Autoverkehr in Russland: Reportage

Autoverkehr in Russland: Reportage

— 30.11.2015

Verkehrschaos in Russland

Autofahren in Russland: Regeln gibt es – aber niemand hält sich dran. Und Recht hat meistens der Stärkere. Wenn er nicht gerade im Moskauer Stau steht.

Video: Dashcam Russia

Da stockt der Atem!

Juri muss sich Mühe geben, den Durchblick zu bewahren. Die Frontscheibe seines Skoda Octavia ist ziemlich zugehängt. Direkt vor ihm piepst alle Nase lang der Radarwarner und gibt an, wie weit es noch zur nächsten Tempofalle ist. Oben mittig pappt die Dashcam, die permanent das Verkehrsgeschehen vor ihm auf Video bannt. Vom Armaturenbrett hoch ragt das Smartphone, das zur Navigation dient, wichtig in einem riesigen Land, in dem Richtungsschilder selbst in Metropolen Mangelware sind. Und dazu hängen vom Mittelspiegel noch ein Duftbaum, diverse bunte Bänder und Metallplaketten herunter. Autofahren in Russland braucht Glück, Nerven, schnelle Reflexe und viele technische Helferlein.

2013 wurden die Strafen drastisch angehoben

Blitzerwarner, Navi, eine Dashcam, dazu noch Deko – da fehlt es manchmal an Durchblick.

Klar, es gibt auch auf russischen Straßen Regeln. Erst im September 2013 wurden die Strafen für 46 Verkehrsverstöße drastisch angehoben. Seither sind das Überfahren einer roten Ampel, Geschwindigkeitsüberschreitungen, Trunkenheit am Steuer oder das Befahren des Seitenstreifens deutlich kostspieliger geworden. Die Höchststrafe wuchs um das Zehnfache auf umgerechnet knapp 1500 Euro. Doch das neue Ordnungswidrigkeitengesetz (KoAP) scheint in den Köpfen der meisten russischen Autofahrer noch nicht angekommen zu sein – oder es ist ihnen schlicht egal.

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Beispiel Tempolimit. Eigentlich dürfte Juri auch auf vierspurigen Straßen nicht schneller als 90 km/h fahren. Auf den paar Hundert Kilometern zwischen Nischni Nowgorod und Jaroslawl östlich von Moskau steht die Tachonadel dagegen wann immer technisch möglich bei 140 Plus. Dabei ist er nicht einmal der Schnellste – immer wieder ziehen andere Limousinen und SUVs zügig vorbei. Auf Russlands Straßen gibt es offensichtlich nur zwei Tempobremsen: am Straßenrand aufgebaute Radarfallen der Polizei, die allerdings so gut wie immer rechtzeitig genug vom Radarwarner angezeigt werden, und Bahnübergänge. Die ähneln für gewöhnlich eher Baustellen. Nicht einmal ein russischer Autofahrer würde mit Karacho über die Schlaglöcher und unkalkulierbar hoch herausragenden Schienen preschen. Zebrastreifen dagegen haben in der Regel nicht einmal empfehlenden Charakter. "Es gibt nur schnelle oder tote Fußgänger", packt es der Volksmund in Zynismus ein.

Autoverkehr in Russland: Reportage

Pro Jahr gibt es fast 43 Millionen Verkehrsdelikte

Mensch und Maschine sind insbesondere auf dem Land teils abenteuerlichen Situationen ausgesetzt.

"Wir sind kein besonders gesetzestreues Volk", wird Viktor Trawin, ein russischer Experte auf dem Gebiet der Gesetzgebung zur Verkehrssicherheit, gern zitiert. Das robuste Verhältnis zu den Regeln zeigt auch die Statistik. Fast 43 Millionen Verkehrsdelikte werden pro Jahr in Russland registriert. Inklusive rund 200.000 Verkehrsunfällen, bei denen etwa 28.000 Menschen starben und 250.000 verletzt wurden. Mit 24 Unfalltoten je 100.000 Einwohner weist eine andere Statistik Russland den traurigen Platz 1 in Europa zu.

