Polestar 4 Long Range Dual Motor: Test
"E-SUV-Coupé" im Test: Die Bedienung des Polestar 4 lenkt zu sehr ab
Polestar 4 Long Range Dual Motor im Test
Ein Auto ohne Heckscheibe, ohne Schlüssel, ohne separate Versteller für Spiegel, Lenkrad und Lüfterdüsen. Der Polestar 4 im AUTO BILD-Test.
Bild: Polestar
Freunde konventioneller Bedienkonzepte stellt der Polestar 4 auf eine ähnlich harte Probe wie der Volvo EX90 aus dem gleichen Konzern (Geely). Ältere Fahrer, womöglich Smartphone-ungeübt, müssen hier das Fahren neu lernen. Die Liste im Vorspann oben lässt sich fortsetzen.
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Sogar das Handschuhfach ist nur via Bildschirm zu öffnen. Denn konventionell will dieses in China und Südkorea (hier entstehen die Exemplare für die USA) gebaute E-Auto auf keinen Fall sein, tut dies schon mit der fehlenden Heckscheibe kund.
Mehr Schräghecklimousine als SUV-Coupé
Der Hersteller sieht ihn als "SUV-Coupé". Wir finden, bei 2,08 Meter Breite (ohne Spiegel), nur 1,53 Meter Höhe und für Waldwege zu knappen 16 Zentimeter Bodenfreiheit hat er mehr von einer Schräghecklimousine, allein schon wegen der tiefen Sitzpositionen. Auch hinten hockt man tief, nur rund 20 Zentimeter über dem Wagenboden und mit wenig bequemem Kniewinkel. Ellbogen- und Kniefreiheit hingegen bietet das China-Nordlicht satt.

Der Polestar 4 ist breit und nur 1,53 Meter hoch. Man sitzt ziemlich tief, und es fehlt an Bodenfreiheit – für uns eher Limousine als SUV.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Der Polestar 4 rangiert zwischen der Kompaktlimousine Polestar 2 und dem Steilheck-SUV Polestar 3. Der 4er bietet den größten Laderaum der Modellpalette: 526 bis 1536 Liter. Übrigens ist auch der Zentralschirm größer: 15,4 Zoll Diagonale, mit Google-Integration und wacher Spracherkennung.
Fahrzeugdaten
Modell | Polestar 4 Long Range Dual Motor |
|---|---|
Motor Bauart | Synchronelektromotoren |
Einbaulage | je ein Motor vorn und hinten |
Spitzenleistung | 400 kW (544 PS) |
Dauerleistung | 150 kW (204 PS) |
maximales Drehmoment | 686 Nm |
Vmax | 200 km/h |
Getriebe | Einganggetriebe |
Antrieb | Allradantrieb |
Bremsscheiben vorn/hinten | 364 x 30 mm/350 x 26 mm |
Testwagenbereifung | 265/40 R 22 W |
Reifentyp | Pirelli P Zero Elect |
Radgröße | 9,5 x 22" |
Reichweite* | 590 km |
Verbrauch* | 21,7 kWh/100 km |
Batteriekapazität brutto/netto | 100/94 kWh |
Ladeleistung AC/DC | 11 (22**)/200 kW |
Ladezeit (10-80 %, DC-Ladung) | 30 Minuten |
Ladeanschluss | hinten links |
Fach unter Frontklappe | Serie/15 l |
Vorbeifahrgeräusch | 68 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | 2000/750 kg |
Stützlast | 100 kg |
Kofferraumvolumen | 526–1536 l |
Länge/Breite/Höhe | 4840/2008–2139***/1544 mm |
Radstand | 2999 mm |
Grundpreis | 69.900 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 79.900 Euro |
Während der Polestar 3 sich mit dem Volvo EX90 die Technikbasis teilt und in den US-Südstaaten gebaut wird, nutzt der 4er eine Geely-Plattform. Anders als der teurere Bruder kann er gegen 200 Euro Aufpreis auch die stärkeren 22-kW-Wechselstromquellen nutzen, was die AC-Ladezeit von elf auf 5,5 Stunden verkürzt (0–100 Prozent).
