Drei Mischreifen für Straße und Gelände sowie ein besonders grobstolliger Geländereifen treten in diesem Test gegeneinander an. Sind sie auch auf der Straße sicher?
Es sind nicht nur Förster, Jäger, Almwirte und Baugutachter, die verzweifelt nach dem ultimativen Alleskönnerreifen für ihr Fahrzeug suchen. Auch Pferdeanhängerbesitzer, Wohnwagenreisende und Berghüttenpächter hätten gern einen Reifen, der einfach alles kann: höchste Sicherheit auf der Straße, verlässlicher Grip im Gelände. Beim Fahrzeug hat sich diese Zielgruppe nach eigenem Empfinden häufig sehr stark dem Optimum angenähert: ein moderner Geländewagen der aktuellen Generation, der wie kaum ein anderer Fahrzeugtyp viel Komfort und Sicherheit bietet und dennoch flottes Tempo ermöglicht. Doch die Reifen sind nach wie vor das ungelöste Problem. Im Klartext: Genauso wenig, wie es einen Sommerreifen gibt, der auch bei Eis und Schnee optimal greift, genauso wenig gibt es einen Straßenreifen, der sicheres Vorankommen auf einem morastigen Waldweg ermöglicht. Weiterhin gilt also: Es gibt Extremisten — die einen für die Straße, die anderen fürs Gelände — und es gibt Kompromisse.
Mit den Kompromissen beschäftigen wir uns in diesem Reifentest, zu dem wir drei aktuelle Mischreifen für Straße und Gelände gebeten haben. Und damit man deren Ergebnisse besser
Vredestein Ultrac SUV Sessanta: Ein sehr guter Straßenreifen, aber schwach im Gelände.
Bild: Toni Bader
einordnen kann, unterzogen wir einen reinen Straßenreifen sowie einen besonders grobstolligen Geländereifen aus der Mud-Terrain-Fraktion dem gleichen Test. Die gewählte Dimension 235/65 R 17 steht stellvertretend für die größeren und schwereren SUV und Geländewagen. Egal ob Mercedes M-Klasse, VWTouareg, Volvo XC 90, Jeep Grand Cherokee — auf den meisten Allradlern dieser Größen und Gewichtsklasse ist diese Dimension freigegeben, notfalls mit nachträglicher Eintragung. Auch wenn 235/65 R 17 ein sehr populäres Format ist, bleibt die Auswahl an Reifen für gehobene Geländeansprüche eingeschränkt. Und obwohl diese Dimension für so viele Allradler in Frage kommt, bieten nur wenige Hersteller einen Mischreifen oder gar Geländereifen in Europa an. Woran liegt es? Schlicht und einfach an der geringen Nachfrage.
Alle Geländereifen bremsen schlechter als der Straßenpneu
In den USA sieht das anders aus, aber in Europa sind die Verkaufszahlen bei geländetauglichen Reifen in Wahrheit gering. Das Programm namhafter Hersteller schrumpft deshalb in diesem Bereich
Auch beim Bremsen ist der Straßen-Vredestein erwartungsgemäß nicht zu schlagen.
Bild: Toni Bader
eher, als dass es wächst. Sportliche Niederquerschnitt-Sommerreifen verkaufen sich dagegen blendend. Sicher hat dies auch mit dem gehobenen Sicherheits- und Tempobedürfnis in Europa und speziell in Deutschland zu tun. In den USA, wo meist mit maximal gut 120 km/h gefahren werden darf, kann es sich der dortige Geländewagenfahrer eher leisten, einen Reifen mit mehr Geländegrip zu wählen, der dafür auf der Straße die Bremswege verlängert. Dass dieser Spagat auch heute noch das zentrale Problem bei der Reifenwahl ist, beweist erneut unser Test. Selbst die neuesten Reifenentwicklungen führender europäischer Hersteller wie Continental oder Pirelli schaffen es nicht annähernd, das Bremsvermögen des mitgetesteten Straßenreifens zu erreichen. Continental CrossContact AT und Pirelli Scorpion ATR sind beides Mischreifen der neuesten Generation, aber auch sie haben keine Chance auf trockenem oder nassem Asphalt, dem Straßenreifen nahe zu kommen.
Schon bei trockener Fahrbahn verlängern sich die Bremswege aus Tempo 100 bei den beiden Mischreifen um rund zweieinhalb Meter. Bei nassem Asphalt wird der Unterschied noch größer: plus drei Meter beim Pirelli, plus vier Meter beim Continental. Das ist der aktuelle Stand der Technik bei Mischreifen für Straße und Gelände. Wie der Stand gestern war, sieht man an den Messwerten des Cooper Discoverer ATR: Mehr als 15 Meter weiter als auf Straßenreifen rutscht der Cooper-bereifte Test-Jeep. 64,0 statt 48,7 Meter — ein katastrophales Ergebnis, das zur Abwertung führt.
Ein derartiges Resultat ist auch deswegen bestürzend, weil der mitgetestete Geländespezialist, der Goodyear Wrangler MT/R mit seinem noch wesentlich gröberen Profil, deutlich bessere Werte erzielt.
