VWs Arteon hat mit der biederen Familienkutsche Passat auf den ersten Blick nichts mehr gemein – seinen Top-Motor zum Glück schon: Mit 280 PS sollte er gegen Alfas Giulia Veloce und den Opel Insignia GSi bestehen können. Für Sportfahrer noch wichtiger: Technisch bekommt der Käufer einen Golf R mit mehr Blech. 7225 Euro beträgt der Aufpreis von der Kompaktrakete zum hier getesteten Top-Arteon mit R-Line-Paket. Kann der Arteon auch in der Praxis mithalten?
Die Fahrleistungen liegen auf einem ansprechenden Niveau
Geht ganz ordentlich: Der Arteon schafft den Sprint von 0 auf Tempo 100 in schlanken 5,6 Sekunden.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Das nüchterne Datenblatt weist 30 PS, 50 Nm sowie acht Zehntel auf Tempo 100 zugunsten des 123 Kilo leichteren Golf R aus. Wenn er muss, liegt der Arteon also fast auf Augenhöhe mit dem keck spratzelnden Golf. Das bestätigen auch unsere Messwerte: Mit 5,6 Sekunden erreicht der Testwagen exakt die Werksvorgabe. Auch die Bremsanlage – die gleiche wie im Golf R – zeigt sich in guter, wenngleich nicht bestechender Form: 35 Meter kalt und kaum nachlassende Bremsleistung im warmen Zustand. Auf landsträßlichem Geläuf gibt sich der Arteon freilich weniger agil als ein Golf R, doch die ambitionierte Kurvenhatz quittiert auch er nicht mit Unmut; hier hilft ihm das straffer abgestimmte Sportfahrwerk des R-Line-Pakets. Das auffällig neutrale Kurvenverhalten wird vom daueraktiven ESP überwacht; ein leichtes Untersteuern in schnell angegangenen Biegungen wird umgehend ausgebremst.
Ein hochdynamischer Kurvenkünstler ist der Arteon nicht
Gut abgestimmt: In Kurven bleibt der Arteon neutral, Heckschwenks müssen mit Gewalt erzwungen werden.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Wer dagegen das Heck zum Schlenkern animieren will, muss schon mutwillig gegen die ESP-Restriktoren ankämpfen. Spezielle Sportsitze führt VW für den Arteon übrigens nicht im Programm, ein R-Logo im Ergo-Comfort-Gestühl muss reichen. Während sich der Arteon mit seinem kecken Hüftschwung und der markanten Front optisch vom Genspender Passat emanzipiert, sehen wir die Verwandtschaft im Interieur deutlich. Schließlich nimmt der Arteon das anstehende Passat-Facelift vorweg. Dazu gehört das neue Infotainment mit 9,2-Zoll-Bildschirm und Gestensteuerung. Letztere ist bis jetzt aber nicht mehr als eine Spielerei – könnten wir sie gegen einen Lautstärkedrehregler eintauschen, wir würden es sofort tun. Mit der großen Heckklappe wird der Arteon dagegen sogar praktischer als der Passat. Nur für die schiere Länge von fast fünf Metern ziehen wir einen halben Alltags-Punkt ab.Und für den Preis: Ein Insignia GSi (260 PS) dürfte knapp 10.000 Euro günstiger sein. Zudem hakt's beim Verbrauch: 7,3 Liter gibt VW an, glatte neun ergab unsere Messrunde. Das sind 19 Prozent über der Werksangabe – Wolfsburger Mehrwertsteuer, wenn Sie so wollen.
Wer auf souveräne Leistung steht und dennoch gesellschaftsfähig bleiben möchte, für den ist der Arteon mit 280 PS starkem Top-Benziner ein formidabler Aufstieg in die Erwachsenenliga. Antriebsstrang und Bremsanlage stammen vom Golf R, das seidige Fahrgefühl entspricht dem einer Klasse oberhalb des Passat.