Kamera ersetzt die Heckscheibe
Ein Auto ohne Heckscheibe – kann man sich darin wohlfühlen? Antwort: Ja, denn das serienmäßige Glasdach verhindert den Eindruck einer dunklen Höhle. Nein, heißt die Antwort für Gleitsichtbrillenträger, denn für sie liegt der zum Monitor umfunktionierte Innenspiegel im Nahbereich. Mit der Nase am Rückspiegel klebende Fahrer hätten Loriot sicher zu zwerchfellerschütternden Sketchen inspiriert.

Nein, das ist keine Spiegelung: Die wegen der nicht vorhandenen Heckscheibe fehlende Rücksicht kompensieren Kamera und Monitor.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Das weitwinklige Kameraauge hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Entfernungen sind damit schwierig einzuschätzen. Rückwärts fahren wir bald lieber altmodisch nach Rückspiegel wie mit einem Kastenwagen. Zudem wird das Bild des Monitor-Spiegels in schräg stehender Wintersonne milchig. Bei Nebel oder Dämmerung brilliert das Kamerasystem hingegen, zeigt mehr als ein konventioneller Innenspiegel.
Das Glasdach bietet naturgemäß eine schlechtere Wärmedämmung als ein gefütterter Dachhimmel, zumal die Klimaanlagenleistung nicht zufriedenstellt in Anbetracht des Kaufpreises.
Beschleunigung auf Sportmotorrad-Niveau
Die 544 PS und 686 Nm Drehmoment der Dual-Motor-Version lassen den Horizont so beängstigend schnell näher kommen, als hätte man ihn per Teleobjektiv herangezoomt – angenehmerweise ohne die elektroautoüblichen synthetischen Klänge. Von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden, das ist auf Sportmotorrad-Niveau und lässt das Mobiltelefon regelmäßig aus der rutschigen Ladeschale fliegen. Die Brembo-Scheiben des Performance-Pakets zu 4500 Euro sind nicht mehr als adäquat.

Kein Querdynamiker: Der Polestar 4 ist zwar rasend schnell auf Tempo 100, Kurven liegen ihm wegen seiner Lenkung aber eher nicht.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Als agiles Driver's Car würde trotz aller Kraft kaum jemand dieses Elektroauto bezeichnen, schon wegen der leichten Untersteuerneigung. Die allradtypische Geradeausfahrtendenz muss man mit der Lenkung parieren, die aber ist eher gefühllos-teigig als mitteilsam. Es hilft auch, einfach vom Gas zu gehen, und er ist wieder in der Spur. Fahrstabil ist er auch durch die gewaltige Breite.
Messwerte
Modell | Polestar 4 Long Range Dual Motor |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 1,8 s |
0–100 km/h | 3,8 s |
0–130 km/h | 5,7 s |
0–160 km/h | 8,3 s |
0–200 km/h | 13,8 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 1,7 s |
80–120 km/h | 2,1 s |
Leergewicht/Zuladung | 2366/444 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 50/50 % |
Wendekreis links/rechts | 12,2/12,2 m |
Sitzhöhe | 610 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 35,4 m |
aus 100 km/h warm | 35,5 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 55 dB(A) |
bei 100 km/h | 63 dB(A) |
bei 130 km/h | 67 dB(A) |
bei 160 km/h | 70 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 21,0 kWh/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 28,9 kWh/100 km (+33 %) |
Sportverbrauch | 38,2 kWh/100 km |
CO2 (lokal) | 0 g/km |
Reichweite | 344 km |
Die Federung gibt sich eher straff; die kurzen und progressiven Federwege teilen Bodenwellen durchaus mit, mit leichter Trampelneigung auf stakkatoartigen Kanten, schlagen aber nie durch. Bei unseren Testfahrten brilliert der Polestar vor allem in einer Disziplin: Auf Kopfsteinpflaster ist er eines der leisesten Autos, an die wir uns erinnern können. Der Eindruck gehobener, handfester Qualität bleibt, wenn man sich den Innenraum anschaut (Soft-Material auch unterhalb der Sichtlinie) oder den Laderaum (solide Verzurrösen aus Metall, am Blech befestigt).
