Die Rallye-WM wird elektrisch. Zumindest ein wenig. Bei der Rallye Monte Carlo am kommenden Wochenende (20. bis 23. Januar) gehen die Werksautos von Toyota, Hyundai und Ford erstmals mit Plug-In-Hybrid-Technologie an den Start.
Der seit 2011 bewährte 1,6-Liter-Turbobenziner (rund 380 PS) erhält ab sofort Unterstützung durch einen Elektromotor. Die Leistung der jetzt Rally1 genannten Topfahrzeuge (bisher World Rally Car) steigt damit auf über 500 PS.
Die 135 Elektro-PS stehen aufgrund der vergleichsweise kleinen Batterie (Kapazität 3,9 kWh) aber nur begrenzt zur Verfügung. Toyota GR Yaris Rally1, Hyundai i20N Rally1 und Ford Puma Rally1 werden in jeder Servicepause extern aufgeladen. So können sie auf vorgeschriebenen Streckenabschnitten – zum Beispiel bei Ortsdurchfahrten – komplett elektrisch fahren.
Toyota GR Yaris Rally1
Das Nachladen während der Fahrt geschieht durch Energierückgewinnung beim Bremsen. Aufgabe für den Fahrer ist, am Start jeder Wertungsprüfung mit voll geladener Batterie anzukommen – und die gespeicherte Energie anschließend möglichst clever einzusetzen.
„Das wird richtig kompliziert für uns Fahrer“, hat Weltmeister Sébastien Ogier (Toyota) bei den Testfahrten kurz vor Weihnachten festgestellt. „Nur in den ersten Sekunden nach dem Start können wir die volle Leistung von über 500 PS nutzen. Danach muss man beim Bremsen genug Ladung rekuperieren, um an strategisch wichtigen Stellen erneut elektrische Leistung abrufen zu können.“
Das Einsetzen der Elektro-Power steuert komplett die Motorelektronik. Der Fahrer darf nicht manuell eingreifen, einen Push-to-Pass-Knopf wie in der Formel E gibt es nicht.
Das in Österreich und Deutschland gefertigte Hybrid-System ist nicht die einzige Neuheit der Rally1-Werksautos. Basis ist ab sofort nicht mehr die Rohkarosse eines Serienmodells. Stattdessen bildet das Rückgrat der Rally1-Boliden, ähnlich wie bei den Tourenwagen der früheren DTM, ein Gitterrohrrahmen. Darin findet nicht nur die rund 80 Kilogramm schwere Batterie des Hybrid-Systems einen Crash-geschützten Platz.
Darüber hinaus wird der allen Teilnehmern bei WM-Rallyes zur Verfügung gestellte Sprit ab sofort aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt, in einem ersten Schritt hauptsächlich aus Biomüll.
Sport Ford Puma Hybrid Rally1
Die WM startet in die Ära des komplexen Hybrid-Antriebs ausgerechnet mit der voraussichtlich schwierigsten Rallye das Jahres. Die zwei längsten Etappen müssen bei der „Monte“ komplett ohne Service absolviert werden. Bei Problemen müssen Fahrer und Beifahrer ohne Hilfe der Mechaniker auskommen.
Die unberechenbaren Streckenverhältnisse machen außerdem die Reifenwahl oft zum Lotteriespiel. Zur Wahl stehen fast profillose Slicks sowie Winterreifen mit und ohne Spikes. Maximal sechs – vier montiert plus zwei als Ersatz im Kofferraum – dürfen die Teams für eine aus bis zu drei Wertungsprüfungen bestehende Schleife mitnehmen.
Bei abwechselnd trockener, verschneiter oder vereister Strecke sind manchmal waghalsig anmutende Kompromisse gefragt: Zwei Spikes in Kombination mit zwei Slicks sind durchaus keine Seltenheit. „Du hast eigentlich nie die optimalen Reifen drauf. Auch das macht den Reiz der ‚Monte‘ aus“, grinst Sébastien Ogier.
Eine Kunst, die der Franzose perfekt beherrscht. Sieben Siege feierte er in den vergangenen acht Jahren bei Rallye Monte Carlo. Ein weiterer könnte hinzukommen. Denn der frühere Skilehrer hat sich sein Heimspiel für sein geplantes Teilzeitprogramm aus höchstens sechs WM-Läufen ausgesucht. Ansonsten will er sich auf einen möglichen zukünftigen Start beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans vorbereiten. 
Hyundai i20 N Rally1
Die Rekordzahl von sieben Monte-Siegen teilt sich Ogier mit Sébastien Loeb. Der geborene Elsässer, der noch vor wenigen Tagen durch die Wüste tobte und bei der Rallye Dakar den zweiten Rang belegte, feiert ein überraschendes Comeback im Ford-Werksteam. „Geplant ist nur dieser eine Start. Danach sehen wir weiter“, stapelt der inzwischen 47 Jahre alte neunmalige Weltmeister tief.
Neben Ogier und Loeb zählen auch die Toyota-Werksfahrer Elfyn Evans und Kalle Rovanperä sowie das Hyundai-Duo Ott Tänak und Thierry Neuville zu den Favoriten.
Einziger deutscher Fahrer im 75 Teams umfassenden Starterfeld ist der amtierende Rallyemeister Marijan Griebel. Der Pfälzer rechnet sich im werksunterstützten Opel Corsa (1,2-Liter-Turbomotor, rund 210 PS, Vorderradantrieb) Chancen auf den Sieg in der Klasse RC4 aus.
Nach Jahren mit Serviceparks auch außerhalb von Monaco bleibt die Zentrale dieses Mal durchweg im Fürstentum. Dadurch präsentiert sich die Strecke, die 17 Wertungsprüfungen mit einer Gesamtlänge von 296 Kilometern umfasst, stark verändert. Gelblieben ist die traditionelle Überfahrt über den Col de Turini. Start ist am Donnerstagabend um 18:45 Uhr vor dem Casino von Monte Carlo, Ziel am Sonntagmittag gegen 14:30 Uhr vor dem Fürstenpalast.
Die Homepage der Rallye-WM (www.wrc.com) streamt alle Prüfungen live im Internet, der Dienst ist kostenpflichtig. Servus TV (www.servustv.com/sport) überträgt am Samstag und am Sonntag vier WP live im Internet und im Free-TV.

Von

Christian Schön