Exakt 3972 Millimeter ist ein Polo nun lang. An den Golf III – Premiere 1993, Außenlänge 4020 Millimeter – hat sich der Polo mit dem Facelift um weitere zwei Millimeter herangerobbt. Dass die Zeit vergeht und nicht nur Kinder wachsen, sondern auch Autos und Ansprüche, wissen wir. Darum und weil die Wolfsburger Ingenieurs-Heerscharen niemals ruhen, hat der vermeintliche Junior den Jubilar – der Golf wird dieses Jahr 40 – technisch fast eingeholt. Heute sind für den Polo Dinge erhältlich, die zu Golf III-Zeiten noch nicht einmal Käufer des damals brandneuen Konzern-Flaggschiffs Audi A8 bestellen konnten: Abstandstempomat, Notbremsassistent, LED-Scheinwerfer. Gut, die gibt es für den VW Polo hier und jetzt noch nicht. Doch im Herbst 2014 wird es so weit sein, den Preis gibt VW noch bekannt. Im Seat Leon zum Beispiel kosten die hellen und sparsamen Leuchten 1190 Euro Aufpreis. ACC, ESP, LED: Wir sprechen von jenem Modell, das 1975 als dünnblechiger Audi 50 mit Pappen in den Türen auf die Welt kam. Hier ist er sichtbar, der Fortschritt.
Play

Video: VW Polo Facelift (2014)

Erste Fahrt im neuen VW Polo

Mit dem Facelift kommen drei Dinge: ein neuer Dreizylinder-TDI, die Dreizylinder-Benziner aus dem Up und frische Elektronik. Mehr Platz gibt's nicht, denn weder Radstand noch Sitze änderten sich. Doch mit dem Gebotenen kann man zu zweit gut leben und zur Not auch zu viert verreisen. So weit, so gut die Grundversorgung. Dabei ist der Polo nur in seiner wendigen Art kleinwagenhaft; Machart und Solidität entsprechen der Wolfsburger Ernsthaftigkeit. Mit neu gezeichneten Scheinwerfern blickt er etwas strenger und golfiger drein. Schalter und Hebel fassen sich solide an, Türen schließen satt und präzise. Als Highline gönnt er sich etwas Glanz hier und ein wenig Glitter da, doch so recht mag der neue Chrombogen in der Türverkleidung nicht zur Ernsthaftigkeit des Vollwertautomobils passen. Der Einstieg gelingt auch beim Fünftürer problemlos. Hinten muss sich ein 1,90-Meter-Mensch schon ein wenig einfädeln, er bekommt jedoch seine Füße unter den Vordersitz und sitzt passabel. Hinter dem serienmäßig längs- und höheneinstellbaren Lenkrad findet der Fahrer schnell eine passende Position auf straffen Sitzen. Das Lenkrad ähnelt nun dem im Golf. Es ist gleichzeitig ein Signal für die neue, wie bisher elektrisch unterstützte Lenkung, die den Fahrer mit Präzision und feiner Rückmeldung erfreut. Je nach Ausstattung gibt es am Lenkrad eine Menge Tasten zu bedienen. Den Abstandstempomaten in der linken Lenkradspeiche zum Beispiel. Der arbeitet mit Hilfe eines Radars, hält von 30 bis 160 km/h Abstand und Geschwindigkeit. Bei unserer Fahrt durch den Wolfsburger Feierabendverkehr arbeitete das System etwas schläfrig.

