"Nichts ist unmöglich" – ein Werbeslogan, der Toyota in den 80er- und 90er-Jahren in Deutschland bekannt machte, der aber eigentlich besser zum italienischen Kleinserienhersteller Pagani passt. Eine antike römische Münze als Startknopf, Bulgari-Diamanten im Auto, eine Lackierung, die vier Monate dauert? Bei Pagani Grandi Complicazioni ist praktisch nichts unmöglich!
Hinter mir glitzert der Comer See in der Sonne, neben mir steht der Pagani Huayra Epitome: Im Rahmen des prestigeträchtigen Concorso d’Eleganza treffe ich Lorenzo Kerkoc, der sich als "Head of Pagani Special Projects" um ganz besondere Kundenwünsche kümmert. Und auch wenn jedes Fahrzeug, das die Pagani-Werkshallen im italienischen San Cesario sul Panaro verlässt, streng genommen ein Einzelstück ist, gibt es gerade in Preisklassen wie diesen Kunden, die mehr wollen. Kunden, denen ein "normaler" Pagani zu wenig ist. Um solche Wünsche zu realisieren, wurde eine Spezialabteilung gegründet: die Grandi Complicazioni.
Pagani Huayra Codalunga
Der Huayra Codalunga gilt offiziell als erstes Modell, das von Pagani Grandi Complicazioni kreiert wurde. Nur fünf Stück wurden gebaut.
Bild: PAGANI AUTOMOBILI
In Anlehnung an den aus der Uhrmacherei bekannten Fachbegriff "Grande Complication" entstehen bei Pagani Grandi Complicazioni Kleinstserien und Einzelstücke – stets in enger Zusammenarbeit mit den Kunden. Kerkoc erklärt, dass der 2022 präsentierte und nur fünf Mal gebaute Huayra Codalunga, von dem jüngst die offene Version Codalunga Speedster präsentiert wurde, offiziell als erstes Modell gilt, das bei Grandi Complicazioni entstand. Genau genommen hat Pagani aber schon viele Jahre zuvor Modelle auf expliziten Kundenwunsch entwickelt.

Alles begann mit dem Zonda Cinque

Es begann 2008 mit dem mittlerweile legendären Zonda Cinque, einem auf fünf Exemplare limitierten Sondermodell (später folgten noch fünf weitere Zonda Cinque Roadster), das auf Wunsch eines Händlers aus dem asiatischen Raum entstand. Mit einem kolportierten Wert im achtstelligen Bereich gehört der Cinque heute zu den wertvollsten und begehrtesten Pagani überhaupt.
Pagani Zonda Cinque Roadster
Streng genommen begann alles mit dem Zonda Cinque, die auf fünf Exemplare limitierte Kleinserie entstand auf Kundenwunsch des Pagani-Händlers in Hong Kong. Ein Jahr später folgte der ebenfalls auf fünf Stück limitierte Zonda Cinque Roadster.
Bild: Werk
Im Laufe der Jahre hat Pagani immer neue Maßstäbe in puncto Individualisierung gesetzt – nicht nur bei Neuwagen, sondern auch bei bereits ausgelieferten Autos. Konkretes Beispiel? Ein Kunde kauft einen Zonda, der aber optisch und/oder technisch nicht ganz seinen Vorstellungen entspricht? Kein Problem, die Abteilung "Unico Projects" hilft.
Doch zurück zu Grandi Complicazioni: Jedes Projekt startet mit einer Vision, wie mir Kerkoc erzählt. In einem ersten Treffen wird der Umfang festgelegt. Besonders wichtig ist Kerkoc, dass es bei Grandi Complicazioni kein "Nein" gibt. Auf meine Frage, ob jemals ein Projekt abgelehnt wurde, schmunzelt er und entgegnet, dass sich ein Kunde einst einen Huayra Roadster mit den Flügeltüren (Gullwing Doors) des Huayra Coupé gewünscht hätte. Eine Idee, die technisch nicht umsetzbar war. Weitere Fälle hätte es nicht gegeben.
Pagani Huayra Epitome
Der Pagani Huayra Epitome war einer der Stars beim diesjährigen Concorso d'Eleganza am Comer See.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Pro Jahr kann das Team ein, maximal zwei Einzelstücke realisieren. Dabei kommt es auf den Umfang der jeweiligen Projekte an. Der am Comer See in der Klasse "Concept Cars & Prototypes" angetretene Huayra Epitome steht exemplarisch dafür, was im Rahmen von Grandi Complicazioni alles möglich ist. Die Vision des Kunden war klar: einen Huayra zu kreieren, der das Beste aus allen Varianten vereint. Daher auch der Name "Epitome", was so viel bedeutet wie "der Inbegriff".

