Im Kriechgang durch Deutschland

Barfuß ohne Führerschein Barfuß ohne Führerschein

25-km/h-Autos

— 11.11.2002

Barfuß ohne Führerschein

Auto fahren lässt sich auch ohne Autoführerschein, meint Dieter Barfuß aus Paderborn. Mit 25 Kilometer die Stunde. Im Kriechgang durch Deutschland.

Am Anfang war der Alkohol

Wenn Dieter Barfuß in die vierspurige Hauptstraße einbiegt und mit seinem Stiefel aufs Gaspedal stampft, kommt bei Passanten Freude auf. Während der 163-Kubik-Einzylinder verzweifelt nach Luft röchelt, zittert sich die knallrote Fiberglaskarosse langsam auf Höchsttempo: 20, 25, 30, 35, 38 ... einhalb. Bergab und mit Rückenwind. Oha. "Zuerst haben die anderen Autofahrer nur gehupt", erzählt der Bremsklotz aus Paderborn. "Inzwischen kennen sie mich und grüßen sogar." Mit welchem Finger, sagt Barfuß nicht.

Doch die zwischenmenschlichen Begegnungen werden seltener geworden, denn der 55-Jährige hat eine Fahrpause eingelegt. Und zwar nicht ganz freiwillig. Seit Barfuß im Juni 2002 von Nachbar Günter S., seinem Intimfeind, angezeigt wurde, ermittelt der Staatsanwalt: Verdacht auf Fahren ohne gültige Fahrerlaubnis. So ist Barfuß notgedrungen auf einen 25 km/h schnellen Mofa-Roller umgestiegen.

Sein Kleinstauto wartet derweil in der Garage auf bessere Zeiten. "Sollen die Leute ruhig denken, ich hätte den Wagen verkauft", sagt er. "Ich komme wieder." Wenn auch bestimmt nicht als vollwertiges Mitglied der Autofahrer-Familie. Mit dem Thema Führerschein ist er nämlich "endgültig durch". Am Anfang war der Alkohol. Vor sieben Jahren steuerte Dieter Barfuß zum letzten Mal ein richtiges Auto. Und dann das: Zechtour gemacht, einen gesoffen, in den Corolla gestiegen, Crash gebaut, abgehauen.

Mit vier Kilowatt täglich acht Kilometer

Ein Promilleunfall mit Fahrerflucht, da war der Führerschein futsch. Später rasselte er noch zweimal durch den Idiotentest und begann, sich mit dem Gedanken an eine Minimalmotorisierung anzufreunden. Im Herbst 2001 erwarb Barfuß für 4000 Mark einen gebrauchten "Arola 20", um täglich acht Kilometer in die Firma zu fahren. Wer braucht dafür mehr als einen Honda-Rasenmähermotor mit vier Kilowatt? Eben.

Im Winter sind vier Räder, zwei Türen und eine gute Heizung entscheidend, dachte sich Dieter, der in einem Paderborner Kühlhaus arbeitet. Dort steuert er einen 14 Tonnen schweren Gabelstapler und karrt täglich palettenweise Saft und Marmelade auf Aldi-Lastwagen. Während die Staatsanwaltschaft seit Monaten – was auch immer – ermittelt, steht Barfuß im Regen. Rechtsanwalt Dr. Erich Balks hat seinem Mandanten geraten, das Auto vorerst stehen zu lassen, pocht aber auf "umgehende Einstellung" des Verfahrens.

Aus gutem Grund. Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 31. Januar 2002 darf ein "motorisierter Krankenfahrstuhl" von jedermann ohne Fahrerlaubnis bewegt werden – egal ob körperliche Gebrechen vorliegen oder nicht (BVerwG 3 C 39.01).

Eine spezielle Lizenz zum Schleichen

Unter Krankenfahrstuhl versteht der Gesetzgeber einsitzige Fahrzeuge mit maximal 25 km/h Spitze und 300 Kilo Leergewicht. Barfuß ist also nicht auf dem Holzweg. Es sei denn, die 90 Zentimeter breite Sitzbank, auf der neben dem Fahrer zum Beispiel ein Kasten Bier Platz hat, macht den Wagen zum Zweisitzer. Dann nämlich hätte Barfuß ein "Kraftfahrzeug mit einer durch die Bauart bestimmten Höchstgeschwindigkeit von nicht mehr als 25 km/h" – und brauchte eine spezielle Lizenz zum Schleichen.

Diese Sondergenehmigung für gedrosselte Pkw kann in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg beantragen, wer vor 1989 einen Führerschein der Klasse 4 und 5 (Osten: M, T) gemacht hat – und dann kriechen, bis der Arzt kommt. Auch ohne Krankenfahrstuhl-Trick.

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