Gleicher Preis für die Basismotoren, aber weniger Drehmoment

VW Polo
Der 75-PS-Motor verliert gegenüber seinem Vorgänger 17 Nm. Das degradiert den Polo zum Stadtwägelchen.
Zeit, den "Sport-Schalter" in der neu sortierten Bedienleiste oberhalb der Navigation zu drücken. Die Dämpfer arbeiten dann mit einer spürbar strafferen Kennlinie, in Kombination mit 17-Zoll-Rädern ist diese Einstellung für furchige Stadtstraßen zu straff. "Sport Select" legt gleichzeitig die Karosserie um 15 Millimeter tiefer und ist mit 380 Euro recht günstig zu haben. Der Einstiegs-Polo kostet 12.450 Euro, genauso viel wie vor dem Facelift. Klingt gut, doch der Pferdefuß verbirgt sich unter der Motorhaube: Von bisher 1,2 Liter Hubraum blieb genau einer übrig. Mit Folgen für das Drehmoment: Statt 108 stehen nun noch 95 Newtonmeter zur Verfügung. Noch schlimmer erwischte es den 75-PS-Motor, der ein identisches Drehmoment produziert wie die schwächere Variante und damit gegenüber seinem Vorgänger 17 Newtonmeter verliert. Das mag für den Up langen, aus dem der Motor stammt, doch den Polo degradiert es zum Stadtwägelchen. Immerhin liegt der Normverbrauch um eine preußische Halbe niedriger.
Zur Vollwertigkeit des Polo passt der 90 PS starke TSI ohnehin viel besser. Der tritt dank Turbounterstützung kraftvoll an, läuft leise und homogen, erweitert das Einsatzgebiet über die Stadt hinaus. Dass er nach Norm etwas sparsamer wurde und im Vergleich zur bisherigen BMT-Version sogar billiger, erfreut. Mit dem Facelift erfüllen alle Polo die Abgasnorm Euro 6. Der momentan stärkste Motor hat 20 PS mehr und ein Sechsganggetriebe. Aufpreis: 1000 Euro. Leider liegt der Einstiegspreis hoch, weil es den 110-PS-TSI nur als edlen Highline gibt. Der Blue GT mit Zylinderabschaltung folgt im Sommer, der GTI im Herbst. Die beiden Power-Polo leisten dann 150 und 192 PS.
VW Polo
Vom Polo BlueMotion wird es erstmals auch eine Benzinerversion geben. Normverbrauch: 4,1 Liter.
Vom BlueMotion wird es auch eine Benzinerversion geben, zum ersten Mal bei VW trägt ein Ottomotor diese Effizienzplakette inklusive des üblichen Ornats in Form verfeinerter Aerodynamik, Leichtlaufreifen, Gewichtsreduktion und verlängerter Getriebeübersetzung. Das alles verhilft zu einem Normverbrauch von 4,1 Litern auf hundert und 94 Gramm CO2 je Kilometer. Dieser Dreizylinder entstammt der neuen Motorengeneration, genau wie der TDI. Der holt aus 1,4 Liter Hubraum 75 oder 90 PS. Er macht seine Sache gut, verbirgt gut gedämmt und freundlich nagelnd sein potenziell rumorendes Dreizylinderwesen. Speziell in Kombination mit DSG entsteht ein harmonisches Fahrvergnügen. Die 230 Newtonmeter stehen schon bei 1500 Umdrehungen bereit, das Getriebe sortiert seine zwei Kupplungen so, dass der Polo jederzeit berechenbar und praktisch ohne Schaltrucke losstürmt. Flüssig folgt Gang auf Gang, hohe Drehzahlen braucht der Motor nicht. Die Traktion ist gut, selbst forsche Starts verstolpert das DSG nicht. Die Fahrleistungen entsprechen etwa denen des ersten Golf GTI, der Verbrauch (3,4 Liter) bekommt das EU-Label A+. Leider ist das Vergnügen ein teures, der gleich starke Benziner kostet 1825 Euro weniger und macht seine Sache kaum schlechter. Mithin ist der TDI eine Empfehlung an Genuss-und Vielfahrer. Konsequenterweise gibt es ihn erst ab Comfortline, im Highline ist er der einzige Diesel. Und der 75-PS-TDI? Die Ersparnis von 500 Euro ist kaum der Rede wert, das Drehmoment schmilzt um knapp zehn Prozent und liegt über einen schmaleren Drehzahlbereich verteilt an. Der Verbrauch laut Norm ist ohnehin identisch. Wer allerdings einen Trendline mit Dieselmotor begehrt, bekommt nur die schwächere Variante. In der Basis gibt es eine leicht aufgewertete Ausstattung: 15- statt 14-Zoll-Räder und die Multikollisionsbremse etwa. Dafür kostet jede Farbe außer Uranograu extra: für Rot und Weiß berechnet VW 137 Euro, Schwarz und Blau kosten 240 und Metallic 470 Euro.

Der neue Polo bremst selbst, die Navigation rechnet fixer

VW Polo
Nach dem Facelift ähnelt das Lenkrad dem im Golf und der Armaturenträger ist neu sortiert.
Neue Optionen gibt es auch: Müdigkeitserkennung, den Notbremsassistenten Front Assist und den erwähnten, radargesteuerten Abstandstempomaten. Auch eine Rückfahrkamera steht in der Aufpreisliste, sie liefert gestochen scharfe Bilder vom rückwärtigen Geschehen auf den fünf Zoll großen Farbbildschirm. Mit neuer Hard- und Software aus dem modularen Infotainmentbaukasten (MIB) zieht in den Armaturenträger des Polo die zweite Generation MIB ein. Mit Navigation misst der Bildschirm 6,5 Zoll. Wir konnten sie schon ausprobieren, sie rechnet fix und leitet präzise. Die Spracherkennung hört gut zu und versteht das Gesagte, Adressen können in einem Rutsch mit Ort, Straße und Hausnummer angesagt werden. Der Bildschirm blendet Menüdetails ein, sobald sich die Bedienerhand nähert, Karten sind per Zweifingergeste zoombar. Die neue Navigation aus der zweiten Generation des modularen Infotainmentbaukastens ist ab sofort bestellbar. Eine Koppelbox für das Handy gibt es ab Mai; sie lädt das Mobiltelefon über eine induktive Schnittstelle und nutzt für den Empfang die Außenantenne des Autos. Die Multimediasysteme Composition Media und Discover Media (ab Mai lieferbar) zeigen per Mirror Link die Benutzeroberfläche eines Smartphones auf dem Bildschirm an. Vorteil: Das Handy bleibt in der Ablage. Nachteil: Mirror Link funktioniert bisher nur mit bestimmten Smartphones, aktuell sind die Android-Handys HTC One, Samsung S3 und S5 sowie das Sony Xperia kompatibel mit dem System im Polo. Apple setzt auf einen anderen Standard.
Weitere Infos zum VW Polo Facelift und seinen wichtigsten Konkurrenten finden Sie in der Bildergalerie. Den kompletten Artikel mit allen Daten und Tabellen gibt es im Online-Artikelarchiv als PDF-Download.

Fazit

von

Andreas Of
So stellt man sich eine Produktverbesserung vor: Kritikpunkte abgehakt, keine sinnlosen optischen Änderungen und Preise auf dem alten Niveau. Was eingeschränkt gilt: Die Basismotoren wurden de facto schwächer. Der neue Dreizylinder-Diesel gefällt mit Temperament und Laufruhe, die neue Navigation mit klarer Bedienung und fixem Arbeiten. Das hat seinen Preis: Für einen nett ausgestatteten Polo stehen schnell 20.000 Euro auf der Rechnung.

Von

Andreas Of