Was fällt mir denn spontan zu Texas ein? 1. Es ist groß (genauer: zweimal Deutschland). 2. Es gibt Cowboys, daher 3. auch Kühe und 4. Steaks und 5. Hüte mit krummer Krempe. 6. Dazu jede Menge Ölpumpen. Was fällt mir zu Texas definitiv nicht ein? Tiefe Schluchten, riesige Gebirge, erhabene Landschaft.
So kann man sich irren. Denn Texas hat natürlich gewaltige Landschaft, man muss nur ein bisschen fahren. Zum Big Bend nämlich. Von den US-Nationalparks der siebtgrößte, einer der schönsten, einer der entlegensten und einer der unbekanntesten. Er wird im Süden von einem Fluss begrenzt, der in den USA Rio Grande, in Mexiko aber Río Bravo heißt. Namen, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen, die nach ziemlich bleihaltiger Luft klingen. Der berühmte nach Südosten strebende River biss sich hier drei fotogene Canyons ins Gestein, wobei er zu einer großen Biegung nach Norden verdammt wurde, eben Big Bend.
Wohnmobilreise Texas
Das soll Texas sein? Genau. Aber erst ganz im Süden an der Grenze zu Mexiko im Big Bend National Park.
Bild: Bernhard Schmidt
Wir sind im Mietcamper von CruiseAmerica unterwegs und V8-blubbern damit gemütlich von Norden ins Zielgebiet. Der Rio ist mit seinen mächtigen Schluchten die Hauptattraktion des Parks, Nummer zwei sind die Chisos Mountains, ein 2388 Meter hohes bizarres, ehemals vulkanisches Gebirge voller seltener Vögel, mit vielen Rehen, Antilopen, Kojoten, Klapperschlangen, putzigen Wildschweinen (Halsband-Pekaris) und angeblich ein paar Pumas und Bären, die aber, so schien uns, hauptsächlich als Gänsehaut-Service in den Prospekten und auf Warnschildern existieren. Wobei uns ein Ranger allerdings bestätigte, den Big-Bend-Bären schon gesichtet zu haben, nein, er würde uns keinen aufbinden! Der lokale Petz sei zwar ein kleinerer Vertreter, aber dennoch garantiert bärenstark, zudem nicht wirklich zu Scherzen neigend, daher Vorsicht! Nummer drei der Attraktionen ist die Hintertür nach Mexiko. Der Rio ist der Grenzfluss, jenseits liegt malerisch die Dritte Welt.

Rio Grande Texas: Fluss wirkt trotz seiner Länge bescheiden

Obwohl in den USA mit Nachnamen Grande, ist der Fluss trotz seiner Länge von gut 3000 Kilometern (drittlängster der USA) bescheiden. Besonders wenn man bedenkt, dass man gerade in Texas weilt, wo ja alles größer sein soll. Er hat etwa das Format des Neckar. Daher ist der mexikanische Name Bravo (tapfer) viel passender, wird ihm doch schon seit Jahrzehnten auf seinem langen Weg aus den Rocky Mountains für die Landwirtschaft fast alles Wasser abgezapft. Was im Big Bend vorbeifließt, stammt hauptsächlich aus mexikanischen Nebenflüssen. Er hat nur noch im Sommer nach starken Wärmegewittern die alte Kraft, mit der er die krassen Canyons in die Berge schmirgelte.
Allein im Big Bend National Park ist der Rio 190 Kilometer lang. Will man mit dem Schlauchboot durchfahren, braucht man etwa zwei Wochen. Er trödelt halt so vor sich hin. Daher ist eine eintägige Rafting-Tour, etwa durch den Santa Elena Canyon, eher beschaulich als gefährlich. Dennoch atemberaubend. Besonders wenn der Captain seine Gäste an ganz ruhigen Stellen über Bord und mit angelegter Schwimmweste nebenher treiben lässt. Der Fluss gluckst leise, wir liegen von der Weste gestützt entspannt auf dem Rücken, kreiseln in der Strömung, Mexiko ist mal rechts, mal links, hundert Meter hohe vertikale Felswände bilden unsere Scheuklappen, und in dem schmalen Himmelsstreifen können wir gerade einen kreisenden Steinadler und eine kleinere Gruppe Truthahngeier sehen. Wunderbar.
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Im Künstlerstädtchen Marfa lässt man es sich bei Bordo Fine Foods gut gehen.
Bild: Bernhard Schmidt
Zu den schönen Sachen beim Besuch von Big Bend gehört jedoch bereits die lange Anfahrt. Wir kommen also von Midland (dort liegt der nächstgelegene Verkehrsflughafen zum Big Bend, 205 Meilen oder 328 Kilometer entfernt), einer Landschaft, die so flach ist wie ein Brett und dekoriert mit Zehntausenden von nickenden und quietschenden Ölpumpen, was sie touristisch nicht sonderlich wertvoll macht, ehrlich. Doch Ironie des Schicksals: Wir vergaßen im Ölland den Ford E-350, der den Camper antreibt, noch mal vollzutanken. Denn während es in Midland und der Nachbarstadt Odessa überall Tankstellen gibt, die uns in Versorgungssicherheit wiegten, ist danach plötzlich Sense.

