Sichtcarbon oder Lack? Leder oder Seide? Aerofelgen oder doch lieber die neuen Räder im Doppelspeichen-Design? Bei Pagani sind die Individualisierungsmöglichkeiten praktisch unbegrenzt. Keine fünf Meter von mir entfernt erschafft ein Kunde gerade sein ganz persönliches automobiles Kunstwerk, aber so gerne ich auch mal einen Blick hinter die dicken Vorhänge werfen würde: Ich bin heute aus einem anderen, noch wichtigeren Grund im italienischen Örtchen San Cesario sul Panaro. Der Pagani Utopia Roadster feiert Europa-Premiere!
Und das nicht mal zwei Jahre nach der Präsentation des Coupés. Dass die offene Version so kurz nach dem Coupé enthüllt wird, mag überraschen, hat aber einen einfachen Grund: Anders als bei den Vorgängern Zonda und Huayra wurde der Utopia von Beginn an als Coupé und als Roadster erdacht. Das erklärt auch, warum beim 2011 präsentierten Huayra mehr als fünf Jahre vergingen, bis die Roadster-Version auf den Markt kam.

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Pagani Utopia Roadster
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Pagani Utopia: Coupé und Roadster wurden parallel entwickelt

Die parallele Konzeption von Coupé und Roadster hat gleich mehrere Vorteile: Neben der kürzeren Entwicklungszeit ist Pagani das Kunststück gelungen, dass die offene Version kein einziges Kilogramm Mehrgewicht auf die Waage bringt. Coupé und Roadster besitzen ein identisches Trockengewicht von jeweils 1280 Kilo. Damit sind sie trotz deutlich fortschrittlicherer Sicherheitstechnik – der Utopia besitzt sogar einen Knieairbag, was für ein Hypercar sehr untypisch ist – fast auf das Kilo so schwer wie der Zonda.
Pagani Utopia Roadster
Die optischen Unterschiede zwischen Coupé und Roadster sind marginal. Für die offene Version wurden aber neue Räder designt.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Das Thema Sicherheit liegt Firmengründer Horacio besonders am Herzen, und so musste der weltweit homologierte Utopia Roadster mehr als 50 Crashtests absolvieren. Bemerkenswert: Dabei konnte immer dasselbe Chassis verwendet werden, lediglich Karosserieteile wurden getauscht.
Ein weiterer wichtiger Punkt für Pagani: Der Utopia Roadster soll dem Coupé in puncto Fahrdynamik und Agilität in nichts nachstehen – was, wie ich nach meiner Fahrt im Utopia aus erster Hand berichten kann, sehr vielversprechend klingt! Besonderes Augenmerk lag auf der Karosseriesteifigkeit. Mithilfe von Hightech-Materialien wie Carbo-Titanium HP62 gelang den Italienern das Kunststück, dass Roadster und Coupé die gleiche Torsionsfestigkeit besitzen.
Pagani Utopia Roadster
Für den Roadster hat Pagani eine 3-in-1-Dachlösung entwickelt. Das Hardtop kann nicht im Auto mitgenommen werden – dafür gibt es ein kompaktes Stoffdach, das in einer Tasche hinter den Sitzen Platz findet.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Trotz tiefgreifender Änderungen blieb die verspielte Optik des Utopia erhalten. Ist das nur sieben Kilo leichte Carbo-Titanium-Hardtop montiert, braucht es ein geschultes Auge, um Roadster und Coupé auf Anhieb zu unterscheiden. Es gibt aber einen einfachen Trick, um die beiden Versionen auseinanderzuhalten: Das Hardtop verfügt über einen großen, durchgängigen Glaseinsatz, während das Coupé zwei voneinander getrennte Oberlichter besitzt. Weitere optische Unterschiede sind marginal und betreffen in erster Linie die Partie oberhalb der Glaspartie in der Motorhaube.

Das Stoffdach ist immer dabei

Da das einteilige Hardtop nicht im Auto verstaut werden kann, hat sich Pagani eine Lösung überlegt: Falls die Insassen spontan von einem Regenschauer überrascht werden, befindet sich in einer edlen Ledertasche hinter den Sitzen ein kompaktes Stoffverdeck, das mit wenigen Handgriffen montiert wird. Im Idealfall wird der Roadster aber oben ohne genossen, sodass der Sound des V12-Biturbos noch intensiver erlebt werden kann.
Pagani Utopia Roadster !!! SPERRFRIST 30. Juli 2024 15 Uhr !!!
Das Carbon-Hardtop verfügt über einen großen Glaseinsatz, der viel Licht ins Cockpit lassen soll.
Bild: Pagani Automobili S.p.A.
In puncto Antrieb gibt es keine Unterschiede zwischen Coupé und Roadster. Das Herzstück beider Versionen ist der "Pagani-V12" genannte 6,0-Liter-Biturbo, der in den Grundzügen noch immer auf dem Mercedes-AMG-V12 basiert und auch weiterhin bei AMG montiert wird. Statt 802 PS im Huayra Roadster BC und 840 PS im Huayra Codalunga leistet der doppelt aufgeladene V12, der in Europa bis 2030 zulassungsfähig sein soll, im Utopia 864 PS. Das maximale Drehmoment von 1100 Nm fällt nur über die Hinterräder her. Ein schwerer Allradantrieb? Für Pagani genauso wenig eine Option wie ein Hybridantriebsstrang, schließlich lautet die Formel: wenig Gewicht gleich viel Fahrspaß!
Gekoppelt ist der V12 wahlweise an ein sequenzielles Siebenganggetriebe oder an eine Handschaltung mit offener Schaltkulisse. Beide Getriebe stammen von Xtrac und sind hinter dem Motor positioniert. Beim Coupé entschieden sich übrigens rund 70 Prozent der Kunden für die Handschaltung.
Bei Pagani mittlerweile Tradition: Die Modelle werden stets mit unterschiedlichen Rädern gezeigt. Beim Utopia Roadster sind auf der Fahrerseite die neuen Felgen mit sieben Doppelspeichen und auf der Beifahrerseite die Räder mit Aero-Einsätzen montiert, die Teil des rund 275.000 Euro teuren "Sport Pack" sind und für die 18 unterschiedliche Entwürfe notwendig waren, ehe das finale Design stand.

