Tokyo Auto Salon 2026: Big in Japan
Die bunteste PS-Party des Jahres

Es ist wie eine Nacht in Shibuya oder Akihabara: Auf dem Tokyo Auto Salon zeigen sich die sonst so braven und biederen Japaner von ihrer wilden Seite. Und das gilt nicht nur für die Tuner, sondern auch Toyota und Co. drehen ordentlich auf.
Bild: Thomas Geiger
Gedränge statt Durchzug, Lärm statt Leere, Euphorie statt Endzeitstimmung – wer am zweiten Januar-Wochenende über die Makuhari-Messe läuft, kann Augen und Ohren kaum trauen. Während Tokio noch vor wenigen Wochen auf der Japan Mobility Show einen Trauermarsch geblasen und die heimische Autoindustrie eine erschreckend blasse Vision der mobilen Zukunft gemalt hat, rauscht es auf dem Tokyo Auto Salon nur so vor Farbe und Faszination.
Statt um Vernunft geht es hier ums Vergnügen, statt nach morgen zu schauen, lebt man im Hier und Heute – und wenn überhaupt, dann wirft man allenfalls einen verklärten Blick zurück. Statt Bedenken zu tragen und mit dem Auto zu hadern, wird es hier gefeiert. Denn der Auto Salon ist die wichtigste Tuningmesse des Landes und zugleich die schillerndste PS-Party des Jahres. Die Japaner räumen dabei ein für alle Mal mit dem Vorurteil vom Biedermann und Langweiler auf.

Auf der Makuhari-Messe wird das Auto zum Kunstwerk – und die Vernunft bleibt draußen.
Bild: Thomas Geiger
Das Auto ist hier Fetisch
Schon vor den Türen staut sich die Menge. Junge Männer mit Kameras um den Hals, Teenager in Streetwear, Familien mit Kindern, Rentner mit glänzenden Augen. Drinnen verschluckt sie ein Meer aus Farben, Licht und Sound. Turbolader pfeifen, Endrohre dick wie die Oberschenkel eines Sumoringers machen Lust auf beherzte Gasstöße, Bässe wummern aus offenen Kofferräumen voller Lautsprecher, Lacke funkeln wie Süßigkeiten in den Schaufenstern der Tokyo Station. Das Auto ist hier kein Fortbewegungsmittel, sondern Fetisch, Spielzeug, Kunstobjekt – und natürlich eine Provokation: laut, stark, hemmungslos.

Der Daihatsu Star Climber basiert auf dem Klein-Lkw Hijet Truck.
Bild: Thomas Geiger
Außerhalb der Messe gilt Japan als Land der Zurückhaltung. Graue Anzüge, weiße Hemden, schwarze Limousinen. Auf den Straßen dominieren Kei-Cars, Hybrid-Taxis und brave Vans. Alles ist effizient, korrekt, angepasst. Individualität findet – wenn überhaupt – im Detail statt. Doch in Makuhari stehen genau jene Autos im Rampenlicht, die sich sonst nur im Schutz der Nacht auf die Stadtautobahnen, nach Shibuya Crossing oder zur legendären Raststätte Daikoku trauen.
Manga auf Rädern
Plötzlich steht man vor grell folierten Nissan Skylines mit überdimensionierten Flügeln, vor winzigen Daihatsu Copen, die vollgepumpt sind wie Asterix nach einem Schluck Zaubertrank, vor wild beflügelten RX-7 oder Toyota Supra, die aussehen, als seien sie direkt aus einem Manga gesprungen. Und natürlich fehlen auch Lamborghini, Ferrari & Co. nicht – am liebsten von der alten Sorte: Diablo, F40, und wenn schon Porsche, dann bitte mindestens ein Carrera GT.