Verkehrspolizisten genießen wenig Respekt

Wie soll der russische Autofahrer auch Respekt vor den Verkehrsregeln haben, wenn die Verkehrspolizei selbst wenig respektabel ist. Unzählig die Geschichten und Erzählungen, die fast jeder Russe auf Lager hat und die von korrupten Polizisten handeln. Von solchen, die selbst davor nicht zurück schrecken, Tempofallen zu inszenieren und dann genüsslich grinsend das "Bußgeld" in die eigene Tasche zu stecken. Wer nicht gerade mit einem teueren Westauto Macht und Einfluss suggeriert und gar ein Moskauer Kennzeichen hat, der kommt bei Ausflügen über Land kaum an dieser Form der Straßenmaut vorbei.
Überholen wird denn auch in Russland immer wieder gerne zu einem unerforschlichen Akt. Warum man nicht auf einer geraden, langen Strecke ohne Gegenverkehr an einem gemächlich voraus polternden und dunkle Wolken ausstoßenden Lkw vorbei zieht, sondern ausgerechnet dann, wenn eine kaum einsehbare Kurve droht, in der sich entgegenkommende Autos schon rein intuitiv erahnen lassen – des russischen Autofahrers Wege sind unerforschlich.

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Vielleicht liegt auch das am gelebten Darwinismus auf den Straßen in dem Riesenreich: Die Elite hat immer Vorfahrt. Und Elite drückt sich hier in der Fahrzeugklasse aus. Je protziger das Auto, desto weniger Regeln, an die man sich anscheinend halten mag. Der verdreckte Lada duckt sich als Paria weg, wenn die schwarz glänzende S-Klasse, der funkelnde Q7 oder der Porsche Cayenne erkennbar kampfeslustig von hinten oder von der Seite heranrast. Nobelschlitten mit eingebautem Blaulicht markieren die Spitze der Nahrungskette.

In den Nebenstraßen geht es ruhiger zu

Das ist auch Russland: Luxuslimousinen säumen die Prachtboulevards.

Nur der Stau in Moskaus Magistralen macht sie alle wieder weitgehend gleich. Zu Hauptverkehrszeiten schieben sich Lada und Bentley wenigstens halbwegs in gleichem Schleichgang Meter um Meter vorwärts. Nur die Taxis haben zwischen all dem Gewusel und Verknote die Magie gefunden, schneller voranzukommen, als alle anderen. Erst ein wenig abseits der großen Straßen Moskaus wird es auffallend ruhig. Selbst zur Rushhour kommt man dort noch relativ flott voran. Es soll mittlerweile Apps geben, die ihre Besitzer gezielt nur noch durch das Einbahn-Gewirr der Nebenstraßen lotsen.

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Kein Wunder, dass die Moskauer Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer jeden Tag im Stau den Staatshaushalt eines kleinen Landes durch die Auspuffendrohre jagen. Laut dem Stau-Index von TomTom hat Moskau die höchste Verkehrbelastung von 161 Städten weltweit, gefolgt von Istanbul und Warschau. Die Moskauer Autobahnringe bilden zudem einen Kessel, der die Luftströme hindert, Ruß und Abgase aus der Stadt zu pusten. Zumindest daran wird mittlerweile gearbeitet. Nicht ganz ohne Eigeninteresse haben die russischen Ölkonzerne begonnen, Erdgas (CNG) auch für den Antrieb von Autos, Lkw und Lieferwagen intensiver zu vermarkten. Erste Ketten von Erdgastankstellen, entstehen, Hersteller wie GAZ bauen eigene CNG-Motoren. Erfreulicher Nebeneffekt dabei: CNG-Aggregate arbeiten deutlich sauberer.

Autor: Jürgen Wolff

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