Nürburgring: Kampf um die Lizenz
Fahrprüfung in der „Grünen Hölle“

Wer VLN-Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings fahren will, benötigt dazu eine Zusatzlizenz. ABMS hat den „Nordschleifenführerschein“ gemacht.
Bild: M. Westerhoff / Hersteller
„Ooooooooohhhh!“ raunt es durch den Seminarraum. Instruktor Heiko Tönges zeigt gerade die letzte einiger haarsträubender Onboard-Kameraaufnahmen zu Gelbverstößen auf der Nürburgring-Nordschleife. Alles echt, alles in der VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring passiert. Die gelbe Flagge bedeutet: Gefahr an der Strecke, nicht überholen. Und zwei gelbe Flaggen, dass die Gefahr direkt auf der Strecke lauert. Selbst auf der etwas wackligen Aufnahme ist gut zu erkennen, wie an einem Streckenposten zunächst eine, dann am nächsten zwei gelbe Flaggen geschwenkt werden. Ein Vorwarnsystem, das in dieser Form speziell an der engen und unübersichtlichen Nordschleife eingesetzt wird. Doch der Fahrer im Video reagiert nicht, bremst nicht. Obwohl es eine Kuppe hinaufgeht. Die letzte Sekunde der Aufnahme zeigt, wie er sich rasend schnell dem Heck eines anderen Rennwagens nähert, der hinter der Kuppe auf der Strecke steht. Dann setzt die Kamera aus.

Vor der Praxis geht es erstmal in die Theorie für die Lehrlinge
Keine Ausnahme für DTM-Profis
Ehrlich gestanden hatte ich gehofft, dass der Deutsche Motorsport Bund, kurz DMSB, meine Teilnahme am 24-Stunden-Rennen 2007 und zuletzt in VLN-Läufen 2011 für eine Permit Nordschleife anerkennen würde. Doch die Regeln sind eindeutig: Wer in den vergangenen fünf Jahren keine Rennen auf dem Eifelkurs gefahren ist, muss sich neu qualifizieren. Vor allem deshalb, weil die Leistungsunterschiede zwischen den über 500 PS starken GT3-Rennwagen des Spitzenfelds und seriennahen Klassen wie dem TMG GT86 Cup mit rund 200 PS in den vergangenen Jahren gewachsen sind. Und der DMSB kennt dabei kein Pardon: Selbst Hersteller wie Mercedes oder BMW mussten ihre DTM-Piloten zu Lehrgängen schicken. Und anschließend teils sogar bei Privatteams auf Fahrzeugen anderen Marken einmieten, damit sie anschließend auf GT3-Rennwagen umsatteln durften. Denn die Permit existiert in zwei Stufen: Erst einmal gibt es nur die Stufe B für leistungsschwächere Fahrzeuge. Stufe A bekommt anschließend nur, wer auch Erfolge aus mindestens zwei Rennen wie der VLN nachweisen kann.

Mit dem Bus fahren die Teilnehmer die "Grüne Hölle" ab
Beim Praxisteil regnet es in Strömen
Auf dem Weg ins Renncockpit ist aber zunächst jeder Fahrer auf sich allein gestellt, wenn es darum geht, den Permit-Lehrgang erfolgreich abzuschließen. Der erste Tag endet mit einer Bustour über die Nordschleife. Chefinstruktor Andreas Gülden erklärt Einlenkpunkte und Linienwahl. Macht auf Bodenwellen, Fahrbahnbelagswechsel oder die Stellen aufmerksam, an denen sich das Wasser seinen Weg über die Strecke sucht, wenn es regnet. Seit 1998 ist der aktive Rennfahrer Instruktor, hat selbst hunderte Runden Nordschleifenerfahrung gesammelt. An den wichtigsten Stellen wie dem Aremberg oder dem Karussell hält der Bus an. Wir steigen aus und begutachten die Tücken der Strecke aus nächster Nähe, auf die uns Andreas und Heiko hinweisen.

Chefinstruktor Andreas Gülden fährt die Ideallinie vor
GT3-Rennwagen mischen auf der Strecke mit
Nach einer kurzen Pause splitten wir die Gruppen noch einmal auf. Nur noch zwei Fahrzeuge folgen nun jeweils einem Instruktor für weitere vier Runden. Mit deutlich gesteigertem Tempo. Nach wenigen Minuten zieht es an meinem Ohr. Das Funkgerät hat sich selbstständig gemacht. Das irritiert mich, obwohl ich Andreas noch hören kann. Ich lasse abreißen, werde klein in seinen Rückspiegeln. Andreas bemerkt das. Am Ende der Runde ist mein Problem mit dem Funk zwar gelöst. Doch dann höre ich ihn sagen: „Was ich letzte Runde gesehen habe, reicht mir noch nicht für eine Permit, Martin. Da musst Du jetzt zulegen!“ Die Ansage hat gesessen. Nun versuche ich, ihm dicht zu folgen. Ein paar Mal büxt das Heck des Toyota GT86 dabei leicht aus. Gegenlenken, nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Doch nun sind auch erstmals andere Autos auf der Strecke, die regulär in der VLN starten. Wir sind als Permit-Lehrgangsteilnehmer im VLN-Testtag unterwegs, haben den Nürburgring nun nicht mehr für uns allein. Und von hinten sehe ich plötzlich gelbe Scheinwerfer heranfliegen. Ein GT3-Rennwagen nähert sich.

Ins kalte Wasser geschmissen: Beim Paxisteil fahren die Lehrlinge auf nasser Piste
Nicht jeder besteht den Lehrgang
Acht weitere Runden müssen alle Teilnehmer nun noch allein im Trainingsbetrieb zurücklegen. Ein Transponder in jedem Auto verrät den Instruktoren, wo wir auf der Strecke sind und wie schnell wir gerade fahren. Über Funk bin ich jetzt mit Mathol Racing verbunden. Jede Runde melde ich mich von der Döttinger Höhe, der längsten Geraden. Plane einen Tankstopp mit dem Team. Als ich die Runden hinter mir habe, den GT86 am Treffpunkt im Fahrerlager abstelle, wird gerade ein BMW von einem Abschleppwagen geladen. Er ist bis zur Heckscheibe eingedrückt. Sein Fahrer wird heute kein Zertifikat für einen „Nürburgringführerschein“ bekommen, kann noch vor seiner geplanten VLN-Teilnahme abreisen. Er ist durch die Fahrprüfung gefallen. Wie zwei weitere Lehrgangsteilnehmer. Die hatten zwar keinen Unfall, waren in den Augen der Instruktoren den Eigenheiten der Nordschleife aber nicht ausreichend gewachsen. „Auch wenn es mir für die Betroffenen leid tut, müssen wir so handeln“, erklärt Heiko. Er und seine Instruktorkollegen von der Driving Academy können und wollen die Permit-Regelung nicht ad absurdum führen. „Denn es geht hier schließlich um die Sicherheit aller – der Fahrer, der Streckenmarshalls und der Zuschauer.“
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