Flügel statt Heck: Hier gilt das Motto "Je größer, desto besser".
Bild: Thomas Geiger
Tuning ist hier eine Subkultur mit Geschichte. Bosozoku-Ästhetik trifft auf Hightech, Drift auf Detailversessenheit, Anarchie auf Ingenieurskunst. Kein Land versteht es besser, Exzess und Präzision zu vereinen. Die Umbauten sind wild, aber selten schlampig. Selbst dort, wo alles überzeichnet wirkt, steckt fast immer ein technischer Plan dahinter – und sehr viel Geld.
Das bleibt international nicht unbemerkt. Wortfetzen aus aller Herren Länder schwirren durch die Hallen, und die Hunderte Meter lange Schlange vor dem Merchandising-Stand von Liberty Walk ist so international wie die UN-Vollversammlung.
Hersteller auf Abwegen – im besten Sinne
Natürlich lebt die Show von Tunern, die sich nicht um Political Correctness, Shareholder Value oder Nachhaltigkeitsberichte kümmern müssen. Doch auch die sonst so angepassten, oft todlangweiligen japanischen Hersteller zeigen sich hier von ihrer leidenschaftlichen Seite. Mitsubishi verwandelt sich zwischen Offroad-Campern in ein Abenteuercamp, Suzuki macht aus Kei-Cars Spielzeuge für Sportfahrer, Mazda pflegt den Sportsgeist mit rennstreckentauglichen MX-5, Subaru feiert das Comeback des WRX STi – diesmal wieder mit Schaltgetriebe –, und Nissan meldet sich mit einem Aura Nismo RS aus dem Wachkoma zurück, der jeden Golf GTI zahm erscheinen lässt.

Sunoco-Design in Bestform: Blau-Gelb als Hommage an die goldene Ära des Motorsports – pure Racing-DNA auf vier Rädern.
Bild: Thomas Geiger
Am stärksten dreht jedoch Toyota auf. Auf dem Auto Salon inszeniert sich der weltgrößte Autohersteller plötzlich als Traummarke. Mehr noch als das leidenschaftliche, wenn auch elektrische Comeback des Lexus LFA begeistert ein neuer GT der GR-Sportabteilung. Der knapp 4,80 Meter lange Tiefflieger kombiniert schamloses Design mit einem vier Liter großen V8-Biturbo, unterstützt von einem Hybridmodul an der Hinterachse. Über 650 PS, mehr als 320 km/h – Toyota spricht von einem Rennwagen mit Straßenzulassung und stellt gleich einen GT3-Ableger ohne Hybrid daneben.
Vergangenheit trifft Zukunft
Doch selbst die größten Petrolheads wissen: Der Nachschub an solchen Neuwagen ist endlich. Deshalb blicken viele Aussteller bewusst zurück. Wie auf der SEMA in Las Vegas oder der Motorshow in Essen stehen auch hier Projekte aus vergangenen Jahrzehnten. Vom Toyota 2000GT über den Mitsubishi Lancer Evo bis zum Honda NSX mangelt es nicht an Legenden. Und es muss nicht immer ein Sportwagen sein – modernisierte Nissan Cedric oder Toyota Soarer zeigen, wie charmant Alltagsklassiker altern können.

Nissan meldet sich mit einem Aura Nismo RS aus dem Wachkoma zurück, der jeden Golf GTI zahm erscheinen lässt.
Bild: Thomas Geiger
Gestern oder heute, Restauration oder Restomod – in Japan verschwimmen die Grenzen. Bodykits verwandeln neue Autos in alte Ikonen, der Suzuki Jimny wird zur G-Klasse, zum Brabus Rocket oder sogar zum Retro-Chevy. Kei-Cars geben sich als VW Bulli. Passend für ein Land, das Tradition und Moderne besser vereint als die meisten anderen.
Fazit
Von wegen brav und bieder! Corolla & Co. sind keine Aufreger – Golf & Co. aber auch nicht. Doch auf dem Tokyo Auto Salon beweisen die Japaner, dass sie auch ganz anders können. Wie ihre Mangas sind ihre Seriensportwagen und Tuning-Autos schrill, bunt, laut, leidenschaftlich – und ungeheuer liebenswert. Ganz nebenbei zeigt der Auto Salon, dass Motorshows ihre Strahlkraft nicht verloren haben – wenn die richtigen Autos dort stehen.
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