Vorne ein Ferrari, dahinter ein Lambo, zwei Lotus und immer wieder Porsche. Wer an einem Sommermorgen auf die Sellaronda einbiegt, könnte glauben, er sei in einen Supersportwagen-Korso geraten. Kaum mehr als 50 Kilometer misst die Runde, aber sie führt über vier Pässe: Sellajoch, Pordoijoch, Campolongo und Grödner Joch. Sie klettert fast jedes Mal auf mehr als 2000 Meter und hat mehr Kehren, als man zählen kann. Eine Traumstraße für Petrolheads.
Und mittendrin: der Opel Corsa. Und zwar gleich im Doppelpack. Denn zur Premiere des neuen, elektrischen GSE haben wir ein Generationentreffen organisiert und sind zusammen mit dem ersten Corsa GSI in die italienischen Alpen gefahren.

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Auf der Autobahn und erst recht auf der Rennstrecke haben die Sportwagen für die Hosentasche gegen die Hochkaräter aus Maranello & Co. keine Chance. Doch hier oben, wo die nächste Haarnadel nie weit ist, kommen solche Kleinwagen groß raus. Deshalb proben wir den Paarlauf der Petrolheads, und neben dem GSE im unschuldigen Weiß fährt sein Urahn, ein feuerroter Corsa GSI aus dem Jahr 1989.
Gemeinsam feiern die beiden fast 40 Jahre Hot Hatch aus Hessen. Und zwar nicht auf einer belanglosen Landstraße in Rheinhessen, sondern auf dem perfekten Spielplatz für Benzinbrüder.
Auf der Sellaronda zeigen GSI und GSE, wie viel Fahrspaß im Kleinwagen steckt.
Bild: Dani Heyne
Schon im Morgengrauen ist hier was los. Rennradfahrer quälen sich die Rampen hinauf, Mountainbiker rollen zum Einstieg ihrer Trails, Motorräder sieht man den ganzen Tag. Dazwischen die Sportwagenfahrer, die zur Spritztour starten, bevor Reisebusse und Wohnmobile den Spaß einbremsen. Und jetzt eben auch die jungen Wilden aus Rüsselsheim. Wobei jung bei dem roten Recken so eine Sache ist. Und auch das Wild muss man sich beim Älteren der beiden mit dem Blick von damals denken.

Opel Corsa GSI: zurück in die 80er

1982 bringt Opel den ersten Corsa, sechs Jahre später lässt der Kleine die Muskeln spielen. Der GSI hat einen 1,6-Liter mit 100 PS, mehr als doppelt so viel wie das Basismodell mit 45 PS. Weil er nur rund 840 Kilo wiegt, reicht das für 190 km/h. Unser Exemplar ist Baujahr 1989 und hat gerade einmal 42.000 Kilometer auf dem Tacho, kaum mehr als 1000 pro Jahr. Wir sorgen heute dafür, dass ein paar dazukommen.
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Servolenkung? Kennt er nicht. Klimaanlage? Fehlanzeige. Die Fenster werden noch gekurbelt, und die Kurbel hat einen deutlichen Kreis in die Türverkleidung geschliffen. Wer den GSI flott bewegen will, muss arbeiten: fünf Gänge, roter Bereich knapp jenseits von 6000 Touren, keine elektronischen Helfer. Doch sobald zwei, drei Kehren frei sind, wird aus dem Oldie eine Spaßgranate. Seine Fahrleistung misst man nicht in Kilometern, sondern in Pulsschlägen. Ja, er fährt mit Benzin. Vor allem aber liefert er Adrenalin.
281 PS und 345 Nm: Der Corsa GSE ist der stärkste Serien-Corsa aller Zeiten.
Bild: Dani Heyne
Im Paarlauf ist der Unterschied der Generationen mit Händen zu greifen. Vorne zieht der GSE lautlos aus der Kehre, hinten rudert der GSI-Fahrer am Lenkrad, sucht den passenden Gang und hält den Motor bei Laune. Mehr Arbeit, klar. Aber auch das Gefühl, noch ein echtes Auto zu fahren, in dem jeder Meter Fortschritt selbst verdient ist. Und auf den kurzen Geraden zwischen den Kehren hält der Oldie erstaunlich gut mit. Die beiden Kameraden aus Rüsselsheim schlagen sich wacker.

Vom Corsa GSI zum GSE: fünf Generationen Sportsgeist

Zwischen dem roten Ur-GSI und seinem elektrischen Enkel liegen vier weitere scharfe Corsa, denn Opel hat in jeder Generation nachgewürzt. Erst der Corsa B GSI mit 1,6-Liter-16V, ab 2001 der Corsa C GSI 1.8 mit 125 PS. Danach wird es ernst: Der Corsa D trägt das OPC-Logo des Opel Performance Centers, als Nürburgring Edition holt er 210 PS aus 1,6 Litern mit Turbo. Der Corsa E OPC muss sich ab 2015 mit 207 PS begnügen. Und jetzt der GSE: 281 PS, so viel hatte noch kein Corsa. Beim Leistungsgewicht ist er sogar der Champion der gesamten Opel-Palette.

