Wenn ein 95-Jähriger sein Büro in einem Museum hat, entbehrt das nicht einer gewissen Komik. Nun gut, zumindest ist es kein Naturkundemuseum. Carl Hahn sitzt auf seinem Bürostuhl im Nebengebäude des Wolfsburger Kunstmuseums und ist sichtlich gut gelaunt.
"Den Stuhl habe ich während meiner Zeit bei VW in Amerika gekauft." Das war in den Sechzigern. Gemeinsam sind die beiden im Laufe der Jahrzehnte zu Klassikern geworden, wenn man so will. Tragen heute Lebensspuren, und manches Teil knarzt. Aber das verleiht ja Charakter. Carl Hahn trägt eine Krawatte mit Hähnen darauf, Anzug, Apple Watch, nippt am Kaffee und kaut (heimlich) ein Stück Schokolade.
Seine Frau Marisa Lea, eine Amerikanerin, heiratete er 1960, sie starb 2013. Die beiden haben vier Kinder.

"Schreiben Sie, dass mein Assistent mir noch nie Schokolade spendiert hat", sagt Hahn. Er schmunzelt ob seines Scherzes – und strahlt gleichzeitig eine Würde aus, die ahnen lässt, was für eine große, kosmopolitische Persönlichkeit er zeit seines Lebens gewesen ist.

Weißer ID.4 vor der Tür

Charmant, schlagfertig, witzig. Dialoge mit ihm gehen so: Sie sind noch jeden Tag hier? Antwort: "Wo soll ich denn sonst sein?" Zu Hause? "Was soll ich denn da? Ich habe hier Mitarbeiter! Wir haben Projekte!" Draußen vor der Tür hat Hahn seinen weißen ID.4 geparkt. Frage: Sie fahren noch selbst? Gegenfrage: "Was denn sonst?"
Seinen Führerschein hat Carl Hahn jun. als Junior gemacht. Mit 16 Jahren, 1942 war das. "Für meine DKW RT 125 – ein ganz hervorragendes Motorrad, das mich reparaturlos mit Erfolg und Freude durch meinen ersten Lebensabschnitt gebracht hat, als das wohl meistkopierte Motorradmodell der Welt. Bis nach Rom!"
1990 und 2012 erhält er das Goldene Lenkrad, 1991 den Wirtschafts-Bambi.

Carl Hahn ist ein feiner Formulierer. Und nur manchmal verliert er den Faden. Aber mit 95 darf man das.
Hahn wächst in Chemnitz auf, gleich neben der DKW-Fabrik, dem größten Motorradhersteller der Welt. Im Zweiten Weltkrieg kämpft er als Gefreiter, gerät für vier Wochen in amerikanische Gefangenschaft. Seine Familie flieht aus Sachsen vor den Russen, sein Vater Carl Hahn sen. sucht nach neuen Geschäftsideen. "Und hat dann den OB-Tampon erfunden", sagt Carl Hahn jun. Gemeinsam gründen Carl und Carl eine Firma für Damenhygiene (nach einem kurzen unternehmerischen Intermezzo mit Schnellkochtöpfen).
"Wir sind heute keine Milliardäre, weil wir das Geschäft später an das US-Unternehmen Johnson & Johnson als finanzarme Erfinder verkaufen mussten."
VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff (M.), Pressechef Frank Novotny und Carl Hahn eröffnen 1962 das neue VW-Headquarter in New Jersey.

Dann beginnt Hahn jun. seine Karriere bei Volkswagen: 1954 Eintritt als Leiter der Exportabteilung. Als Chef von VW of America in New Jersey (1959 bis 1964) bringt er den Amerikanern Käfer und Bulli näher – mit riesigem Erfolg. Nach seiner Rückkehr rückt er in den Konzernvorstand auf, wechselt 1972 nach einem Machtkampf bei VW in den Continental-Vorstand.

Hahn reißt Ruder bei VW rum

1982 kehrt er zurück als Vorstandschef von Volkswagen. Da wird gerade der Golf 2 eingeführt, und VW ist in schwerem Fahrwasser, hat sich mit der Übernahme des Schreibmaschinenherstellers Triumph- Adler ein Milliarden-Ei ins Nest gelegt.
Hahn reißt das Ruder herum, erkennt früh die Bedeutung von China als Markt. Als er 1993 in den (Un-)Ruhestand geht, wird Ferdinand Piëch sein Nachfolger.
Seine Familie (neun Enkel) gibt ihm Kraft.

Heute ist er unter anderem Ehrenbürger von Wolfsburg und Chemnitz und war 2018 "Mann des Jahres" in China. Bedeuten ihm diese Auszeichnungen etwas? "Natürlich! Freude und Genugtuung." Die schönste Auszeichnung sei allerdings, dass er heute noch Komplimente von alten VW-Kollegen bekomme.

Bereits 1972 elektrischer VW-Transporter

Sein Rüstzeug, sagt Carl Hahn, habe er vor allem in Amerika bekommen. "Meine kleine europäische Seele hat viel gelernt in den Jahren." Die Schnelligkeit der Amerikaner, ihr Pragmatismus habe ihm imponiert. "Ohne Zögern" seien die Amerikaner mit ihrer "Nummer-eins-Mentalität" an die Arbeit gegangen. Bis heute könnten wir Deutschen von den Amerikanern lernen.
Letzte Frage: Was hält ein 95-Jähriger von der Elektromobilität? "Der Elektromotor ist eine unerhört einfache Technik. Wir haben schon zu meiner Zeit Elektrofahrzeuge gebaut. Aus meiner Sicht ist das der Weg in die automobile Zukunft." Und in der Tat, bereits 1972 hat VW den Transporter elektrifiziert, ab 1976 auch den Golf. Die sind längst im Museum eingemottet. Nur Carl Hahn – der läuft und läuft und läuft.
Seinen Schreibtisch hat er im Kunstmuseum Wolfsburg.

Zur Person: Prof. Dr. Carl H. Hahn jun.

Geboren in Chemnitz, lebt in Wolfsburg. Engagiert sich heute mit der Saxony International School Carl Hahn dafür, dass Kita-Kinder zweisprachig aufwachsen. Infos: www. carl-hahn.de