Handling im Schlamm: Der MT-Goodyear machte hier die beste Figur.
Bild: Toni Bader
Mit einem Nassbremsweg von 55,4 Metern aus Tempo 100 liegt dieser MT-Reifen immerhin nicht gar so weit weg von den Werten der aktuellen Mischreifen von Continental und Pirelli wie der Misch-Cooper. Allerdings muss man an dieser Stelle anfügen, dass auch der Goodyear im Segment der echten Geländereifen ein moderner Vertreter ist, bei dessen Entwicklung durchaus auf manierliche Straßeneigenschaften geachtet wurde. Dennoch zeigen die Messungen, dass mit einem solchen Reifen die Bremswege dramatisch anwachsen. 55,4 gegenüber 48,7 Meter Bremsweg — ein übergroßer Sicherheitsabstand muss also zwingend eingehalten werden, um bei einem plötzlichen Bremsmanöver des Vordermanns noch rechtzeitig anhalten zu können. Doch dies ist im heutigen dichten Straßenverkehr Europas kaum mehr realisierbar. Die Abstände werden immer kleiner, das gefahrene Tempo ist aber eher höher.
Auf Schlamm und Gras überzeugen Goodyear und Conti
Dass moderne Mischreifen jedoch in einigen Punkten deutlich aufgeholt haben, zeigen die möglichen Kurvengeschwindigkeiten auf nasser Fahrbahn. Hier waren früher bei Mischreifen drastische Einbußen gegenüber Straßenreifen hinzunehmen. Heute zeigen der Continental CrossContact AT und vor allem der Pirelli Scorpion ATR spür- und auch messbare Fortschritte. Das bei Nässe wenig berechenbare Gerutsche von früher ist endlich einem berechenbaren Eigenlenkverhalten gewichen, das Vertrauen schenkt und auch ausreichende Reserven für ein plötzliches Ausweichmanöver bereithält. Auf trockenem Asphalt dagegen muss man die Ansprüche immer noch stark herunterschrauben. Die Mischreifen folgen der Lenkung nur wenig besser als der supergrobe MT-Goodyear, der Straßenreifen von Vredestein dagegen fährt hohnlachend Kreise um solche Geländepneus. Sind denn die Mischreifen wenigstens im Gelände so viel besser als ein Straßenreifen? Klares Ja.
Der besonders grobe Goodyear MT macht außer Konkurrenz vor, was grundsätzlich möglich ist. Und in der Tat beißt er sich souverän Meter für Meter durch feuchten Grasboden und matschigen Schlamm. Aber auch die Mischreifen überzeugen, wenn es ums Durchkommen geht. Mit dem
Dramatische Unterschiede beim Bremsen auf Nässe: Indiskutabel schlecht bremst der Cooper.
Bild: Toni Bader
Straßenreifen von Vredestein ist der Test-Jeep schon längst steckengeblieben, da baggert sich vor allem der Continental immer noch unbeirrt weiter und versucht sogar, dem MT-Goodyear zu folgen. Der auf der Straße noch etwas feinfühliger als der Conti agierende Pirelli zeigt hingegen auf Gras und Sand eine für einen Mischreifen einigermaßen peinliche Schwäche. Dafür darf er als der alltagstauglichste Mischreifen gelten, denn er überzeugt zudem mit recht leisem Abrollgeräusch und akzeptablem Rollwiderstand. Aber auch der Continental hat seine Daseinsberechtigung. Denn er bringt bei noch tolerierbaren Straßenschwächen wirklich ordentliche Mehrtraktion im Gelände. Der Treibstoffverbrauch ist natürlich ebenfalls ein Thema, gerade bei geländetauglichen Reifen. Denn vom Kunden montierte grobe Reifen führen naturgemäß die verzweifelten Bemühungen der Fahrzeughersteller ad absurdum, den Kraftstoffverbrauch ihrer Fahrzeuge Zehntelliter um Zehntelliter zu senken.
Fazit von Martin Braun und Dierk-Möller Sonntag
Auch die neuesten Entwicklungen bei den Mischreifen für Straße und Gelände zeigen, dass man
Freuten sich auf die Dusche nach jedem Testtag im Gelände: die Tester Henning Klipp (links) und Dierk Möller-Sonntag.
Bild: Toni Bader
weiterhin mit Kompromissen leben muss. Tatsache bleibt: Wenn man einen Mischreifen statt eines Straßenreifens wählt, verlängern sich die Bremswege deutlich, und die Reserven für Ausweichmanöver verringern sich. Solche Reifen sind also nur dann anzuraten, wenn man sein Tempo auf der Straße konsequent reduziert, um damit die verminderte Sicherheit wenigstens zum Teil zu kompensieren. Wer dazu nicht bereit ist, sollte besser bei Straßenreifen bleiben und im Gelände lieber mal ein Steckenbleiben riskieren.
Der seifige Modder in der präparierten Schlammkuhle stellt höchste Anforderungen
an das Traktionsvermögen der Reifen.
