Vision Mobilität 2075
Drei krasse Szenarien für die nächsten 50 Jahre

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Bevor wir in die Zukunft schauen, wenden wir unseren Blick kurz in Richtung Vergangenheit, um zu begreifen, was sich in 50 Jahren alles ändern kann. 1975 rollt, knattert und qualmt es weltweit. Der Verkehr funktioniert analog und vor allem roh: Autos ohne Gurtpflicht, ohne Airbags, ohne Assistenzsysteme. Benzin ist bleihaltig, Abgasreinigung zwar kein Fremdwort mehr, aber noch längst nicht überall etabliert.
In den USA waren es die ersten Jahre, in denen gesetzlich vorgeschrieben wurde, dass neue Autos mit einem Katalysator zur Abgasreinigung ausgerüstet sein müssen. In Deutschland wird es bis zur massenhaften Einführung noch mehr als ein Jahrzehnt dauern. Dass speziell dieser Fortschritt viel Zeit in Anspruch nahm, lag vor allem an der Verbreitung von verbleitem Benzin, das für Katalysatoren schädlich ist.
Honda bot schon 1981 ein Navigationssystem an
Navigiert wird 1975 natürlich noch per Faltkarte, das GPS-Navi etabliert sich erst zwei Jahrzehnte später. Doch Honda bringt schon 1981 in Japan den Electro Gyrocator auf den Markt. Dieses Navigationssystem basiert nicht auf Satelliten, sondern auf Kreisel- und Wegstreckenmessungen – sehr teuer, ungenau, aber durchaus wegweisend.
Kommuniziert wird überwiegend noch mit der Lichthupe. Doch gab es – und das ist krass – Autotelefone bereits seit den späten 50er-Jahren! Die deutsche Bundespost machte es möglich, genannt öbL (öffentlich beweglicher Landfunkdienst) – unfassbar teure Geräte in gewaltigen Ausmaßen und daher nur in den Autos von Behörden, Regierungschefs oder Spitzenunternehmern eingebaut.

Das erste Navi der Welt (ab 1981 optional im Honda Accord). Damals unfassbar modern, heute skurriles Technik-Relikt. Doch was erwartet uns in den nächsten 50 Jahren?
Bild: Hersteller
In den USA galten mächtige V8-Motoren fast noch als Standard – große Limousinen und Pickups rollten mit viel Hubraum, aber wenig Effizienz über Interstate und Highway. In Europa dagegen tuckerten Käfer, Enten und Kadetts über die Straßen. Und in Asien setzten sich zunehmend kompakte, sparsame Modelle durch – frühe Vorboten eines globalen Umbruchs hin zu mehr Effizienz. Und im globalen Süden teilten sich Mopeds, Busse und Ochsen-Karren oft dieselbe Spur.

Kompakt, leicht und sparsam: Der Datsun Cherry war ein Vorreiter japanischer Effizienz.
Bild: Werk
Die Unterschiede zu heute? Fast alles: Es gab keine Elektronik, keine Digitalisierung, keine E-Mobilität. Und der Mensch fuhr, dachte, entschied – immer allein. Rückblickend erscheint die Mobilität vor 50 Jahren fast archaisch. Denn seither hat sich der Verkehr grundlegend verändert: Elektronik greift um sich, Sensoren überwachen jeden Winkel, Algorithmen berechnen Strecken und Ladestopps, unsere Autos parken automatisch ein und unterscheiden Fußgänger von Radfahrern. Fahrzeuge und Infrastruktur beginnen sich miteinander zu vernetzen, Elektromobilität und autonomes Fahren – der Weg scheint vorbestimmt und alles vorhersehbar. Aber ist es das wirklich?
Was, wenn die nächsten 50 Jahre nicht in geplanten Pfaden verlaufen? Was, wenn der Verkehr von morgen durch Ereignisse geprägt wird, die heute noch undenkbar erscheinen? Und damit kommen wir zu unserem ersten Szenario.
Bis 2050 verbannen viele Metropolen weltweit private Autos komplett – auch E-Autos. Auslöser: Klimadruck, Studien zu Feinstaub und Lärm, Verkehrssicherheit sowie Flächenmangel. Stattdessen übernehmen autonom fahrende Shuttles, ÖPNV und Sharing-Flotten die Mobilität. In der Stadt verliert das private Auto komplett seinen Platz. Ein Bruch mit über 100 Jahren Automobilgeschichte. Das Freiheitsgefühl des eigenen Fahrens geht verloren, Pendler verlieren Flexibilität und eine emotionale Entfremdung zum Auto greift um sich. Allerdings meistert der autonome Verkehr die Mobilität in den Städten deutlich effizienter und effektiver. Und es gibt auch keine Toten mehr durch Raserei. Dazu sinkt das urbane Stress-Level, es ist leiser, sauberer und durch die Umwandlung der dann überflüssigen Verkehrsflächen vor allem auch viel grüner.

