Fahrbericht VW I.D. Neo

Fahrbericht VW I.D. Neo

VW I.D. Neo: Test

So fährt VWs Elektro-Zukunft

2020 startet das erste Mitglied der neuen Elektro-Familie von VW. AUTO BILD hat den I.D. Neo bereits bei Testfahrten in Südafrika ausprobiert und ist beeindruckt.
Volkswagen hat sich viel vorgenommen: Innerhalb der nächsten zehn Jahre wollen die Wolfsburger zur Elektromarke werden, schon bis 2025 sollen 15 bis 20 Prozent der Modelle elektrisch fahren. Das Erstlingswerk ist der I.D., der intern noch Neo heißt und bis März 2019 seinen endgültigen Namen bekommen soll. Der Kompakte soll nach seinem internationalen Marktstart im Frühjahr 2020 der Startschuss für eine ganze Familie aus knapp zehn Elektrofahrzeugen sein.

Der Stromer wird mit dem Golf um Marktanteile buhlen

Alles neu: Der I.D. steht auf der MEB-Plattform, aus dem Regal stammen nur Türgriffe und 12-Volt-Batterie.

Dass man das rund 4,25 Meter lange Elektromodell dabei nahezu parallel mit der achten Golf-Generation auf den Markt bringt, ist herausfordernd und gefährlich zugleich. Auf der einen Seite wirkt der neue Golf gegen den frech und mutig gestylten I.D. Neo bei vergleichbaren Dimensionen geradezu hausbacken; auf der anderen Seite ist es schwerer, ein elektrisches Kompaktklassemodell zu positionieren, als ein größeres SUV. "Das Preissegment ist anspruchsvoll", erläutert VW-Entwicklungsvorstand Dr. Frank Welsch, "aber wir wollen den I.D. zum Preis eines vergleichbar ausgestatteten Golf Diesel auf den Markt bringen. Es wird verschiedene Akkupakete geben, die nach dem WLTP-Zyklus Reichweiten von mindestens 330 Kilometern ermöglichen sollen." Aktuell ist Welsch mit seinem Entwicklungsteam und einer ganzen Horde von geheimen Prototypen im sonnigen Südafrika unterwegs. Der VW I.D. ist dabei eine komplette Neuentwicklung. Aus dem Konzernregal stammen nur Türgriffe, die 12-Volt-Batterie und das Selbstverständnis, was ein Auto können muss.

Im Topmodell sorgen über 200 PS für guten Vortrieb

Geht schon ganz ordentlich: Bei unserer ersten Ausfahrt zeigt sich der Neo durchaus dynamisch.

Obwohl der mit wilder Tarnfolie verzierte Proband nach Aussagen des Entwicklungsteams ausschließlich die Themen Antrieb und Klimatisierung bespielen soll, fährt sich das rund 1,6 Tonnen schwere Kompaktklassemodell überraschend erwachsen. Erstmals seit Käfer-Zeiten ist wieder ein Volkswagen mit einem Heckmotor unterwegs. Und auch wenn die Leistungsdaten noch gehütet werden, ist davon auszugehen, dass das Topmodell bis zu 204 PS und deutlich mehr als 300 Nm maximales Drehmoment an seine Hinterachse bringen kann. Während die Basisversion mit rund 150 PS und 300 Nm auf 19-Zöllern rollt, ist der Testwagen mit dem größeren 20-Zoll-Radsatz unterwegs. Die I.D.-Modelle nehmen derzeit rund 40 Prozent der gesamten Entwicklungsarbeit in Anspruch, da man nicht wie beim MQB auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen kann.
Überaus flott hängt das elektrische Integrationsstufenfahrzeug am Gas und beschleunigt gerade aus geringen und mittleren Geschwindigkeiten immer wieder äußerst dynamisch. Module wie Lenkung, Bremsen und Fahrwerk machen bei dem Testmodell, das seine schwarze Kunststoffheckklappe hinter der weiß-schwarzen Folie verbirgt, einen guten Eindruck. Selbst Wind- und Abrollgeräusche passen angesichts des groben Fahrbahnbelags. Das Platzangebot des Neo ist deutlich üppiger als beim ähnlich dimensionierten Golf. Grund sind der rund zehn Zentimeter längere Radstand und der fehlende Verbrennungsmotor, der das Armaturenbrett deutlich nach vorne rutschen lässt und wertvolle Zentimeter im Fond freiräumt.

Sein hohes Gewicht hilft dem VW beim rekuperieren

Masse in Bewegung: 1,6 Tonnen Gewicht sind vor allem beim Rekuperieren überaus nützlich.

Nachdem erste Komponententräger und frühe Prototypen schon zwei kalte Winter hinter sich gebracht haben, ist der aktuelle Erprobungswinter der entscheidende für die Qualität der I.D.-Familie. Nicht nur die Elektroantriebe müssen abgestimmt werden, sondern Modelle wie der Neo müssen erst einmal zu einem Auto gemacht werden, das den Qualitätsansprüchen eines VW genügt – der Antrieb kommt da allenfalls als zweites. "Wir sind in Deutschland, hier in Südafrika und in kalten Winterregionen gerade mit rund 100 Fahrzeugen unterwegs, die Daten sammeln", erklärt Dr. Frank Welsch, während er die nach dem Prinzip der Blockschokolade im Boden des I.D. verbauten Akkumodule erklärt. Der I.D. Neo selbst geht einen anderen Weg als seinerzeit BMW mit dem i3. Der Wagen besteht zu 99 Prozent aus Stahl, Aluminium und andere Komponenten wurden in erster Linie in den Crashstrukturen verbaut. Das Thema Gewicht ist nicht derart entscheidend; auch weil der I.D. Neo davon bei der Rekuperation profitiert.

Bei der Reichweite ist der I.D. Neo auf einem guten Weg

Realistisches Versprechen: Die Testfahrt hat gezeigt, dass über 300 Kilometer Reichweite drin sein dürften.

Es gibt noch einiges zu testen – und zu verbessern. Die Tester sind noch unzufrieden mit den Reifen, die zu laut abrollen, das Head-Up-Display strahlt unter der südafrikanischen Sonne noch nicht lichtstark genug, und dann ist da noch diese kleine Anfahrschwäche beim Ampelstart. Hier muss man kurzfristig noch einmal die Leistungselektronik anpassen. Zufriedene Gesichter scheint es bei den Pouch-Zellen des Akkupakets zu geben. Die kleine Anzeige ist nicht einmal auf 50 Prozent und zeigt auch nach längerer Fahrt noch über 140 Kilometer an. Das Akkuthema scheint man bereits im Griff zu haben. Der Fahrer kann die einzelnen Fahrstufen ähnlich wie beim BMW i3 über einen Knauf rechts vom Instrumentendisplay anwählen. In der Fahrstufe D rollt man lässig vor sich hin, während die B-Stellung eine Rekuperation garantiert und den Einsatz der Bremse minimiert.
Nach dem Marktstart sollen Modelle wie der I.D. Neo daheim nicht nur über einen Stecker, sondern auch induktiv geladen werden können – mit bis zu 11 kWh. Das wäre die Hälfte von dem, was eine heimische Ladebox bringen soll. An Hochgeschwindigkeitsladesäulen bekommen die Akkus mehr Saft und sollen sich mit etwa 120 kWh laden lassen. Doch auch das wird gerade noch eifrig erprobt.

Autor: Stefan Grundhoff

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.