Elektroauto-Akkus mit mysteriöser Selbstentladung
Vampirverlust: Das zieht heimlich Energie aus dem E-Auto-Akku

"Vampirverlust" ist die Bezeichnung für einen scheinbar unerklärlichen Energieschwund im Elektroauto. Ein Minus von bis zu zehn Prozent pro Tag kommt vor. Viele Löcher sind inzwischen gestopft, aber ein Problem existiert weiterhin!
Bild: KI-generiert mit ChatGPT
Der "Vampirverlust" ist ein Phänomen, über das die Elektroauto-Community seit Längerem debattiert. Heißt: Von einem Tag auf den anderen fällt der Akkustand deutlich, ohne dass es einen offensichtlichen, logischen Grund dafür gibt. Es ist, als ob ein unsichtbarer Vampir die Energie absaugt.
Ursachen für Teslas Vampirverlust
Ursache waren häufig Software-Updates, die Tesla schon frühzeitig als erster Hersteller "over the air“ (OTA), also per Funk, durchführte. Das frisst Strom. Inzwischen gilt dieses Energie-Loch weitgehend als gestopft.
Auch der "Wächter-Modus", in dem sämtliche Kameras eines geparkten Teslas aktiviert sind, verbraucht Strom. Diese Funktion ist aber auch datenschutzrechtlich bedenklich ("anlassloses Filmen"), insofern grundsätzlich nicht empfehlenswert.

Das Phänomen Vampirverlust wurde erstmals bei den frühen Tesla-Typen, zum Beispiel Model S, bekannt. Bei Updates leerte sich über Nacht der Akku.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Oft eine Folge von Bedienungsfehlern
Doch auch bei Bedienungsfehlern droht Besuch vom Akku-Vampir. Das betrifft in diesem Fall nur indirekt den Traktionsakku. Das Problem ist in erster Linie der 12-Volt-Akku (die herkömmliche Starterbatterie wie im Verbrenner), der in Elektroautos den Betrieb des Bordsystems übernimmt.
Der Anbieter von Kfz-Diagnose-Software Carly hat diverse Datensätze von Elektroautos analysiert. Wichtigste Erkenntnis: Vampirverlust ist weiterhin ein Problem. "Die vielen zusätzlichen Komfortfeatures und die allgemeine Entwicklung mit mehr und leistungsfähigeren Steuergeräten erhöhen den Vampirverlust", so ein Carly-Sprecher gegenüber AUTO BILD.
E-Auto "aufwecken" kostet viel Strom
Der häufigste Fehler ist die Nutzung der Smartphone-App – zum Beispiel, um aus der Ferne den Akkustand zu kontrollieren. Sie führt grundsätzlich zu Stromverbrauch, weil dazu der Bordrechner aus dem Ruhezustand hochgefahren wird, um Abfragen durchführen zu können. "Die Main Control Unit (MCU) von Tesla kommuniziert mit App und Tesla-Server", so Carly.

Die häufigste Ursache für Vampirverlust ist eine defekte 12-Volt-Batterie – das Problem tritt bei allen Herstellern auf.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Das Problem: Die Bordsysteme bedienen sich aus dem 12-Volt-Akku. Der verliert dadurch Strom, was von der Elektronik registriert wird. So muss der große Traktionsakku wieder fehlenden Strom in die kleine Batterie leiten. Geschieht das mehrfach am Tag, führt das zu spürbarem Stromverlust im großen Akku. Ein Teufelskreis beginnt: "Um die Batterie zu laden, wird auch die MCU gestartet, welche dann den Vampirverlust erhöht", erklärt der Carly-Sprecher.
Diese Fehler bewirken Vampirverlust
"Eigentlich ein Anfängerfehler: Zehnmal am Tag das Fahrzeug aufwecken, um den Akkustand zu checken", sagt Stefan Moeller von Nextmove, einem auf Elektroautos spezialisierten Autovermieter aus Leipzig. Ein anderer Lapsus: Wer etwa das Auto mit geöffnetem Fenster oder Schiebedach parkt, verhindert das "Einschlafen". Dann fährt der Bordrechner nicht herunter und mit ihm zahlreiche weitere Steuergeräte, die fleißig Strom saugen.
Auch der "Hundemodus" bei Tesla, der bei abgeschlossenen Fahrzeugen dafür sorgt, dass die Klimaanlage das Innere automatisch abkühlt, damit dort zurückgelassene Tiere keinen Hitzschlag erleiden, zieht viel Strom aus dem Akku.
"Für die neueren Modelle wie Model 3 oder Y hat Tesla letztes Jahr [2025, d. Red.] im August einen Low-Power-Modus eingeführt. Das zeigt auch, dass sich der Hersteller über die Problematik bewusst ist", so Carly.