Bedienung erfordert zu viel Aufmerksamkeit
Bis auf die Audio-Lautstärke und die Belüftungsrichtung läuft die gesamte Bedienung über den oft verzögert reagierenden zentralen Touchscreen. Die Lenkradtasten sind unbeschriftet und de facto Mini-Touchpads wie an einem Laptop. Die rechte eröffnet einen Schnellzugriff auf wichtige Einstellungen, etwa auf die Außenspiegel. Unser Testwagen bietet drei Dämpfer-Modi. Ja, auch die sind nur via Zentralmenü einzustellen.

Alles andere als optimal: Der Polestar 4 hat nur wenige echte Tasten; ständig ist man bei der Bedienung auf der Suche nach irgendetwas.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Es gibt zwar immerhin ein kleines Fahrercockpit mit gespiegelter Navikarte, dennoch ist der Fahrer ständig mit der Suche nach irgendetwas abgelenkt, was wiederum einen strengen Verweis der Aufmerksamkeitsassistenz nach sich zieht. Die Verkehrszeichenerkennung zeigt schon mal falsch an, etwa 8 statt 80 km/h, gesäumt von Ermahnungs-Pingping. CarPlay-Nutzer nervt eine Unzahl von Zustimmungsfenstern. Zudem hält uns das Auto ständig für müde.
Wertung Polestar 4 Long Range Dual Motor
Kategorie | Bewertung / Beschreibung | Punkte |
|---|---|---|
Karosserie | Unpraktisch breit. Viel Ellenbogenfreiheit. Variabler Laderaum. Kameraspiegel überzeugt nur teilweise. | 3,5 / 5 |
Antrieb | Zügiger Antritt, wache Reaktion auf Pedalbefehle, rascher Zwischenspurt. Hoher Autobahnverbrauch. | 4 / 5 |
Fahrdynamik | Lenkung etwas teigig, aber direkt. 12,2 Meter Wendekreis – unhandlich. Passable Bremswege. | 3 / 5 |
Connected Car | Google-Navi mit Satellitenbild, Echtzeitverkehr und E-Routenplanung. Sprachbedienung kann nicht alles. | 4,5 / 5 |
Umwelt | Lokal emissionsfrei, aber knapp 2,4 Tonnen schwer. Sehr breit. Bezugsstoffe aus PET-Flaschen. | 3,5 / 5 |
Komfort | Federung hier und da ruppig, insgesamt aber okay. Bedienung umständlich. Fondsitzfläche zu tief. | 4 / 5 |
Kosten | Hoher Kaufpreis, teure Vollkasko, nur zwei Jahre Garantie. Wartung alle zwei Jahre. | 2,5 / 5 |
AUTO BILD-Testnote | 2- |
Wärmepumpenheizung, Akku-Thermomanagement und dreiphasiger Bordlader sind Serie, dazu die 22-kW-Option – schon modern. An anderer Stelle ist der Polestar nicht ganz up to date: Eine Verkehrszeichenübernahme gibt es beispielsweise nicht. Und bei der FM-Radiosendersuche via Sprachbedienung klingt das gefundene Ergebnis gelegentlich verrauscht.
Der Polestar demonstriert Umweltbewusstsein: Stoffe aus recycelten PET-Flaschen, Nappaleder mit groß aufgedrucktem Tierwohlzertifikat. Jetzt müssen nur die Hirsche schnell genug in den Wald türmen.
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