Valentine Texas: möglicher Schauplatz für einen Gruselthriller

Wir wählten zudem noch einen Umweg über Valentine und Marfa. Ja, Valentine, da gibt es bestimmt eine Tankstelle, denken wir, doch der Ort mit dem liebevollen Namen ist filmreif trost- und kommerzlos, während uns die Tankanzeige mit noch 36 Meilen Restreichweite Angst einflößt. "Bis Marfa sind es 34", sagt uns ein unrasierter alter Mann, den wir an seinem Pick-up fragen, der aber auch keinen Sprit hat. Wir schauen uns um: ein paar schäbige Hütten, rostige Altautos, ein klapperndes Windrad, Unkraut wuchert auf Grundstücken, die wohl mal Gärten waren. Ein paar der verrotteten Hütten scheinen bewohnt. Hunde bellen. Das ehemalige Highway-Café ist vernagelt. Ein Warnschild am Bahnübergang hängt windschief in der Gegend und weist ein paar Einschusslöcher auf. In Valentine könnte auch ein Gruselthriller spielen.
So schalten wir die Klimaanlage aus, setzen den Tempomaten auf 50 mph, obwohl auf dem kerzengeraden, in der Hitze flimmernden Highway 75 Meilen pro Stunde erlaubt wären, und schleichen schwitzend nach Marfa, wo wir tatsächlich erlöst werden.
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Wüst und leer? Der Big Bend ist der artenreichste Nationalpark der USA, inklusive Pumas und Bären.
Bild: Bernhard Schmidt
Aber warum wollten wir denn in dieses gottverlassene Kaff namens Valentine? Drei Meilen westlich steht am Highway 90 der leicht verstörende Prada-Laden mutterseelenallein in der Wüste. Verkauft wird allerdings nichts. Es ist ein provozierendes Kunstprojekt als Kontrast einer dekadenten Luxusmarke zu dem kommerziellen Nichts von Valentine und dem Nichts der Landschaft. Es musste trotzdem um seine Existenz kämpfen. Denn "Werbung" ist in den USA an den Straßen nicht ohne Weiteres erlaubt. Erst als klar wurde, dass die Modemarke Prada gar nichts damit zu tun hatte, wurde der kleine "Laden" genehmigt.
Und warum Marfa? Es ist bekannt wegen seiner irrlichternden Marfa-Lights über der Wüste, die viele für Ufos halten, bekannt auch wegen der gewaltigen Freight-Trains, die alle paar Stunden von vier Lokomotiven gezogen mit120 Waggons, auf denen die Container doppelstöckig stehen, vorbeirattern, bekannt aber vor allem wegen seiner lebendigen Künstlerszene. Mitten in der Chihuahua-Wüste finden sich hier erstaunlicherweise allerhand Galerien und Museen, Cafés, Restaurants und das feine Hotel El Paisano, das 1955 als Hauptquartier des Filmklassikers "Giganten" diente, der hier gedreht wurde. Es war James Deans letzter Film.

