etwas synthetische Lenkung dem Gesamtanspruch folgen würde und etwas direkter wäre.
Messwerte
Modell | Nio ET5 Touring (100 kWh) |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 1,7 s |
0–100 km/h | 3,9 s |
0–130 km/h | 6,3 s |
0–160 km/h | 10,0 s |
0–200 km/h | 18,8 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 1,8 s |
80–120 km/h | 2,5 s |
Leergewicht/Zuladung | 2315/415 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 49/51 % |
Wendekreis links/rechts | 12,1/12,1 m |
Sitzhöhe | 590 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 34,1 m |
aus 100 km/h warm | 35,0 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 53 dB(A) |
bei 100 km/h | 62 dB(A) |
bei 130 km/h | 66 dB(A) |
bei 160 km/h | 70 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 19,6 kWh/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 23,5 kWh/100 km (+12 %) |
Sportverbrauch | 31,0 kWh/100 km |
CO2 (lokal) | 0 g/km |
Reichweite | 430 km |
Das ultimative Sporterlebnis erlebt der Pilot im Fahrmodus Sport Plus. Wer so das Pedal vehement Richtung Bodenblech tritt, der wird bei einem maximalen Drehmoment von 700 Newtonmetern in 3,9 Sekunden aus dem Stand und ansatzlos auf Tempo 100 beschleunigt. Hier möchte man also den Kopf vorher schon mal an die Kopfstütze gedrückt haben. Andernfalls bewegt das Gesetz der Trägheit den Schädel dorthin und lässt ihn kurz, aber heftig anschlagen. Ebenso beeindruckender ist der Zwischenspurt von 80 auf Tempo 120 in 2,5 Sekunden. Schneller geht es mit einem gut motorisierten Zweirad auch nicht. Und weil wir uns gerade in den Geschwindigkeitsrausch schreiben, soll die Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h nicht unerwähnt bleiben. Beachtlich auch die Bremsen, die die 2,3 Tonnen des ET5 Touring auch aus dieser Geschwindigkeit sehr souverän verzögern.

Der Kofferraum bietet 450 bis 1274 Liter Stauraum und einen doppelten Ladeboden, der das Ladekabel aufnimmt.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Ordentliche Energierückführung
Die Bremsen sind aber noch für etwas anderes wichtig: die Energierückführung. Die Rekuperation regelt sich beim ET5 Touring über die insgesamt neun Fahrmodi. Wer im Eco-Mode fährt, hat die höchste Stufe, im Sport ist sie dementsprechend am geringsten. Mit bis zu 150 kW wird die Bremsenergie in den Akku rückgeführt. Das hilft vor allem dort, wo das Bremsen zum Fahrbetrieb gehört, also in der Stadt oder auf kurvigen Bergpassagen. Einen One-Pedal-Modus gibt es nicht.
Auf der Langstrecke tut es weniger zur Sache. Dementsprechend leidet der Nio unter dem allen E-Autos immanenten Problem der Reichweite. Statt der angegebenen 560 Kilometer ging es nach AUTO-BILD-Messungen im Drittelmix lediglich über 431 Kilometer. Was einem Testverbrauch von 23,5 kWh entspricht. Wer zwischen 130 und 140 km/h auf der Autobahn unterwegs ist, wird die 300 Kilometer kaum schaffen.
Auf der Langstrecke tut es weniger zur Sache. Dementsprechend leidet der Nio unter dem allen E-Autos immanenten Problem der Reichweite. Statt der angegebenen 560 Kilometer ging es nach AUTO-BILD-Messungen im Drittelmix lediglich über 431 Kilometer. Was einem Testverbrauch von 23,5 kWh entspricht. Wer zwischen 130 und 140 km/h auf der Autobahn unterwegs ist, wird die 300 Kilometer kaum schaffen.

Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Ein großes Plus ist hier das flotte Laden des ET5 Touring. Mit bis zu 180 kW kann an der richtigen Ladestation der 100-kW-Akku vollgepumpt werden. Der Kenner wird jetzt anmerken, dass das ja noch nicht schnell ist. Doch, ist es, weil Nio den Punkt für die Drosselung der Ladegeschwindigkeit weiter nach hinten geschoben hat als die Konkurrenz. Nach eigenen Berechnungen ist der Akku nach 30 Minuten von zehn auf 80 Prozent gefüllt, im Test ging es noch etwas zackiger.
Wo Licht ist, ist auch Schatten
Doch wenn wir so voll des Lobes sind, sollen neben dem Licht auch die Schattenseiten nicht unerwähnt bleiben. Die gibt es im Innenraum. Nicht bei den Materialien oder der Verarbeitung. Beides ist ausgesprochen gut. Es ist die Bedienung, die zu wünschen übrig lässt. Nio orientiert sich hier sehr an Tesla. Alles muss über den vertikalen Zentralbildschirm geregelt werden. Sei es die Einstellung der Außenspiegel, der Sitze, der Klimaanlage, der Fahrassistenten oder das Navi.

Alle Funktionen des Fahrzeugs müssen über das Zentraldisplay gesteuert werden.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Letztgenanntes ist leider nicht in der Lage, eine Routenplanung mit Ladestationen anzubieten. Ob diese belegt oder frei sind, ist dem ebenfalls nicht zu entnehmen. Selbst die Möglichkeit das Smartphone zu spiegeln, ist nicht gegeben. Zwar kann es zum Telefonieren und um die eigene Musik abzuspielen über Bluetooth gekoppelt werden, aber Apple CarPlay oder Android Auto sind nicht nutzbar. Nio sagt selbst zu dem Thema, dass man hier sehr daran interessiert ist, die eigene Software zu integrieren und man sich nicht von anderen Anbietern abhängig machen will.
Wertung
Modell | Nio ET5 Touring (100 kWh) |
|---|---|
Karosserie | 1,4 Tonnen Anhängelast, dürftige Zuladung, gute Materialanmutung, knarzig auf unebenen Wegen. |
3,5/5 Punkten | |
Antrieb | Toller Antritt bis 160 km/h, unterbietet Werksangaben 0 auf 100, Tempo 200 in der Spitze. |
4/5 Punkten | |
Fahrdynamik | Guter Grip, Heck arbeitet deutlich, zaghaft oder zu spät regelndes ESP, Lenkung ausreichend direkt. |
3,5/5 Punkten | |
Connected Car | Apple CarPlay und Android Auto fehlt, Navi plant Ladestopps nicht, mäßige Sprachsteuerung. |
3,5/5 Punkten | |
Umwelt | Knapp 100 kg schwerer als die Limousine, kein One-Pedal-Modus, bauartbedingt relativ groß. |
3,5/5 Punkten | |
Komfort | Sitzposition zu hoch, ausschließlich Bedienung über TFT, hölzerne Federung, Wärmepumpe Serie. |
4/5 Punkten | |
Kosten | Hoher Anschaffungspreis, Abo nicht günstig, stabil im Wiederverkauf, Wartung nach Bedarf. |
3/5 Punkten | |
AUTO BILD-Testnote | 2- |
Kinderstar Nomi Mate
Bleibt zu hoffen, dass der Kunde das akzeptiert und auch die Wartezeit bis zum entsprechenden Update akzeptiert. Akzeptieren muss der Fahrer eines ET5 Touring auch, dass er durch die Assistenzsysteme in einem Rahmen reglementiert wird, der das Maß der Erträglichkeit schnell überschreiten kann. Hauptakteur in diesem Spiel ist die putzige Nomi Mate.

Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Optisch sichtbar als Mate oder unsichtbar als Halo auf dem Armaturenbrett installiert, fordert sie zur Aufmerksamkeit, mahnt bei Geschwindigkeitsüberschreitungen, während der Spurhalter hart ins Lenkrad greift. Bei Kindern dürfte Nomi Mate der Star sein. Insofern empfiehlt sich der Touring einmal mehr als echter Familienkombi, wenn da nicht der üppige Anschaffungspreis wäre. Selbst im Abo ist der chinesische Elektro-Lader kein Schnäppchen.
Fazit
Schick, schnell und gut verarbeitet, hat der Nio ET5 Touring einiges zu bieten. Gäbe es die Akku-Wechselstationen in Deutschland und Europa schon in nennbaren Zahlen, dann könnte der Stromer eine echte E-Auto-Alternative sein. So ist der für viele wahrscheinlich einfach nur teuer in der Anschaffung und auch das Abbo ist kein Schnäppchen.
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