Test Fiat Bravo 1.9 Multijet 8V

Fiat kriegt die Kurve

Der Stilo war ein Flop. Jetzt kommt der Nachfolger: Fiat schickt den neuen Bravo ins Golf-Revier. Als echte Italo-Schönheit.
Nur 18 Monate. Die Zahl lĂ€sst Schlimmes befĂŒrchten. Üblicherweise dauert die Entwicklung neuer Autos zwei Jahre. Mindestens. Und nun prahlt ausgerechnet Fiat damit, den Bravo in der Rekordzeit von eineinhalb Jahren auf die RĂ€der gestellt zu haben. Kann das gut gehen? Es kann. Denn der erste Test endet ĂŒberraschend positiv. Ab 24. MĂ€rz hat der VW Golf einen ernstzunehmenden Konkurrenten mehr. Nach dem Grande Punto bringt Fiat den zweiten Neuling, der zur Konsolidierung des italienischen Traditionskonzerns beitragen dĂŒrfte. Vor allem fĂŒrs Karosseriedesign verdient der Bravo Beifall.

 

Sein Popo hat eine Prise Alfa und seitlich betrachtet erzeugen LinienfĂŒhrung und das sich nach hinten verjĂŒngende Fensterband eine ausgeprĂ€gte Keilform. Der klassische Gittergrill schnĂŒffelt spitzmĂ€ulig wie ein NasenbĂ€r auf der Straße. In der Mitte prangt das Fiat-Emblem – jetzt mit großen Buchstaben auf rotem Grund, so wie es 1931 an Fiat-Wagen zu sehen war. Das ist Zeichensetzung an der richtigen Stelle und verstĂ€rkt die italienische MarkenidentitĂ€t, die der abgelöste Stilo nie vermitteln konnte. Fragt sich nur, warum der SchlĂŒssel nach wie vor an einem blauen Fiat-AnhĂ€nger baumelt.

Der neue Bravo wirkt solide


Wenn man schon ĂŒber derartige Kleinigkeiten nörgelt, beweist das, wie viel besser der Bravo im Vergleich zu frĂŒheren Fiat-Modellen geworden ist. Schwerwiegende QualitĂ€tsfehler haben wir am Testwagen nicht gefunden. Zwar sind einige Spaltmaße nicht perfekt und das Sitzleder unsauber verarbeitet, ansonsten wirkt der Bravo aber solide. Sein Platzangebot ist okay, nur im Fond wird fĂŒr großgewachsene Passagiere die Kopf- und Kniefreiheit knapp. Besonders hinterm Lenkrad bekommt der Fahrer die Quittung fĂŒr die emotionale Formgebung prĂ€sentiert. Die Rundumsicht ist katastrophal. Vorn und hinten ist der Fiat nicht einzuschĂ€tzen. Bei 13 Zentimeter mehr LĂ€nge als beim Golf ist Einparken mĂŒhsam. Das kleine Heckfenster und die hochgezogenen Seitenscheiben erschweren die Sicht nach hinten. Beim Schulterblick stört die breite B-SĂ€ule, und die flachen A-Pfosten beeintrĂ€chtigen die Wahrnehmung nach vorn.

13 Zentimeter lÀnger als ein Golf

Ebenfalls sind beim Kofferraum Nachteile durchs Design bedingt. Die Heckklappe öffnet nur per Fernentriegelung, der grifflose Deckel springt auf, lĂ€sst sich aber nur am Blechspalt anpacken und öffnen. Warum wurde nicht das Markenemblem wie beim Golf als Griff gestaltet? Nur 380 Kilogramm Zuladung sind zu wenig. Wer schwere GetrĂ€nkekisten einlĂ€dt, muss diese ĂŒber die extrem hohe Ladekante wuchten, um sie dann fast 30 Zentimeter in den badenwannenförmigen Stauraum abzusenken. Tipp: Fiat sollte Bravo-KĂ€ufern einen Gutschein fĂŒr RĂŒckenschulen mitgeben.OrthopĂ€disch freundlicher sind die Sitze. Sie sind straff gepolstert, haben großen Verstellbereich und guten Komfort. Justierhebel und -rĂ€der sind prima erreichbar und arbeiten tadellos. Gleiches gilt fĂŒr die Bedienung. Schalter und Hebel liegen griffgĂŒnstig und sind klar gestaltet. Anders der Tacho. Er sitzt weit links, sodass im wichtigen Tempobereich von 50 bis 100 die Ziffern schlecht ablesbar sind. Ein Tausch mit dem rechts plazierten Drehzahlmesser wĂ€re sinnvoll. Und warum muss er bis 260 km/h reichen, wenn der 120-PS-Diesel nur mit MĂŒhe seine Spitze von 194 km/h schafft? Dabei geht der Achtventiler lautstark zur Sache. Zweifel, dass hier ein Diesel nagelt, gibt es selbst bei warmem Motor nicht. Der Fiat-SelbstzĂŒnder ist ein rauer Motor, der ab 3000 Touren nur zĂ€h hochdreht. Mit 6,4 Liter Testverbrauch liegt er auf Höhe seiner Konkurrenten. Einen sechsten Gang gibt es nicht, entsprechend lang sind die GĂ€nge ĂŒbersetzt und die ElastizitĂ€t dadurch mau.

Passend zur aggressiven Stilistik hat Fiat das Fahrwerk straff ausgelegt. Bei langsamer Fahrt auf schlechten Straßen ist der mit großen 17-Zöllern bereifte Testwagen zu hart, bei höherem Tempo dafĂŒr sehr agil. Er lenkt sauber ein und bleibt bei Ausweichmanövern dank ESP spurstabil – ein gutes Fahrwerk. Wenn jetzt auch noch die LangzeitqualitĂ€t stimmt, hat dieser Bravo wirklich mehr als nur Szenen-Applaus verdient.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Jörg Maltzan:

Wer hĂ€tte das gedacht? Fiat besinnt sich auf seine Tugenden, entwickelt in Rekordzeit einen Golf-Gegner und landet einen Treffer. Der neue Bravo ist ein Auto, das vor allem die Sinne berĂŒhrt. Wie ein italienischer Designerschuh drĂŒckt und zwickt er hier und da. Mich stört's nicht. Der Bravo bietet ausreichend Alltagstauglichkeit in einer schönen Schale, wie sie sonst kaum einer zu bieten hat. Das Beste aber: Funktional und qualitativ macht dieser Fiat einen großen Sprung.
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