"Jetzt teste ich ein Auto, das heißt wie mein ehemaliger Chef", hatte ich ihm geschrieben. Karls Antwort (vollständiger Name der Redaktion bekannt) kam sofort: "Ein historischer Name! Und das für ’ne Korea-Kiste mit drei Zylindern." Nun ist Kollege Karl tief in der Seele Opel-Liebhaber, was machte ihn so fuchsig? Etwa dass der kleine Opel, in Rüsselsheim entwickelt, in Asien gebaut wird? Oder der leichte Dreizylinder, der uns schon im Corsa gefallen hat? Nein, Karl mag keine Weicheier. Ein Mann muss Kerl sein, erst recht ein Karl.

Der kleinste Blitz soll bei den Kleinstwagen einschlagen

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Video: Opel Karl (2015)

Erste Fahrt im Opel Karl

Vergessen wir also den bunten Adam (ein Corsa in Bermudashorts), viel wichtiger für die Marke wird der nutzwertige Karl, der mit 3,68 Meter Länge und seinem opeligen Grinsen mitten hineinfährt bei den Stadtzwergen vom Schlage Up und Twingo. Der Kerl muss zeigen, was in ihm steckt. Dass er so schmal und wuselig (8,90 Meter Wendekreis) ist, macht das Einparken bequemer, aber drinnen hat ein Hyundai i10 gefühlt mehr Luft. Der Kofferraum (195 Liter) fasst zwei Sprudelkisten, das war's. Hinten warten Notsitze, der Kofferraum hat erst ab "Edition" eine geteilte Lehne. Sie umzulegen ergibt eine Schräge, also Sitzkissen hochstellen, fummeln, ausbauen – und so was von hochgelobten Ingenieuren aus Rüsselsheim!
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Im Innenraum ist der Karl ein typischer Opel

Opel Karl
Karl-Cockpit mit dem typischen Opel-Gefühl: solide Hebel, kleine Chromrahmen, viele große Ablagen.
Zumal der 12.900 Euro teure "Exklusiv" doch genug Opel-Gefühl rüberbringt. Die Hände streichen über solide Hebel, kleine Chromrahmen, viele große Ablagen und die typisch fitzeligen Symbole auf den Schaltern. Doch hinter dieser Kulisse wird der Rotstift sichtbar, etwa beim matten Lack unter der Haube oder dünnem Filz im Kofferraum. Es herrscht eben knallharter Preisdruck bei den Stadtzwergen, da will der Karl mit seiner Dynamik punkten. Der einzige Motor, ein 1,0 Liter großer Dreizylinder, läuft angenehm ruhig und dreht willig bis an die 6500 Touren, ohne ein dröhnendes "Möööp" durch die Blechkiste zu schicken. Im Test (13,8 Sekunden) sprintete der 75-PS-Motor deutlich flotter als versprochen, verbrauchte dafür auch viel mehr: 5,6 statt 4,5 Liter – dass moderne Diätmotoren die Verbrauchslüge noch verschärfen, ist nichts Neues. Spaß macht Karls Saugmotor auch, weil die fünf Gänge beim Durchschalten mit einem festen, kurzen Klack einrasten – allerdings sollte die Sperre zum Rückwärtsgang härter sein.

An der Geräuschkulisse könnte man noch arbeiten

Opel Karl
Gut abgestimmt: Mit den großen Reifen bügelt das Fahrwerk schlechte Straßen einigermaßen glatt.
Auch mit 16-Zoll-Rädern (250 Euro extra) und echten Sportreifen (bis 240 km/h!) glättet das Fahrwerk selbst schlechte Straßen noch manierlich, allerdings nicht gerade leise. Abroll- und Motorgeräusche klingen sehr präsent, als ob dem Karl noch ein Dämm-Jäckchen fehlte. Passt zum fahraktiven Auto, aber VW Up und Hyundai i10 fahren dezenter. Wie kann sich Klein Karlchen aus der Masse abheben? Er versucht es mit modernen Extras wie Lenkradheizung, Spurassistent oder OnStar-Entertainment für 450 Euro, das Apple- wie Android-Funktionen auf dem Display anzeigt – aber erst ab Januar 2016. Hat ein Kerl das nötig? Vermutlich nicht, dafür fehlt ihm, was wir an Koreanern so schätzen: sieben Jahre Garantie wie bei Kia, während Opel nur zwei Jahre für mögliche Schäden geradesteht – das ist deutsch, aber nicht schön. Mehr Mumm hätte hier auch Kollege Karl bestimmt gut gefallen.

Fazit

von

Joachim Staat
Opels Jüngster ist nicht der Größte, dafür wendig, flott und gut ausgestattet zu saftigen Preisen. Den ersten Test hat er bei AUTO BILD bestanden, aber die Runde der Wahrheit folgt schon bald: Dann vergleichen wir den Karl mit den Besten dieser Klasse – vom VW Up bis zum Hyundai i10. Wenn er dort besteht, macht auch die Marke Opel einen Schritt nach vorne. Das wird ein wichtiger Fight.

Von

Joachim Staat