Wohnwagen-Unternehmerfamilie Rapido
Die Rapido-Erfolgsstory begann mit einem Faltcaravan

Bild: Bernhard Schmidt
Das Wort rapido ist italienisch und bedeutet "schnell". Schnell ging nämlich die Verwandlung eines kleinen Pkw-Anhängers in ein Ferienhäuschen. Als ein paar Einheimische 1961 zusahen, wie der in Italien urlaubende Franzose Constant Rousseau mithilfe seines achtjährigen Sohnes Pierre blitzschnell seinen Wohnwagen auffaltete, sagten sie bewundernd: Che rapido! Damit war der Name geboren.
Der Schnelle wurde zum schnellen Erfolg, auch weil er praktisch zu lagern war. In der Garage konnte er hochkant an die Wand gestellt werden. "Er stand da wie ein Schrank", sagt Pierre Rousseau, heute Präsident des Unternehmens, "das Auto passte immer noch rein."
Alles fing mit einer Bullenbegegnung an
Angefangen hatte alles in den frühen 50ern, als Constant und Claire Rousseau auf einer Viehweide campten. Bis ein Bulle daherkam und das kleine Zelt schnaubend inspizierte, was Claire leicht traumatisierte, sodass sie schwor, nie, nie mehr zelten zu wollen. In der Folge machte sich ihr Mann, ein begabter Kunstschreiner, an die Arbeit und entwarf einen Anhänger mit aufstellbaren Zeltwänden. Da er aber ein Mann des Holzes war, entwarf er später einen Faltcaravan mit festen Wänden aus Sperrholz. Der kleine Pierre half dabei.
Der inzwischen 70-jährige Pierre Rousseau sitzt heute mit seinem Sohn Nicolas (37) im schmucklos-nüchternen Konferenzraum des Unternehmens in Mayenne, 200 Kilometer südwestlich von Paris, und erzählt von den Anfängen der Firma. "Es gab damals etwa 50 kleine Wohnwagenhersteller in Frankreich, viele bauten Klappcaravans, aber mein Vater setzte sich durch. Als Mann vom Fach legte er höchsten Wert auf Qualität und auf die Schönheit der Ausführung. Das Ding war wirklich genial und gewann zahlreiche Preise auf Messen. Aufgebaut besaß der Anhänger das zehnfache Volumen des Fahrzustands, und er wog nur 495 Kilogramm. Noch heute existieren zahlreiche von ihnen."

Schnell ausgeklappt: das Klappwohnwagen-Erfolgsmodell Confort der 70er-Jahre.
Bild: Bernhard Schmidt / AUTO BILD
Auf YouTube gibt es Filme, in denen Fans der Marke den Original-Rapido entfalten. Sehr beeindruckend. Faltcaravans waren der Hit damals, weil die Zugfahrzeuge zu schwach waren für einen aufrechten Wohnwagen. Rousseau tüftelte daher weiter. Sein Origami-Meisterstück wurde schließlich das patentierte Modell Orline mit Tiefbettrahmen. Auch dazu gibt es Videos. Faszinierend, wie in zehn Minuten aus einem flachen Anhänger ein veritabler Wohnwagen mit allem Drum und Dran – sogar mit Waschraum und Toilette – quasi aus dem Nichts entsteht!
Da die Motorleistung der Autos aber allmählich stieg, kam der Klappanhänger aus der Mode, obwohl sich der Orline eigentlich noch gut verkaufte. Aber Constant Rousseau, inzwischen nach einem Herzinfarkt stark beeinträchtigt, und Sohn Pierre erkannten die Trendwende früh und entwickelten erneut einen einzigartigen Wohnwagen. Ohne zumindest ein bisschen Origami ging es aber auch bei ihm nicht. Denn noch immer bremste der Luftwiderstand die nur mäßig starken Zugfahrzeuge, außerdem war es gut, einen Wohnwagen zu haben, der in eine Normgarage passte.
Für den Neuen namens Golf wurde ein fester, niedriger Grundkörper entwickelt, dazu konnte das Dach angehoben werden, und zwar mit festen Alu-Klapp-Paneelen und nicht mit Zeltbahnen wie etwa beim Eriba Touring oder wie beim Hubdach des VW T2 Westfalia oder den noch immer gängigen Aufstelldächern. Zeltbahnen werden eingeklemmt, kriegen dadurch Löcher, zudem sind Stoffelemente lange nicht so haltbar wie feste und bei Regen eh kritisch. Der Rapido Golf wurde 1977 präsentiert, drei Jahre nach dem VW Golf. Streitigkeiten wegen des Namens soll es übrigens nicht gegeben haben. Die verbesserte Version kam 1980 und nannte sich jedoch nun Club. Beide verkauften sich blendend.