Bild: Durch KI generiert
- Wahrscheinlichkeit des Eintritts bis 2075: 40 bis 60 Prozent (in westlichen Großstädten)
- In einigen Metropolen (z. B. Kopenhagen, Amsterdam, Paris, Oslo, Wien): eher wahrscheinlich – dort wird schon heute gezielt "entmotorisiert".
- In autoabhängigen Städten (z. B. Los Angeles, München, Stuttgart): eher niedrig, aber nicht ausgeschlossen – besonders unter Umwelt- oder Platzdruck.
- In Schwellen- und Entwicklungsländern: geringe Wahrscheinlichkeit, weil dort das Auto als Statussymbol wächst.
- Auch für Deutschland kein undenkbares Szenario
- Aufgeschlossenheit für alternative Mobilität existiert längst.
- Bereits heute gibt es über fünf Millionen registrierten Car-Sharing-Nutzer.
- Extrem dichte Car-Sharing-Infrastruktur (fast 1.400 Städte/Gemeinden mit Angeboten).
- Innovationen wie Ridesharing und autonome Taxis werden bereits (testweise) umgesetzt.
Mehr Infos und Statistiken zum Thema Carsharing in Deutschland finden Sie hier: Bundesverband Carsharing (bcs)
Ein vollständiges Verbot privater Autos in Städten bis 2075 bleibt auch in Deutschland eher unwahrscheinlich. Einzelne Vorreiter-Städte werden es vielleicht umsetzen, vermutlich wird es nur Teilbereiche betreffen. Ein relativ entspanntes Szenario also, doch das folgende wird deutlich radikaler.
Fliegen, pendeln, stundenlang im Stau stehen – alles Vergangenheit. Im Jahr 2075 findet Reisen größtenteils virtuell statt. Möglich wurde das durch ultrarealistische Telepräsenzsysteme, neuronale Schnittstellen und vollimmersive VR-Welten. Dienstreisen, Messen, Urlaube: alles digital, körperlich bequem von zu Hause aus. Den kulturellen Wandel beschleunigten Energiekrisen, Pandemien und CO2-Budgets. Spätestens nach dem "Digital Travel Act" 2062 wurde physisches Reisen stark besteuert – VR wurde zur Standardlösung.
Die Idee ist nicht neu: Filme wie "Surrogates" (Bruce Willis) oder "Ready Player One" skizzierten bereits diese Welt – in der Menschen durch digitale Avatare reisen, leben und lieben. In 2075 ist sie dann Realität. Nur wer muss – reist noch. Alle anderen "beamen" sich.

