35 Jahre Italdesign

35 Jahre Italdesign 35 Jahre Italdesign

35 Jahre Italdesign

— 23.05.2003

Giugiaros schönste Autos

Schöne Autos kommen aus Italien. Warum? Darauf wissen auch die Giugiaros keine Antwort. Dabei tragen die beiden Designer zu dieser Erkenntnis eine Menge bei – seit 35 Jahren.

Autos kann er, Designer-Nudeln nicht

1983 stand Giorgetto Giugiaro vor einer Herausforderung: Pasta-Produzent Barilla gab eine Designer-Nudel in Auftrag. Nach langer Entwicklungsarbeit präsentierte Giugiaro die "Marille". Die Nudel gefiel durch ungewöhnliches Design und vorzüglichen Geschmack. Leider: Sie setzte sich in der konservativen italienischen Nudelesser-Szene nicht durch und verschwand nach kurzer Zeit wieder vom Markt.

Autofahrer sind gegenüber Neuem aufgeschlossener. In der Kfz-Branche bleibt Giugiaro mit seiner Firma Italdesign seit 35 Jahren von Flops verschont. Unkonventionelle Ideen und innovative Konzepte sind das Erfolgsrezept. Sein bedeutendstes Werk kennt jedes Kind – den VW Golf I. Der praktische Kompakte begründete 1974 mit dem One-Box-Design eine neue Fahrzeuggattung. Das clevere Konzept verkaufte er in ähnlicher Form auch an andere Hersteller: Lancia Delta, Fiat Panda, Fiat Uno und Seat Ibiza entwickelten sich zu Bestsellern. Die Designer-Konkurrenz nahm die Grundidee gern auf.

Nebenbei erschafft Giugiaro zeitlose Sportwagenikonen. Auch hier setzt er auf schnörkelloses Design: flache Nasen, kraftvolle Linien, Abrisskanten. Lotus Esprit, Maserati Merak oder VW Scirocco prägen bis heute das Bild vom perfekt proportionierten, puristischen Sportwagen. Das Talent von Giorgetto Giugiaro wurde früh erkannt. Bereits in jungen Jahren feiert er bei Bertone große Erfolge. Unter seiner Ägide entstehen Autos wie BMW 3200 CS und Fiat Dino Coupé. 1965 verschlägt es ihn zu Ghia. Hier ist er an Klassikern wie dem Maserati Ghibli oder dem De Tomaso Mangusta beteiligt.

1968 macht er sich selbstständig. Zusammen mit dem Ingenieur Aldo Mantovani gründet er die Firma Italdesign. Eine optimale Konstellation: Der eine hat die Ideen, der andere kümmert sich um deren Realisierung. Erstes Italdesign-Projekt ist ein aufsehenerregender Prototyp, der Bizzarini Manta. Der hat nicht nur einen V8-Mittelmotor, sondern auch eine Mittellenkung. Links und rechts vom Piloten nimmt jeweils ein Beifahrer Platz. Eine Sitzordnung, die sich später beim Mc-Laren F1 wiederfindet.

40 Millionen Autos mit Giugiaro-Siegel

Ende der 80er rutscht Italdesign in eine Formkrise: Kritiker bemängeln gestalterische Beliebigkeit, die Luft scheint raus. Jetzt startet Giugiaro junior durch und stellt ab 1991 mit wenigen Prototypen den lädierten Ruf wieder her. Die formschönen Nazca-Modelle und der Scighera machen Furore. Fabrizio Giugiaro leitet mit einer frischen Designlinie eine neue Ära ein. Auch der Alfa Brera stammt von ihm. Der stieß in der Öffentlichkeit auf so begeisterte Zustimmung, dass Alfa Romeo vor kurzem die Serienfertigung beschloss. In den letzten Jahren haben sich besonders die Koreaner zu eifrigen Auftraggebern gemausert: Der Daewoo Matiz mischt die Kleinwagenszene auf, auch der Daewoo Kalos trägt die Giugiaro-Handschrift.