Schneller Umstieg: Pierre Rousseau erkannte im Wohnmobil die Zukunft. Er adaptierte 1983 einen Golf-Wohnwagen auf ein Renault-Trafic-Chassis.
Bild: Bernhard Schmidt / AUTO BILD
Indessen war die Zeit reif für motorisierte Wohnmobile. Pierre Rousseau ließ daher das erste auf Basis des Renault Trafic entwickeln, genannt Randonneur (Wanderer). Es besaß nach Rapido-Tradition ein Hubdach mit festen Paneelen. Im Grunde wurde nämlich ein Golf-Wohnwagen auf ein Renault-Chassis montiert und adaptiert. Da der Trafic-Motor nur 66 Diesel-PS hatte, war es gut, dass das Womo niedrig baute. Der Randonneur verkaufte sich zwar noch nicht besonders gut, war aber ein geglückter Start. 1983, im ersten vollen Jahr, wurden 100 abgesetzt, im zweiten 150.
Fokussierung auf Wohnmobile
Nachdem immer weniger Wohnwagen nachgefragt wurden, konzentrierte sich Rousseau stärker auf die Wohnmobile. Dabei war nun wirklich Ende mit Origami, und die Rapido hatten teil- und vollintegrierte Aufbauten mit Peugeot-Boxer- oder Mercedes-Sprinter-Technik darunter, mit voller Stehhöhe. Statt raffinierter Klappmechanismen setzte man die Tradition des hochwertigen Möbelbaus fort, kombiniert mit französischem Chic, aber auch mit Innovationen wie dem patentierten "Modul'Space", einem smarten Kleiderschrank in der Waschraumtür.

Schnelle Truppe: Schon Anfang der 90er hatte Rapido zwei Teilintegrierte und ein Alkovenmodell im Programm.
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Wir fragen, wer denn auf diese schlaue Idee gekommen sei. "Das war mein Vater", sagt Nicolas Rousseau lächelnd, während der Senior ein bisschen verlegen guckt und zur Ablenkung das Thema wechselt: "Im Jahr 2000 habe ich die Wohnwagensparte ganz zugemacht. Eine goldrichtige Entscheidung. Denn heute werden auf dem französischen Markt nur noch 7000 Caravans pro Jahr verkauft, davon gehen nur 2000 an Urlauber, jedoch 5000 an Zigeuner. Und die kaufen hauptsächlich Fendt und Tabbert."
Allerdings sägte Rousseau selbst an dem Ast, auf dem er saß, denn 1998 gründete er eine Tochterfirma namens Rapidhome, gleich neben dem Hauptwerk in Mayenne. Hier werden Bungalows gefertigt, die man inzwischen überall auf den Campingplätzen sieht, wodurch sie immer weniger wie Campingplätze aussehen, sondern eher wie eine Art Kleingartensiedlung. Das hat nun den Effekt, dass sich weniger Leute einen Wohnwagen kaufen. Sie kommen mit dem Pkw und mieten sich auf dem Campingplatz eine Hütte. Kein Wunder, dass der Caravanmarkt zusammengebrochen ist und Rapido sich auf Wohnmobile konzentrieren musste. Geschadet hat das dem Unternehmen jedoch nicht.

Schnell im Mainstream: heute mit weniger französischen Spezialitäten, dafür solide und schick – Modell 606F.
Bild: Bernhard Schmidt / AUTO BILD
Rapido ist inzwischen nach Hymer und Trigano der dritt-, viert- oder fünftgrößte Wohnmobilhersteller Europas, je nach Zählweise. Bei den Stückzahlen sind sie die Nummer drei. Die Geschäfte liefen in den 90er- und Nullerjahren so gut, dass die Rousseaus auf Einkaufstour gingen und manche schwächelnde Marke aufkauften, um ihr anschließend neues Leben einzuhauchen. Darunter renommierte Namen: Roadtrek in Kanada etwa, das zu Hymer gehörig nach einem Betrugs- und Bilanzfälschungsskandal im Jahr 2019 geschlossen werden sollte, aber jetzt gerettet ist. Man baut nun feine Kastenwagen mit Benzinmotoren auf Fiat-Ducato-Basis, der in Amerika Dodge heißt, ab stolzen 147.000 US-Dollar, und ein Dieselmodell auf Sprinter-Basis ab 196.000 US-Dollar.
Oder Westfalia, der Erfinder der Anhängerkupplung und Ikone unter den Campingbussen. Nach Verlusten und Insolvenzantrag 2010 wurde die Kernmarke von Rapido gekauft und ist jetzt wieder sehr erfolgreich. Sogar ein neues Werk in Gotha wurde hochgezogen.
Schon viel früher ging der bankrotte Erzkonkurrent Esterel an Rapido, wurde dann jedoch von Pierre Rousseau nach eigenen Fehlentscheidungen geschlossen. Leicht zerknirscht gesteht er: "Ich ließ zwar deren guten Klappcaravan weiterbauen, wollte aber auch Wohnmobile im Topsegment aus Polyester anbieten. Das war ein Fehler. Es wurde zu kompliziert. Wir haben viel Geld verloren. Derzeit ruht der Name leider. Wir überlegen jedoch, wie wir die berühmte Marke reanimieren können."

Schneller Amerikaner: Roadtrek aus Kanada wurde nach dem Konkurs 2019 übernommen. Modell Zion Slumber mit V6- Benziner.
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Auch der in Deutschland kaum bekannte Hersteller Fleurette wurde übernommen. Statt Wohnwagen werden dort jetzt hochwertige Wohnmobile gebaut, oberhalb des Rapido-Programms. Der neue Name der Marke ist Florium. In Italien kaufte man Giottiline (italienisches Vollsortiment mit edlem Ambiente), in Großbritannien den Hersteller Wild'Ax (Vans) und in Frankreich noch den Van-Hersteller Stylevan (auf VW-T6.1- und Ford-Transit-Basis). Und das Erstaunliche dabei: Alles ist noch in Familienhand.
Demnächst steht jedoch der zweite Generationswechsel im Hause an, denn der leidenschaftliche Flugzeugpilot Pierre Rousseau zieht sich allmählich aus dem Unternehmen zurück. Sohn Nicolas, bereits Generaldirektor, ist bereit für die große Aufgabe, einen nicht mehr ganz so übersichtlichen Konzern zu lenken.
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