Stell dir vor, es ist Rushhour, und keiner geht hin. Virtuelles Reisen gilt als eher wahrscheinliches Szenario, wird unsere Straßen aber nicht verwildern lassen. Auch nicht im Jahr 2075.
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- Wahrscheinlichkeit des Eintritts bis 2075: 80 bis 100 Prozent (bei Dienstreisen)
- Bereits heute ermöglichen sogenannte Telepräsenz-Roboter eine Remote-Anweseneheit im Unterricht (von erkrankten Schülern), bei Meetings oder Messen.
- Google forscht und entwickelt mit dem Projekt Beam (ursprünglich Starline), um Videokonferenzen realistischer und immersiver zu gestalten.
- Noch experimentelle Kommunikations-Technologien sollen in Zukunft Gesprächspartner als 3D-Projektionen erscheinen lassen – ganz ohne VR-Brille.
- Risiken, Nebenwirkungen und Vorteile des virtuellen Reisens
- Fehlende Sinneseindrücke (kein echter Wind, Geruch, Berührung) und die soziale Entkopplung (reales Miteinander fehlt) machen virtuelles Reisen nur zur Ergänzung.
- Es droht eine Sinnesinflation und damit auch eine neue Form der Sucht. Zudem würde sich die Abhängigkeit zu Konzernen erhöhen.
- Auf der Habenseite ermöglicht das virtuelle Reisen die Einsparungen von Kosten, Ressourcen und Zeit.
- Auch der Faktor Inklusion spielt eine wichtige Rolle, denn so können auch Menschen mit Einschränkungen entspannt "reisen".
Wie witzig und techniknah eine frühe Form des virtuellen Reisens – oder besser die Stellvertreter-Mobilität – schon heute aussehen kann, zeigt der Youtuber Kael Schoerlin. Er schickt ein RC-Auto mit Webcam, ferngesteuertem Geldfach und nickendem oder kopfschüttelndem Lego-Männchen durch die Stadt, um für ihn einkaufen zu gehen. Was spielerisch wirkt, ist zugleich ein verblüffender Ausblick auf das, was Mobilität künftig auch sein könnte.
Die eine oder andere Form des virtuellen Reisens werden wir also gewiss noch erleben. Wer das Steuer lieber selbst in die Hand nimmt, spart sich allerdings besser das Geld für eine teure Apple Vision Pro und hebt stattdessen ab mit unserem nächsten Szenario.
Ein Start-up revolutioniert die Mobilität: Es entwickelt ein kompaktes, günstiges Fluggerät für den Individualverkehr, das senkrecht startet und landet, autonom navigiert und völlig ohne Pilotenschein bedient werden kann. Möglich wird das durch hochentwickelte Sensorik, KI-gestützte Flugsteuerung und neuartige, kompakte Elektroturbinen. Ab 2045 verbreiten sich die ersten "Airpods" in suburbanen Regionen. Parkplatzgroß, emissionsfrei, vollautomatisch. Kein Stau, keine Ampeln – nur der direkte Weg zum Ziel.

Würden Sie sich in ein fliegendes Auto ohne Piloten setzen? Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist ein Faktor, der klar gegen eine breite Durchsetzung von fliegenden Fahrzeugen spricht.
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Um den Wandel auch Petrolheads (die sich in 20 Jahren nur noch so nennen, aber nicht mehr wissen, was ein Verbrennungsmotor ist) mental zu erleichtern, besitzen erste Versionen noch ein "ausfahrbares Fahrwerk" für asphaltierte Straßen. Doch bis 2060 hat das Fluggerät in vielen Ländern das klassische Auto verdrängt, denn es benötigt keinerlei Straßeninfrastruktur, keine Fahrbahnmarkierungen und auch keine Ampeln oder Kreuzungen.
Die Städte verändern sich radikal: Straßen schrumpfen, der Verkehr verlagert sich in die dritte Dimension. Wer fliegt, spart Zeit – wer fährt, lebt im Vorgestern. Die Bodenmobilität wird zur Nische für Nerds. Der Individualverkehr lebt weiter – nur eben in der Luft.
- Wahrscheinlichkeit des Eintritts bis 2075: 15 bis 30 Prozent
- VTOLs (Vertical Take-off and Landing / senkrecht startende Fluggeräte), Akkutechnik, Leichtbau und autonome Steuerung sind bereits heute in der Entwicklung.
- Eindrucksvolle Konzepte stammen von Firmen wie Joby Aviation, Lilium, Archer oder EHang.
- Komplettes Verdrängen des Autos extrem unwahrscheinlich
- Emotionale Bindung ans Autofahren – für viele ein Gefühl von Freiheit und Kontrolle: direkte Verbindung zur Straße über griffige Reifen, Fliehkräfte, Kurvendynamik – das alles ist durch kein Fluggerät ersetzbar.
- Kulturelle Prägung: Autos sind seit über 100 Jahren Teil von Lebensstil, Designkultur und persönlicher Freiheit – Fluggeräte sind (noch) funktional, nicht emotional.
- Luftraum und Infrastruktur: Der städtische und nationale Luftraum ist nicht beliebig skalierbar – Lärm, Routenplanung und Sicherheitsabstände limitieren die Massennutzung.
Doch auch wenn die Mobilität sich bis 2075 nicht vollumfänglich in die Luft verlagert, könnten andere spannende (oder auch gruselige) Technologien das Autofahren auf den Kopf stellen. Oder in den Kopf verlagern. Im nächsten Teil unserer Serie: das spannende Zukunfts-Thema "neuronale Steuerung von Fahrzeugen"!
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