Inzwischen beschäftigt Italdesign 1100 Mitarbeiter. Der Hauptsitz liegt vor den Toren Turins, in Barcelona und Paris sind Zweigstellen etabliert. Rund 200 Modelle hat der Designer weltweit kreiert, mehr als 40 Millionen Fahrzeuge tragen das Siegel "designed by Giugiaro". Dabei steckt hinter modernem Fahrzeugdesign viel mehr als eine hübsche Verpackung. Unzählige Faktoren spielen eine Rolle. Neben der Ästhetik müssen auch Ergonomie, Sicherheit, Energieverbrauch und Geräuschabsorption stimmen. Vor allem ein Kriterium entscheidet über die Serienfertigung: Lässt sich das Modell überhaupt mit vertretbarem Aufwand industriell produzieren? So wird manch hochtrabender Designertraum schnell zu enttäuschend gewöhnlicher Durchschnittsware zurechtgestutzt.

Autodesign ist zwar das Hauptgeschäft, doch Giugiaro verhilft auch anderen Produkten zu gutem Aussehen – Telefonen, Uhren, Nähmaschinen. Nudeln allerdings rührt er nur noch zum Essen an …

"Mein Liebling ist der Fiat Panda"

AUTO BILD test & tuning im Gespräch mit Giorgetto Giugiaro.

Nach 35 Jahren Arbeit an und mit dem Auto – was macht in Ihren Augen das perfekte Fahrzeug aus? Natürlich übt eine elegante Sportwagenform eine besondere Faszination aus. Perfektion ist jedoch erst erreicht, wenn sich gutes Design mit hohem Nutzwert und großer Wirtschaftlichkeit vereint. Deshalb ist mein Lieblingsauto auch der Fiat Panda. Der Reiz liegt in der Reduzierung auf das Wesentliche. Zeitloses Design verzichtet auf überflüssigen Schnickschnack. Auch der Maserati Kubang ist ein Produkt dieser Philosophie – multifunktionell, aber wunderschön.

Bei welchen Einzelstücken schmerzt es Sie am meisten, dass sie über das Prototypenstadium nie hinauskamen? Der Lancia Megagamma wäre sicherlich ein Riesenerfolg geworden. Fiat fehlte 1978 der Mut, sich mit dem ersten Van zum Trendsetter aufzuschwingen. Auch VW W12 und Bugatti EB112 hätten eine Chance verdient.

Wie sieht das Giugiaro-Design der Zukunft aus? Wird es eine Rückbesinnung auf die schnörkellosen Formen der Siebziger geben, oder wird die weiche Linienführung der Neunziger weiterentwickelt? Wir wollen das Beste aus beiden Epochen. Kraftvolle, klar konturierte Formen verbinden sich mit weichen Übergängen und sanften Schwüngen. Das ergibt eine gesunde, frische Aggressivität, die weder bedrohlich noch abweisend wirkt. Verwechselbare Durchschnittsprodukte will kein Mensch sehen. Der Alfa Brera gibt unsere künftige Linie vor. Der wird ab 2005 gebaut.

Erwacht bei einem so großartigen Auto nicht der Wunsch, die Serienproduktion selbst zu übernehmen wie einst beim BMW M1? Dazu wird es nicht kommen. Wir beschränken uns auf unsere Kernkompetenz – das Design. Fahrzeugbau ist bei den Herstellern besser aufgehoben.

Welche Rolle spielt Ihr Sohn Fabrizio? Er tritt in meine Fußstapfen, hat aber bereits einen eigenständigen, unverwechselbaren Stil entwickelt. Bereits 1991 hat er mit dem Nazca bewiesen, dass er eines Tages ein würdiger Nachfolger wird.

In der Autoindustrie wächst der Kostendruck. Macht das die Arbeit schwieriger? Einfach war sie noch nie. Natürlich hat in den letzten Jahren auch für uns der Druck zugenommen, überall regiert der Rotstift. Aber was soll's! Guter Geschmack kostet kein Geld.

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