Dauertest Opel Astra 1.9 CDTI

Dauertest-Zwischencheck Opel Astra 1.9 CDTI Cosmo Dauertest-Zwischencheck Opel Astra 1.9 CDTI Cosmo

200.000-km-Dauertest Opel Astra 1.9 CDTI

— 12.06.2006

Da war Sand im Getriebe

Zwischenbilanz nach 100.000 Kilometern: Der Opel Astra wirkt fast noch taufrisch. Er mußte allerdings schon früh einen herben Dämpfer einstecken.

Dieser Astra ist "ein wirklich gutes Auto"

Es ist nur ein böses Gerücht, daß Astra-Ingenieure von ihrer Firma regelmäßig eine Familienpackung Glückspillen bekommen. Aber gebrauchen könnten sie die schon. Die armen Kerle. Da bauen sie den besten Astra aller Zeiten – und bleiben doch wieder chancenlos gegen Rivale Golf. Seit der Astra im Januar 2004 auf den Markt rollte, haben die Wolfsburger mal eben doppelt so viele Gölfe unters deutsche Volk gemischt (266.491 zu 535.266).

Das geht nun schon seit 30 Jahren so. Nur einmal, im Dezember 1997, sprang der Astra auf Platz eins der Hitliste – VW hatte Lieferprobleme. Dann kam der Absturz: Feuer beim Tanken, Qualität im Eimer, das Opel-Desaster begann. Schwamm drüber. Sprechen wir von der Gegenwart, sprechen wir vom Astra 1.9 CDTI, unserem Dauergast, den wir parallel zum VW Golf 1.4 über 200.000 Kilometer testen.

Die Zwischenbilanz nach der Hälfte ist schon mehr als eine erste Wasserstandsmeldung. Da weiß man bereits, wo der Hase hinläuft. Was also haben die Opelaner da im Werk Bochum zusammengeschraubt? Ich mache es kurz: ein wirklich gutes Auto. Eines wie vor der Lopez-Kaputtspar-Ära, als Opel zwar noch hemdsärmeliger, aber eben auch grundsolide war.

Was machen die anderen AUTO BILD-Marathonläufer? Eine Zwischenbilanz aller neun Dauertester finden Sie in der Bildergalerie.

Top-Materialien, hervorragende Qualität

Sicher ist der Kadett-Enkel nicht jedermanns Sache. So wie er bei uns im Dezember 2004 anrollte, tiefschwarz, mit teilweise weiß eingefärbten Rückleuchten und dicken Puschen, sieht er schon etwas halbstark aus. Auch die Schieferlack-Blenden im Innenraum (Cosmo-Ausstattung) polarisieren. Vielleicht alles eine Spur zu grell geschminkt für eine Klasse, die jedermann gefallen will und muß.

Doch wer mit der Optik Probleme hat, soll halt Golf fahren oder sich im Corolla langweilen. Der wird aber eine Erkenntnis verpassen, die mich schlichtweg begeistert hat: Opel baut wieder Qualität. Nach 105.000 gewiß nicht gemütlichen Testkilometern steigst du in den Astra ein und denkst: Moment mal, der sieht doch aus wie aus dem Laden.

Okay, der Bursche ist gut gepflegt, aber die Materialien scheinen auch top zu sein. Kaum ein Kratzer an den Einstiegsleisten, im Kofferraum oder an den Rückseiten der Vordersitze. Hier verschrammen andere, weitaus teurere Modelle schon, wenn sich nur ein Kinderschuh nähert. Dazu endlich mal ein Teppich, der sich gut saugen läßt. Hört sich spießig an, aber sind das nicht genau die Sachen, über die wir uns im Alltag sonst ärgern? Wie auch über nerviges Geklapper und Geknirsche von Hutablagen, Sitzen oder Verkleidungen. Aber selbst hier: alles bene, absolut Ruhe im Karton, was für eine steife Karosserie spricht. Sicher, Kritik gibt es auch: Einige vermissen Cupholder oder größere Ablagen, die Antippfunktion der Blinker ist nach wie vor gewöhnungsbedürftig bis nervig, die Sitzschienen für 1,90-Meter-Menschen schlichtweg zu kurz.