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Allerdings wiegt der Enkel 1629 Kilo, und weil Opel auf Sprint statt Spitze setzt, ist bei 180 km/h Schluss. Da ist selbst der Opa schneller, und auf der Autobahn lacht jeder Golf GTI. Doch auf der Sellaronda zählen andere Werte: 345 Nm, die sofort anliegen, und 5,5 Sekunden von 0 auf 100.
Selbst wer kein großer Freund des Elektroautos ist, muss zugeben: Auf solchen Passstraßen ist der Antrieb genial. Kein Schalten, kein Turboloch, die Hände bleiben frei fürs Lenken. Aus jeder Kehre schießt der GSE heraus, wischt auf der kurzen Geraden am Wohnmobil vorbei und bremst sich vor der nächsten Haarnadel wieder ein. Anbremsen, einlenken, rausbeschleunigen, wie im Rausch. Pass für Pass.
Der 1,6-Liter-Saugmotor mit 100 PS machte den Corsa GSI Ende der 1980er-Jahre zum echten Taschenrenner.
Bild: Dani Heyne
Opel hat ordentlich nachgeschärft: tiefer, breitere Spur, größere Räder mit speziell gemischten Reifen, straffes Fahrwerk, direktere Lenkung und ein Sperrdifferenzial an der Vorderachse. Die Batterie im Boden drückt den Schwerpunkt nach unten, im Sportmodus gibt es die volle Leistung. Ein Porsche ist er nicht. Aber er ist der Opel, der am besten auf der Straße liegt. Und wenn man ihn herausfordert, entwickelt das Heck ein wunderbares Eigenleben. Den fehlenden Sound liefert Opel auf Wunsch als künstliches Knurren mit.
Und bergab holt die Rekuperation zurück, was der Sturm aufs Pordoijoch aus dem 54-kWh-Akku gesaugt hat. Gut so: Schnelllader sind in Südtirol rar, und mehr als 100 kW zieht der Corsa ohnehin nicht. Aber weil die Ladesäulen meist neben einer Hütte stehen, verkürzen Apfelstrudel oder Kaiserschmarrn die Wartezeit. Dazu eine Jausenplatte und, weil Südtirol schließlich Italien ist, auch immer ein köstlicher Espresso.
Dass die Normreichweite von 354 Kilometern bei dieser Gangart reine Theorie ist, stört deshalb keinen. Außerdem geht es auf der Sellaronda ja ständig bergauf und wieder bergab, sodass sich der Corsa GSE viel Energie zurückholt.
Der rote GSI liefert Adrenalin, der weiße GSE Drehmoment: Gemeinsam zeigen sie, was Fahrspaß über Generationen bedeutet.
Bild: Dani Heyne
Und dann diese Aussicht. Der Langkofel, fast 3200 Meter hoch, mit seiner Scharte wie eine Zahnlücke, sieht aus jedem Winkel anders aus und glüht abends rot. Daneben der Sellastock mit dem Piz Boè, oben flach wie ein Tisch. Dort findet man Muscheln und Korallen, denn vor über 200 Millionen Jahren war hier Meeresgrund. Man könnte im Schritttempo fahren und hätte trotzdem seinen Spaß. Aber wer die 281 PS voll auskostet, der hat noch mehr davon.

Opel Corsa GSE: teurer Spaß für 39.900 Euro

Bei aller Freude: Billig ist der Kurvenrausch nicht. Opel verlangt für den GSE 39.900 Euro und schlägt damit auf den normalen E-Corsa mit bis zu 156 PS gut ein Drittel auf. Aber er ist immer noch billiger als der 208 GTI der Schwestermarke Peugeot, die den gleichen Antrieb noch ein bisschen spektakulärer verpackt und dafür sogar 44.900 Euro verlangt.
Und er hat ausnahmsweise mal seinen wichtigsten Widersacher abgehängt. Denn VW muss seinen ID.Polo GTI erst noch in den Handel bringen. Allerdings bleibt dem Corsa nicht mehr viel Zeit, um seinen Sieg zu genießen: Spätestens 2028 steht eine neue Generation an. Wer den hessischen Heißsporn will, sollte sich also nicht zu lange zieren.
Zwei Corsa, vier Jahrzehnte Entwicklung und unzählige Kehren: Mehr braucht es für einen perfekten Autotag nicht.
Bild: Dani Heyne
Aber das sind Gedanken für daheim. Und das ist hier in den Dolomiten weit weg. Sehr weit. Hier und heute zählen nur die Kurven und Kehren, die Höhenmeter und die Endorphine, die das Hirn fluten. Daran ändert auch der Zwischenstopp vor dem Hotel Gerad nichts, selbst wenn die eilige Elite die beiden Corsas dort in ihre Schranken weist.
Innerhalb der Familie fällt der GSE durchaus auf. Doch neben Ferrari, Lamborghini und Co. wirkt er ein wenig verloren. Und der GSI daneben zeigt, wie sehr der Kleinwagen in 40 Jahren gewachsen ist. Nur zählt das Posing hier oben nicht lange. Was zählt, ist das Erlebnis hinter dem Lenkrad. Und das Grinsen, das einem der Corsa ins Gesicht meißelt, sitzt so fest wie der Fels in den Dolomiten.

Corsa GSI und GSE: Kurven-Könige unter sich

Abends stehen die Kurven-Könige in trauter Eintracht unten im Tal von Alta Badia, während Santa Croce im Abendrot glüht. Vorne ein Ferrari, dahinter ein Lambo, zwei Lotus und immer wieder Porsche. Und mittendrin die beiden Rennsemmeln aus Rüsselsheim. Klar, die machen nicht so viel her. Der GSE trägt verbreiterte Kotflügel, karierte Sitze, gelbe Gurte und einen kessen Heckflügel, dem GSI reichten damals ein paar Aufkleber.
Aber hier auf der Sellaronda kann man damit genauso viel Spaß haben wie mit den teuren Boliden. Und mit der sinkenden Sonne und den länger werdenden Schatten wachsen Stolz und Selbstbewusstsein über sich hinaus. Morgen auf der Autobahn könnt ihr wieder über uns lachen. Aber hier in den Bergen gehören wir ganz selbstverständlich dazu.