Bild: Toni Bader
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Warum wir den holländischen Vredestein bei unserem Geländereifentest als Referenz-Straßenreifen gewählt haben? Ganz einfach: Er hat unseren aktuellen Sommerreifentest gewonnen (siehe AUTO BILD ALLRAD 4/2008) — ein sehr guter Straßenreifen, aber schwach im Gelände.
Traktion Gras: Auf dem feuchten Grasboden zeigt sich die Überlegenheit der groben Profile. Der Goodyear MT/R schlägt als Gröbster von allen die gesamte Konkurrenz. Der Continental-Mischreifen greift ebenfalls sehr gut.
Traktion Kies: Auf den harten Steinen bringen der Goodyear MT-Reifen sowie die beiden AT von Pirelli und Continental das Fahrzeug voran. Enttäuschend: Der Cooper AT zeigt wenig bessere Werte als der Straßen-Vredestein.
Traktion Sand: Bei Dünenfahrern ist es bekannt – ein grobes Profil bringt auf Sand nicht immer Vorteile. Der Conti liegt vorn, aber der extrem grobe Goodyear und der Straßen-Vredestein folgen mit fast gleichen Werten.
Handling Schlamm: Man darf die geringen Unterschiede nicht unterschätzen. Dass der MT-Goodyear gewinnt, war klar. Aber das Messergebnis verschweigt, wie gut er sich fahren lässt. Der Straßen-Vredestein rutscht hier ins Abseits.
Handling Schotter: Die Tempounterschiede zwischen den Reifen sind trotz extrem unterschiedlicher Profile nur klein. Das ist erstaunlich Aber den Straßen-Vredestein zerfetzt ein solcher Untergrund förmlich, die anderen halten es aus.
Dramatische Unterschiede beim Bremsen auf Nässe: Indiskutabel schlecht bremst der Cooper. Am besten kommt der Vredestein weg, gefolgt von Pirelli und Continental.
Kurven-Aquaplaning: Der Straßen-Vredestein mit dem Längsrillenprofil und die groben Reifen von Continental und Goodyear kommen am besten mit der überfluteten Kurve klar. Cooper und Pirelli fallen dagegen etwas ab.
Aquaplaning: Durch die enorme Profiltiefe schwimmen die groben Pneus von Continental und Goodyear erst bei sehr hohem Tempo auf. Mit Pirelli und Cooper muss man bei Pfützenbildung deutlich langsamer fahren.
Kreisbahn: Entscheidend ist hier hohe Seitenführungskraft auf dem nassen Asphalt. Der Straßen-Vredestein zeigt, was machbar ist. Aber auch der AT-Pirelli schlägt sich überraschend gut. Cooper und Goodyear fallen ab.
Handling auf nasser Fahrbahn: Hier kommt es auf ein berechenbares Fahrverhalten an. Der Straßen- Vredestein liegt hier vorn, der Pirelli fährt sich aber für einen Mischreifen sehr gut. Vor allem der Cooper ist ziemlich schwer berechenbar.
Vorbeifahrgeräusch: Klar, dass das feine Straßenprofil des Vredestein leise ist. Wirklich hörbar störend ist erwartungsgemäß nur das besonders grobe Mud-Terrain- Profil des Goodyear Wrangler MT/R. Der Pirelli AT ist sogar recht leise.
Handling auf trockener Piste: Hier schlägt die Stunde des sportlichen Straßen-Vredestein. Die groben Reifen fahren sich allesamt wesentlich träger. Erstaunlich: Der einzige MT-Reifen im Feld, der Goodyear, ist hier kaum schlechter als die ATs.
Bremsen auf trockener Piste: Auch beim Bremsen ist der Straßen-Vredestein erwartungsgemäß nicht zu schlagen. Schon Continental, Pirelli und vor allem der Cooper fallen hier ab. Schlechter Bremser: der Goodyear mit dem MT-Profil.
Stärken des Goodyear Wrangler MT/R 104 T: sehr gute Traktion auf jedem Untergrund im Gelände, hohe Aquaplaning-Sicherheit. Schwächen: zu wenig Nässegrip, sehr träges Handling, lautes Geräusch, hoher Rollwiderstand. Preis ca: 155 Euro
Stärken des Cooper Discoverer ATR 104 T: ordentlicher Geländegrip, relativ leises Abrollgeräusch, günstiger Preis. Schwächen: viel zu lange Nass-Bremswege, träges Handling, mäßige Aquaplaning-Sicherheit. Preis ca: 145 Euro
Stärken des Vredestein Ultrac SUV Sessanta 108 V: überzeugender Straßenreifen mit sicheren Fahreigenschaften und vorzüglichen Bremswerten bei Nässe und Trockenheit. Schwächen: Geländegrip, Rollwiderstand. Preis ca: 170 Euro
Unser Reifentest führte uns wieder einmal zum bewährten Testareal von Goodyear bei San Angelo. Hier in der texanischen Wüste kann bei über mehrere Tage konstanten Bedingungen ohne Zeitdruck gemessen und probiert werden. Vor einem Versuch wurde mit Hilfe eines Traktors der Boden präpariert.