Die Kupplung: Totalausfall nach 47.094 km

"Opel, der Zuverlässige"– mit diesem Slogan tankte der Blitz in den 50ern Vertrauen. Und trat das Erbe dann später übelst mit Füßen. So ganz ist der Schlendrian offenbar noch nicht ausgetrieben. Zweimal patzte unser Astra, weil Opel und einige Zulieferer anfangs richtig Murks produzierten. Beispiel: Bei den ersten Astra, die vom Band liefen, wurden die Antriebswellen noch ziemlich sorglos montiert. Dabei konnten die Manschetten beschädigt werden, wie bei unserem Testwagen geschehen. Folge: Fettverlust, bis die linke Antriebswelle schließlich klackerte. Bei Kilometer 46.450 wurden Welle und Manschette auf Garantie gewechselt.

Der zweite Ausfall folgte kurz danach, war deftiger und für Opel oberpeinlich. Dem Kollegen Alexander Cohrs, nichtsahnend in Thüringen auf Dienstreise, sackte plötzlich das Kupplungspedal weg. Null Gegendruck mehr, Gangwechsel unmöglich. Cohrs funkte SOS, Opel schickte einen Abschlepper – und schon glühten die Drähte nach Rüsselsheim.

Um kein Risiko einzugehen, entschieden die Herren, gleich das komplette Getriebe auf Garantie zu wechseln. Völlig unnötig, völlig überhastet, denn das Räderwerk war absolut in Ordnung. Defekt war nur der Kupplungsnehmerzylinder. Ein nicht entgratetes Plastikteil eines Zulieferers hatte die Gummiabdichtung am Zentralausrücker zerstört. Kann ja mal passieren. Aber wer so eine Fehlentscheidung später aus eigener Tasche löhnen muß, hat zu Recht das letzte Mal einen Opel gekauft.

Ein mit IDS Plus gedoptes Sporttalent

Unsere Leser haben solche Abenteuer bislang offenbar nicht erlebt. Unser Kummerkasten-Kollege bestätigt: "Es liegt nicht eine Beschwerde über die dritte Astra-Generation vor." Auch das ein Gradmesser für die Qualität. In unserer Zuverlässigkeits-Tabelle aber wird der Astra durch diese Eskapaden nach hinten durchgereicht. In unserer Sympathiewertung indes reiht er sich ganz vorn ein. Weil er ein "perfekter Reisewagen" ist, wie Kollege Lars Zühlke nach einem 1200-Kilometer-Ritt urteilte.

Gleichzeitig offenbart der Opel nach Meinung vieler "überraschendes Sporttalent". Manch einer entdeckte gar "BMW-Feeling in den Federn". Die allerdings sind im Testwagen gedopt: mit dem Fahrsystem IDS Plus von ZF Sachs (Aufpreis: 585 Euro), das in Sekundenbruchteilen die Dämpferhärte zwischen hart und weich verstellt. Einmalig bei Kompakten.

Wer es noch härter mag und ein gesundes Gebiß hat, drückt den Sport-Modus. Meine Sache ist das nicht. Schon die Normalabstimmung hat einen ordentlichen Schluck Schaumfestiger abbekommen. Fast schon zuviel. "Für Feierabendverkehr und deutsche Hartz-IV-Holperstrecken hart an der Grenze", kommentiert Redakteur Joachim Staat trocken. Wie gesagt: Geschmacksache.

