Nebelfeuchte Wälder aus Palmen und Platanen, dazwischen Zuckerrohr-Felder. Und wenn man von ganz oben schaut, blitzt hinten bisweilen blau der Atlantik durch – drei Stunden östlich von São Paulo sieht Brasilien verdächtig nach Bilderbuch aus, und die RJ-165 durch die Serra da Bocaina bewirbt sich um einen Spitzenplatz unter den Traumstraßen dieser Welt.
Erst recht, weil man die Straße die meiste Zeit für sich alleine hat und weit und breit kein anderes Auto sieht – schon gar keines aus dem Ausland. In São Paulo oder in Rio mischen sich immer mal wieder ein paar Europäer ins Straßenbild. Aber hier herrscht PS-Patriotismus - und trotzdem tragen erstaunlich viele Fahrzeuge ein VW-Logo.
VW Saveiro
In Brasilien der kleine Pick-up Saveiro auf Basis des Polo ein echter Bestseller.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Schließlich bauen die Niedersachsen hier seit 1953 Autos, und keines davon passt besser auf diese Straßen als der Saveiro. Denn erstens ist der kleine Pick-up mit einer Bauzeit von jetzt 42 Jahren ein alter Bekannter bei den Brasilianern, neben dem Polo gehört er mit bald zwei Millionen Zulassungen außerdem zu den meistverkauften Autos im Land. Nur der Fiat Strada stiehlt im regelmäßig die Pick-up-Krone.

Der VW Saveiro ist in Brasilien ein Star

Und wenn man so zwischen Guaratingueta und Paraty unterwegs ist, dann merkt man schnell, warum der Saveiro hier der Star ist. Zum einen natürlich, weil ein Pritschenwagen ein ungeheuer praktisches Auto ist in einer derart ländlich geprägten Region – selbst wenn der Saveiro gerade mal 4,49 Meter misst und die Ladefläche nicht viel größer ist als bei einer Schubkarre. Aber selbst das reicht in Brasilien für den Transport eines riesigen Bündel Zuckerrohrs, einer halben Herde Schafe oder des ganzen Hausstands.
VW Saveiro
Die Ladefläche des Saveiro ist nicht viel größer ist als bei einer Schubkarre.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Und zum anderen, weil der Saveiro sich nicht von den Unzulänglichkeiten des lokalen Straßenbaus aus der Ruhe bringen lässt. Egal ob holperige Bohlen-Brücke oder staubige Schotterpiste, schartiger Asphalt oder grob gehauenes Kopfsteinpflaster – gutmütig stapft der kleine Pick-up über alle Unebenheiten hinweg, rumpelt über groben Fahrbahnbelag und klettert über die knöchelhohen Temposchwellen, die sie hier immer und überall auf die Straße betoniert haben. Und wenn dabei was klappert, dann sind es allenfalls die Zähne der Passagiere.
Motor
1,6 Liter-Vierzylinder-Saugmotor
Leistung
116 PS / 160 Nm
0-100 km/h
10,2 s
Höchstgeschwindigkeit
174 km/h 
L/B/H
4493/1898/1560 mm
Leergewicht
1135 kg
Zuladung
605 kg
Preis
119.990 Brasilianische Real / ca. 19.423 Euro
Dass der 1,6 Liter große Vierzylinder noch ein Sauger ist und man die fünf Gänge von Hand wechseln kann, ist zumindest hier kein Schaden. Im Gegenteil macht die Landstraße richtig Laune, wenn man den Pritschenwagen über die Berg- und Talbahn prügelt und die Drehzahlen dabei so hoch treibt wie die Samba den Puls beim Karneval in Rio – selten jedenfalls haben sich 116 PS und 160 Nm so munter angefühlt wie hier.
VW Saveiro
Spätestens bei 140, 150 Sachen geht dem Saveiro die Puste aus.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Aber vielleicht liegt's ja auch am Ethanol aus vergorenem Zuckerrohr, dass der Saveiro so beschwingt fährt. Den Treibstoff kippen sie hier wahlweise als E27 oder als E100 in den Tank. Und dass ihm spätestens bei 140, 150 Sachen die Puste ausgeht, ist auch kein Schaden. Denn schneller als 120 darf man in Brasilien ohnehin nirgends fahren. Wobei: Seit São Paulo war auf dieser Strecke kein Streifenwagen mehr zu sehen.

Sitze bequem und Cockpit überschaubar

Dass die Distanzen ein bisschen größer sind und die Fahrten ein wenig länger dauern, ist zumindest für Fahrer und Sozius kein Problem. Denn die Sitze sind bequem, das Cockpit – noch mit analogen Instrumenten ohne leidige Sensorleisten – ist wunderbar übersichtlich und selbsterklärend. Auf dem Touchscreen daneben läuft ein Infotainment, das zuverlässig den Weg durch die Wildnis weist und mit Radio oder Smartphone-Streaming für die nötige Kurzweil sorgt.
VW Saveiro
Der Radstand misst spärliche 2,75 Meter. Und da es ja auch noch Platz für die Pritsche braucht, sind die Platzverhältnisse eher bescheiden.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Nur in der zweiten Reihe ist der Spaß arg limitiert. Schon das Einsteigen ist mühsam, weil der Saveiro nur als Zweitürer angeboten wird. Und weil der Pick-up auf der Polo-Plattform basiert, der Radstand spärliche 2,75 Meter misst und es ja auch noch Platz für die Pritsche braucht, sind die Platzverhältnisse – nun ja – eher bescheiden.

Der VW Saveiro ist noch ein echtes Schnäppchen

Extrem praktisch, hart im Nehmen und mit Preisen von umgerechnet 16.500 Euro für die spartanische Basisversion sowie 19.500 Euro für das neue, sehr ansehnliche Topmodell "Extreme" mit Doppelkabine, Lack und Leder selbst für südamerikanische Verhältnisse ein Schnäppchen und dabei so sympathisch wie der Kumpel, mit dem man Pferde stehlen würde – so ist der Saveiro eine feste Stütze für den VW Erfolg in Südamerika.
Und zugleich ist er der beste Beweis dafür, dass die Niedersachsen mehr von der Pritsche verstehen, als es der Amarok vermuten lässt. Denn seit der große Lifestyle-Laster kaum mehr ist als ein umgebauter Ford, fährt er bei uns weitgehend unter dem Radar – und sammelt wenig Ruhm.
Im Brasilien macht VW es gleich doppelt besser. Nicht nur weil sie den Saveiro haben, sondern weil hier – Ford hin und Ranger her – den alten Amarok einfach weiterbauen.
Preiswert und trotzdem pfiffig, einfach und trotzdem unterhaltsam – und einfach ein cooler Kumpel zum Pferdestehlen. Klar braucht am Ammersee oder in Paderborn außer dem Hausmeister und dem Gartenbauer keiner einen kleinen Pick-up. Aber am Amazonas oder am Strand zwischen Rio und São Paulo gibt es kaum ein besseres Auto. Und man möchte gar nicht mehr aussteigen!