Presidio USA: Grenzstadt zu Mexiko wird nur passiert

Unser Umweg führt uns auch über Presidio, was nicht weiter der Rede wert ist. Es ist die Grenzstadt zu Mexiko, wir fahren nur durch. Aber hier stoßen wir erstmals auf den Rio Grande. Von der Mauer, die Donald Trump zur Abwehr mexikanischer Menschen bauen lassen wollte, keine Spur. Hinter Presidio geht es auf der kurvigen, kaum befahrenen Straße FM 170, genannt Camino del Río, immer am Rio Grande entlang bis nach Lajitas und Terlingua, den Toren zum Big-Bend-Park.
Auf der FM 170 fahren eine Menge Border-Patrol-Geländewagen herum. Wir werden dreimal kontrolliert, denn ein Wohnmobil eignet sich bestens, um Menschen oder Drogen zu schmuggeln. Der erste Ranger spricht sogar ein bisschen Deutsch. Er ist wie alle anderen ausgesprochen nett und die Begegnung einer der Neben-Höhepunkte des Tages. Haupt-Höhepunkt ist aber natürlich das Fahren durch diese surrealen Wüstenlandschaften am Grenzfluss, auf dieser wundervollen Berg-und-Tal-Bahn, als wär’s eine Achterbahn. Wir fahren und fahren und fahren dann noch ein bisschen mehr, bis wir endlich ankommen in Lajitas, das ich von einem früheren Besuch kenne. Da war es bloß ein kleines Hotel, und mir wurden damals Grundstücke hier und in Terlingua angeboten, 400 Dollar pro Acre, das sind 4000 Quadratmeter. Inzwischen ist ein Boom da, und die Grundstücke sind ein Vielfaches wert. Ach, diese verdammten verpassten Chancen immer!
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Steil bergab? Der Santa Elena Canyon, eine der drei Schluchten des Rio Grande, hat vertikale Wände, das Gefälle ist aber eine optische Täuschung.
Bild: Bernhard Schmidt
Auf den meisten Nordamerika-Karten ist der Big Bend National Park, obwohl so groß wie das Saarland, etwa so groß wie ein Spatzendreck abgebildet, aber stets ist da der Ort Boquillas del Carmen jenseits des Rivers eingezeichnet. Man vermutet eine bedeutende mexikanische Stadt dahinter. Die entpuppt sich jedoch als 200-Seelen-Nest, mit armseligen Hütten, einem Souvenirladen, zwei Bars und Stromleitungen, die lange Zeit ohne Strom waren. Neuerdings gibt es Solar-Elektrik. Hinter dem Dorf kommen Richtung Süden dann rund 200 Kilometer nur Schotterwege, Wüste, zerklüftete Gebirge, gewaltige Canyons, kaum Wasser, dafür Pumas und Bären. So erzählen es jedenfalls die Leute im Dorf, und sie kriegen eine ganz feierlich-ängstliche Miene dabei. Der Mexikaner geht nur mit Waffe in die Berge.
Man kommt noch immer rüber nach Boquillas. Trump zum Trotz. Es wurde eine Grenzabfertigung eingerichtet. Mittwoch bis Sonntag von 9 bis 16 Uhr. Eine kleine Fähre bringt einen rüber, kostet zehn Dollar pro Nase. Dann geht es per pedes, per Esel oder per Pick-up weiter, zwei Kilometer bis nach Downtown Boquillas. Dort wird man freundlich empfangen, die Burritos sind lecker, und Tequila ist billig. Und es sieht liebenswert chaotisch, vor allem bunt aus. In den USA dagegen – typisch Nationalpark – ist alles perfekt durchorganisiert, reglementiert und naturfarben gestylt, die Klos sind clean und die Icecubes niemals ausverkauft.