Modellgeschichte:03/2004: Markteinführung des Astra H als Limousine, sechs Motorvarianten (80 bis 170 PS) • 07/2004: Drei zusätzliche Motoren im Angebot: 1.9 CDTI (120 und 150 PS) mit wartungsfreiem Partikelfilter, 2.0 Turbo (200 PS) • 09/2004: Einführung des Astra-Kombimodells • 03/2005: Neuer Einstiegsdiesel 1.3 CDTI (90 PS) • 08/2005: 1.9 CDTI (100 PS) mit wartungsfreiem Partikelfilter ersetzt den 1.7 CDTI (80 PS) • 10/2005: Start für das Astra- Topmodell OPC mit 240 PS • 11/2005: Neuer 1,8-Liter-Benziner (140 PS) ersetzt die 125-PS-Variante, 1.3 CDTI (90 PS) erhält den Partikelfilter serienmäßig, dafür entfällt der 1.7 CDTI (100 PS)

Der 120 PS-Diesel läuft echte 191 km/h

Viel eindeutiger fällt bislang das Urteil über den herrlich ausgeglichenen 120-PS-Diesel aus: Der paßt! Der Vierzylinder aus der gescheiterten Fiat-Ehe ist zwar morgens noch ein rechter Grummelbär, dreht dann aber richtig auf. Erst mal warmgelaufen, verschwindet das Nageln fast völlig, selbst auf der Autobahn wird der CDTI kaum lauter.

Und laufen kann der Bursche. Wenn's sein muß, bis Tacho 210. Das sind dann echte 191 km/h. Wer es so (b)rennen läßt, hat am Ende des Tages über zehn Liter pro 100 Kilometer auf der Tankrechnung. Bei Bummelfahrt steht 'ne Fünf vor dem Komma. Hinten kommt mittlerweile bei jedem Diesel-Astra serienmäßig gefilterte Luft raus. Auch das also eine saubere Sache. Wie das ganze Auto. Abgesehen von der bitteren Pille mit dem Getriebe ein Astra (fast) ohne Risiken und Nebenwirkungen. Bislang. Nach 200.000 Kilometern geht's zur Schlußuntersuchung ja erneut zum AUTO BILD-Doktor. Wir sind gespannt, ob der Patient Opel dann als geheilt entlassen werden kann.

Technische Daten und Wertung

Die Ingenieure bei Opel waren sichtlich genervt. Ausgerechnet dem Dauertest passierte, was fürs Vertrauen in jedes Fahrzeug tödlich ist: Totalausfall, Abgang auf dem Abschleppwagen. Und dann der Hammer: Getriebewechsel bei gerade mal 47.000 Kilometern auf der Uhr.

Völlig unnötig, wie sich später rausstellte. Denn schuld war ein Pfennigartikel, ein kleines, schlecht entgratetes Kunststoffteil im Zentralausrücker. Weder an der Kupplung noch am Getriebe lag ein Schaden vor. Unser Astra hätte mit dem Originalgetriebe weiterfahren können. Hätte! Die Opelaner haben in diesem Fall leider übereifrig reagiert, das gesamte Getriebe rausgeschmissen, statt nur den Zentralausrücker zu wechseln.

Wenigstens der Rest des Astra ist beim Halbzeit-Check noch fast original – und zeigt sich technisch in wirklich gutem Zustand. Dank gründlicher Konservierung sind auf lange Zeit keine Rostschäden zu befürchten. Die Maschine bringt ihre volle Leistung. Allerdings machen uns kräftige Ablagerungen von einem Öl-Schmutz-Gemisch im gesamten Ansaugtrakt und entsprechende Spuren an den Einlaßventilen Sorgen. Ob der Diesel diese schadlos verdaut, wird der weitere Test zeigen.

Preise und Unterhaltskosten

Hier haut der Opel Astra ordentlich in die Kerbe. Denn 27 Cent Gesamtkosten pro Kilometer sind happig. Der Golf fuhr dagegen zur Halbzeit-Prüfung für nur 22 Cent vor.

Hier ist Ihre Meinung gefragt

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst – also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten für den Opel Astra 1.9 CDTI Cosmo.

Autor: Tomas Hirschberger

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