Revolutionäre Reifen

Das eigentliche Highlight sind jedoch die Reifen. Der Pagani Utopia Roadster kommt mit dem sogenannten Pirelli Cyber Tyre – eine Neuentwicklung, die Horacio Pagani mit Innovationen wie ABS oder Traktionskontrolle vergleicht. Spezielle Sensoren sollen Auto und Reifen miteinander kommunizieren lassen. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Die Sensoren in den Reifen geben die Informationen direkt an die Assistenzsysteme wie ABS und ESP weiter, sodass diese noch feinfühliger eingreifen können. Laut Pirelli soll sich der Bremsweg aus 100 km/h so um bis zu zwei Meter verringern. Der Pagani Utopia Roadster (und ab sofort auch das Coupé) sind weltweit die ersten Autos, die mit dem cleveren Cyber Tyre ausgerüstet sind. Großserienfahrzeuge sollen zu einem späteren Zeitpunkt folgen.
Pagani Utopia Roadster !!! SPERRFRIST 30. Juli 2024 15 Uhr !!!
Der Utopia Roadster wird das erste Modell mit dem Pirelli Cyber Tyre. Das Coupé bekommt die neuen Reifen rückwirkend.
Bild: Pagani Automobili S.p.A.
Im Innenraum lautet das oberste Gebot: Zeitlosigkeit. Unschön eingelassene Bildschirme? Nicht im Utopia! Aber fangen wir vorne an: Der Einstieg gelingt ohne Dach einfacher als im Coupé, und nachdem meine ausgiebige Testfahrt im Utopia noch nicht lange her ist, kommt mir das Cockpit sehr bekannt vor. Auch im Innenraum sind es die Details, die den Unterschied machen. So wurde die Mittelkonsole aus Aluminium mit einem Längsschliff versehen und der Schlüssel an die Roadster-Silhouette angepasst.
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In dieser Tasche hinter den Sitzen wird das Stoffdach verstaut. Im Fall eines Regenschauers kann es montiert werden.
Bild: Pagani Automobili S.p.A.
Die Materialauswahl bei Pagani ist und bleibt unerreicht. Das Lenkrad wird bei Modena Design aus einem 43 Kilo schweren Block herausgefräst. Dieser Vorgang dauert 28 Stunden. Übrig bleibt ein 1,7 Kilo schwerer Rohling, der anschließend stundenlang von Hand auf Hochglanz poliert wird. Dafür zuständig ist ein älterer italienischer Signore, der diese Handwerkskunst an seine Enkel weitergibt und mit ihnen zusammen jedes einzelne der 777 aus Aluminium gefrästen Teile eines Utopia händisch bearbeitet. Das erklärt auch, warum pro Monat nur fünf Lenkräder entstehen. Ein weiterer Beweis für die nahezu unheimliche Detailverliebtheit ist, dass knapp 50 Prozent der Aluteile im Verborgenen bleiben und die Kunden diese niemals zu Gesicht bekommen.

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Pagani Utopia
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Basispreis des Pagani Utopia Roadster: 3,1 Mio. Euro netto

Diese Ingenieurs- und Handwerkskunst hat natürlich ihren Preis: Mit 3,1 Millionen Euro netto (knapp 3,7 Mio. brutto) ist der Roadster noch mal eine halbe Million Euro teurer als das Coupé. Hinzu kommen durchschnittlich 400.000 bis 500.000 Euro an Extras und Sonderwünschen.
Eine kleine Überraschung gibt es bei der Limitierung, denn mit 130 Exemplaren wird der Utopia Roadster häufiger gebaut als das Coupé, von dem nur 99 Stück entstehen. Nichtsdestotrotz sind alle Utopia Roadster bereits vergeben. Das erste Kundenfahrzeug soll im April 2025 ausgeliefert werden – und wer weiß, vielleicht wurde Utopia Roadster "1 di 130" ja nur wenige Meter von mir entfernt konfiguriert.

Fazit

Auf den ersten Blick ist der Utopia Roadster kaum vom Coupé zu unterscheiden – was in diesem Fall keine Kritik ist. Dass Pagani es geschafft hat, das Gewicht zu halten, ist bemerkenswert. Der innovative Cyber Tyre klingt spannend. Ob man als Fahrer etwas davon spürt und wie viel besser der V12-Biturbo im Roadster klingt, werde ich hoffentlich bald testen können!