Beste Reisezeit Texas USA: Oktober/November sind die Temperaturen angenehm

Die beste Reisezeit für Big Bend? Da scheiden sich die Geister. Das Parkhauptquartier meint Oktober/November sowie März/April. Weil es dann erstens nicht so warm ist und weil dann zweitens die meisten Besucher kommen – und die müssen es ja wissen. Tom, unser Schlauchbootkapitän, findet August jedoch viel toller. Dann ist es zwar manchmal über 40 Grad heiß, aber der Himmel voller Thunderstorms, "der Fluss geht auf und ab, und am Himmel ist ein Licht, da kniest du dich nieder".
Wenn’s heiß ist, gibt es im Park für den Camper zwei Möglichkeiten: Man fährt auf einen der beiden Campingplätze am Fluss mit Full Hook-up (Strom- und Wasseranschluss) und kann beim Schlafen die Klimaanlage laufen lassen (ich weiß, wovon ich spreche, wir hatten 44 Grad Celsius), oder man fährt zum Campground in den Chisos Mountains in der Mitte des Parks, dort ist es 15 Grad kühler, weil viel höher gelegen. Allerdings gibt es hier keinen Stromanschluss, und die Zeiten für das Laufenlassen des Bord-Generators sind reglementiert. Auch sind die Campsites ziemlich klein, weil der Platz in den 50er-Jahren angelegt wurde, als es noch nicht so gigantische Mobile gab. Selbst mit unserem 25-Fuß-CruiseAmerica (7,60 Meter, für amerikanische Verhältnisse winzig) ist es schon grenzwertig.
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Großes Wohnmobil? Der CruiseAmerica C25 wirkt im Big Bend irgendwie niedlich.
Bild: Bernhard Schmidt
Was kann man im Big Bend machen? In den Bergen wandern, auf dem Fluss mit dem Schlauchboot fahren (je nach Wasserstand auch mal nicht möglich), Tiere beobachten, denn der Big Bend ist der artenreichste Nationalpark der ganzen USA, in heißen Quellen baden und reiten. Aber Mietpferde gibt es nur außerhalb des Parks in Lajitas und Terlingua. Und man kann natürlich Autotouren durch Mondlandschaften unternehmen! Das ist wunderbar! Etwa vorbei an den Mule Ears (Maultierohren), zwei bizarren Felsen auf dem Weg nach Castolon am Rio Grande, oder zur Dinosaurier-Ausstellung nördlich der Panther Junction oder noch weiter zur Hallie Stillwell Hall of Fame, gleich hinter der Ausfahrt des Parks Richtung Marathon rechts abbiegen. Dann noch sechs Meilen.
Hallie war eine Legende inTexas. Sie lebte früher mit ihrem Mann Roy auf dieser Ranch, eine, wie man sie sich in Texas vorstellt: 800 Quadratkilometer groß, also etwas größer als das Bundesland Hamburg. In ihrem Ranchhaus hing in jeder Ecke ein geladenes Gewehr, denn man lebte im echten Wilden Westen – live. "Roy sagte mir immer, ich solle die Waffe nie gebrauchen, um zu erschrecken, sondern immer nur, um zu töten", schrieb sie. "Damals kamen noch viele Banditen aus Mexiko rüber nach Texas, unsere Nachbarn (40 Meilen entfernt) sind mehrmals überfallen worden, doch wir hatten immer Glück." Das kleine Museum in einem neuen Adobe-Bau zeigt den Inhalt ihrer Ranch am Maravillas Creek. Das Haus bestand nur aus einem Raum. Als sie 90 Jahre alt wurde, lernte Hallie, einen Computer zu bedienen und schrieb darauf ein Buch über das Leben auf der Ranch. Es wurde ein Bestseller. Und was bei uns eine Weinkönigin ist, nennt sich in Texas die "Terlingua ChiliCook-off Queen", die vom Bohnensuppen-Wettkochen. Auch die war sie. Manche Leute haben überdimensionale Leben. Sie starb mit 99 Jahren.

Terlingua Chili Cook-off: Fans aus der ganzen Welt reisen an

Den Terlingua Chili Cook-off gibt es noch immer im November, und er wird mit jedem Jahr größer. Aus aller Welt reisen Chili-con-Carne-Fans an. Terlingua war davor jahrzehntelang eine Geisterstadt, nachdem die Quecksilberminen aufgegeben worden waren. Zur Gewinnung des giftigen Metalls wurde die ganze Gegend umgegraben, was sie noch wüster machte. Es war sozusagen die Verwüstung der Wüste. Aber gerade deswegen hat der Ort auch eine gewisse Anziehungskraft. Rund um den malerischen Friedhof, der die Ideal-Location in einem Italo-Western wäre, hat sich inzwischen eine beachtliche Touristen-infrastruktur gebildet. Es gibt Hunderte von kreativen Ferienwohnungen in Adobe-häuschen, bemalten Airstream-Wohnwagen, Tipis, Jurten und unter Plastikkuppeln, dazu gesellen sich noch diverse Restaurants, Campingplätze, Tankstellen, Kunstgalerien, Kunsthandwerkläden und Yogaschulen.
Den Terlingua-Kult kurbelte ausgerechnet ein Rennfahrer an. In den Sechzigern, als der Ort noch mausetot war, brachte ihn Carroll Shelby auf die Landkarte, Erfinder der Shelby Cobra. Er kam mit ein paar Freunden in seiner alten DC-3 aus Dallas regelmäßig hierher, landete auf dem Schotter-Airstrip, lud die Geländemotorräder und ein paar Kisten Bier aus und machte ziemlich viel Blödsinn. Er kaufte Ländereien an der Terlingua Ranch und gründete später das äußerst erfolgreiche Terlingua Racing Team, das mit Ford Mustang GT350-R fuhr. Logo: ein Jackrabbit, ein Wüstenkaninchen, das eine Vorderpfote abwehrend nach vorne hält. Angeblich soll es bedeuten, dass es keinen Chili mehr im Essen haben will. So startete jedenfalls der Ruhm des verlassenen Ortes, der sich für alle, die hier investiert haben, gelohnt hat. Ich gehöre nicht dazu.