Der Austausch defekter 12-Volt-Batterien in Elektroautos gehört bei Nextmove zum Tagesgeschäft.
Bild: Nextmove
Fehlerteufel Nr. 1: die Starterbatterie
Liegt kein menschliches Versagen vor, ist der Fehlerteufel bei Vampirverlust in den meisten Fällen eine defekte 12-Volt-Batterie oder Peripherie, etwa schadhafte Steuergeräte, sagt Stefan Moeller von Nextmove. Defekte 12-Volt-Starterbatterien von E-Autos gehören bei ihm zum Alltagsgeschäft.
Das überrascht, denn die 12-Volt-Akkus im Elektroauto sind weit weniger Stress ausgesetzt als ihre Pendants im Verbrenner: Erstere müssen keinen Anlasser (inklusive Kurbelwelle) drehen, sondern nur das Bordsystem.
Minderwertige Batterien ab Werk
Verliert die 12-Volt-Batterie permanent Strom, gibt es zwei Möglichkeiten: Sie ist irgendwann leer bzw. tiefentladen – dann lässt sich das Fahrzeug nicht mehr elektrisch öffnen. Oder die Überwachungselektronik erkennt den Verlust und füttert über den DC-Wandler ständig Strom vom Traktionsakku nach, gibt aber gleichzeitig eine Störungsmeldung aus. "Das geht so lange, bis auch der Traktionsakku leer ist", so Moeller.
"Das Problem: Manche Hersteller installieren zu kleine oder minderwertige 12-Volt-Akkus", sagt der Nextmove-Chef. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Starterbatterien vieler Marken nur zwei Jahre halten." Auffällig seien hier koreanische Hersteller.
Laut Moeller sind auch häufig Transporter der Marke Maxus betroffen, die mitunter nur ein bis zwei Jahre alt sind. "Der Hersteller hat hier sogar in seinen Garantiebedingungen eine verkürzte Garantiedauer von zwölf Monaten hinterlegt. Eine solche Regelung ist alles andere als marktüblich." Dem Kunden bleibt im zweiten Jahr also nur der rechtlich schwierigere Weg über die rechtlich vorgeschriebene Sachmängelhaftung, um den Hersteller zu Ersatz zu bewegen.
450 Euro für den Batterietausch
Dass die 12-Volt-Batterie die häufigste Pannenursache bei Elektroautos ist, belegt Jahr für Jahr die ADAC-Pannenstatistik. 45 Prozent der Pannen, bei denen die Helfer des Clubs zu Hilfe gerufen werden, gehen auf defekte Starterbatterien zurück. Dabei nahm die Zahl der Ausfälle mit dem Alter der betreffenden Fahrzeuge zu. Die Statistik von 2024 besagt, dass bei Pannenautos mit Erstzulassung 2020 rund 4,8 von 1000 zugelassenen Modellen mit defekter 12-Volt-Batterie liegen geblieben sind, während bei einer 2022er-Erstzulassung nur rund 0,6 von 1000 Modellen dieses Schicksal ereilte.
"Klar ist aber auch, dass die 12-Volt-Batterien von E-Autos deutlich kleiner ausgelegt sind als bei Verbrennern, da sie keine hohen Anlaufströme liefern müssen", so ein ADAC-Sprecher.
Dennoch ist ein solcher Akku kaum billiger. Nextmove nennt beispielhaft einen Fall, in dem der Austausch einer 12-Volt-Batterie an einem Kleinwagen vom Typ Skoda Citigo im August 2025 fast 450 Euro kostete. Der teuerste Posten der Werkstattrechnung: Abschaltung des Hochvolt-Systems für 186 Euro. Nebenbei: eine weitere Erklärung, warum die Reparatur von Elektroautos regelmäßig teurer ist als die von Verbrennern.
Diese Modelle sind besonders betroffen
Carly hat die Datensätze ausgewertet und alle Modelle mit besonders hohem und niedrigem Vampirverlust identifiziert.
Bei diesen Modellen ist Vampirverlust ein Thema:
- Tesla Model S / Tesla Model X: 1 bis 3 Prozent pro Tag, kann aber im Extremfall auch mal 7 oder 8 Prozent pro Tag sein.
- Tesla Model 3 (hier hat Tesla u. a. per Software-Update nachgebessert und für längere Standzeiten einen Low-Power-Modus hinzugefügt). Davor auch bis zu 1 Prozent pro Tag.
- Rivian R1T und R1S mit teilweise mehr als 1 Prozent pro Tag (die Kalifornier haben einen ähnlichen Ansatz wie Tesla).
- Mercedes EQS und EQE unter bestimmten Umständen auch bis zu 0,5 bis 1 Prozent pro Tag (2 bis 4 Prozent pro Woche).
Bei diesen Modellen ist Vampirverlust selten:
- VW ID.3/ID.4 (mit unter 2 Prozent pro Woche)
- Auch BMW-Modelle haben wenig Vampirverlust
- Hyundai Ioniq 5
- Kia EV6
Fazit
Für manche Dinge gilt: Man muss es eben vorher wissen! Das betrifft nicht nur die hohen Stromverluste von E-Autos beim "Spielen" mit der App, sondern auch die Anfälligkeit ihrer 12-Volt-Batterie. Wer es weiß, plant schon vorsorglich einen Tausch. Ärgerlich sind nur die hohen Werkstattkosten für eine Arbeit, die man früher beim Verbrenner mit ein paar Handgriffen selbst erledigen konnte.
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