Der einzige Huayra mit Handschaltung

So ist die Front – wie die gesamte Karosserie – speziell für dieses Einzelstück designt worden. Besonders prägnant ist dabei die Schürze mit integriertem Splitter und neuartigen Tagfahrleuchten. Als Coupé verfügt der Epitome über die charakteristischen Gullwing Doors. Das Heck des Einzelstücks wurde vollständig neu gestaltet.
Am auffälligsten sind der besondere Flügel, der Teil der Motorhaube ist, und die kleinen, vom Huayra Roadster bekannten Flaps oberhalb der Rückleuchten – Elemente, die nicht nur zum einzigartigen Look beitragen, sondern auch der Aerodynamik zugutekommen.
Pagani Huayra Epitome
Den Huayra bot Pagani nie mit Handschaltung an. Das Einzelstück Huayra Epitome hat daher den kompletten Antriebsstrang des Utopia.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Noch zeitintensiver war es, die eigens für das Einzelstück erdachte Farbe "Blu Epitome" zu entwickeln – allein hierfür gingen vier Monate ins Land. Doch das ist immer noch nicht alles, denn der Kunden wollte einen Handschalter. Da es den Huayra jedoch seinerzeit nie mit einem manuellen Schaltgetriebe gab, mussten die Italiener sich etwas einfallen lassen. Letztendlich entschieden sie sich dazu, ein neues Chassis zu kreieren und den gesamten Antriebsstrang des Utopia zu integrieren.
Mit einem gewöhnlichen Huayra hat der Huayra Epitome nur noch die Außenspiegel gemein. Von der ersten Idee bis zum finalen Auto vergingen in Summe zweieinhalb Jahre.

Das ist der Huayra Nāga

Ähnlich aufwendig dürfte die Fertigung des Huayra Nāga gewesen sein, den Pagani kürzlich an einen Kunden aus dem asiatischen Raum ausgeliefert hat. Nāga ist ein Begriff aus der indischen Mythologie und beschreibt ein menschliches Schlangenwesen. Das erklärt auch, warum die Grilleinsätze an der Front Schlangenmuster zieren. Die Vision hinter diesem Einzelstück war eine Kooperation mit Bulgari. Das Grandi Complicazioni-Team entwickelte zusammen mit der italienischen Luxusmarke die Idee, wie Juwelen stilvoll in das Design integriert werden können.

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Aus Diskretionsgründen gibt es leider nur wenige Details zum Nāga, der technisch auf einem Imola Roadster basiert. Bekannt ist, dass die Carbon-Karosserie in einem speziellen Verfahren lackiert wurde, um den Look einer Schlangenhaut zu imitieren. Außerdem soll der runde Startknopf in der Mittelkonsole mit einer antiken römischen Münze verziert worden sein.
Einen Preis für dieses einzigartige Projekt nennt Pagani nicht. Allgemein reden die Italiener in Bezug auf Grandi Complicazioni nicht gerne über Preise. Dazu nur so viel: Das Budget wird stets in enger Abstimmung mit dem Kunden festgelegt. Dass wir hierbei über hohe siebenstellige Beträge sprechen, dürfte wohl klar sein.

Pagani Huayra R Evo Roadster

Tinnitus-Gefahr bei 9200 Umdrehungen

Bild: Pagani Automobili
Zum Abschluss unseres Gesprächs frage ich Kerkoc noch, was denn als Nächstes kommt. Eine rhetorische Frage – schließlich darf er aus Gründen der Vertraulichkeit nicht über aktuelle Projekte sprechen. Immerhin erklärt er mir, dass sie bei Grandi Complicazioni derzeit ausschließlich an Einzelstücken und Kleinstserien auf Huayra-Basis arbeiten – und das auch noch so lange, bis die Produktion des Utopia ausgelaufen ist.

Ich hätte da eine Idee ...

Und so habe ich noch Hoffnung! Hoffnung auf einen Huayra mit dem von HWA entwickelten 6,0-Liter-V12-Sauger, der aktuell ausschließlich in den Rennwagen Huayra R und Huayra R Evo Roadster zum Einsatz kommt. Einen Huayra mit Handschaltung haben sie ja schließlich auch schon gebaut. Wenn mein Wunsch also jemals umgesetzt werden sollte, dann über Grandi Complicazioni – der Abteilung, in der nichts unmöglich ist.

Fazit

Auch wenn streng genommen jeder Pagani ein Unikat ist, gibt es eben Kunden mit ganz besonderen Wünschen und Vorstellungen. Bei Grandi Complicazioni werden ebendiese umgesetzt. Ein "Nein" gibt es nicht. Was technisch umsetzbar ist, wird realisiert!