Tesla Model S trifft Dodge Charger

Dodge Charger SRT Hellcat/Tesla Model S P85D: Test

— 20.09.2015

Zwei US-Cars im Duell

Egal ob V8 oder E-Motor – 700 PS sind cool, aber unvernünftig. Und verlockend. Welches US-Car macht uns mehr an – Dodge Charger oder Tesla Model S?

Fast gleich und doch grundverschieden. Klingt paradox, wird von uns allen aber tagtäglich belegt. Denn unser Erbgut stimmt zu 98,8 Prozent mit dem der Schimpansen überein. Trotzdem toben wir eher selten auf allen vieren durch den Urwald. Ähnlich verblüffend fällt die Gegenüberstellung eines Dodge Charger Hellcat mit dem Tesla Model S P85D aus. Bei beiden handelt es sich um stattliche Fünf-Meter-Limousinen von gut zwei Tonnen Leergewicht, beide stammen aus Amerika, und beide leisten um die 700 PS. Dennoch fallen die Unterschiede zwischen ihnen fast noch größer aus als zwischen uns und unseren behaarten Vorfahren.

Seine unfassbare Kraft hört man dem Model S nicht an

Video: Tesla Model S vs Dodge Charger Hellcat

Bengel gegen Engel

Nehmen wir nur mal die Optik. Schwarz, vor allem innen eher rustikal und mit der gierigen Lufthutze auf der Haube echt verwegen der Dodge. Ein Bengel, wie er im Buche steht. Ganz anders dagegen der Tesla. Der rahmenlose Innenspiegel und das Touchpad im XL-Format beamen uns in die Zukunft, die kühlerlose Nase unterstreicht die elegante Erscheinung. So sehen automobile Engel aus. Oder zumindest so ähnlich. Zudem erleben wir einen verdammt neuzeitlichen Engel. Das Model S verkörpert wie kein anderes Auto die nächste Epoche der Mobilität. Rein elektrisch fährt der Business-Bomber in der digitalen High Society vor. Da rümpft dann niemand die Nase – fast lautlos und lokal emissionsfrei surrt der Tesla durch die Stadt, stellt mit seinem akustischen Tarnmodus beinah eine Gefahr für unachtsame Fußgänger dar. Erstaunlich, denn wer Teslas Topmodell P85D herausfordert, gewinnt eher den Eindruck, unter der Aluhaut würde gerade eine Kernfusion vorbereitet. Tatsächlich sitzen die bis zu sieben (!) Elektro-Fans (im Kofferraum lassen sich für 3300 Euro zwei Kindersitze gegen die Fahrtrichtung einbauen) auf einem riesigen Lithium-Ionen-Vorkommen. Das Akkupaket im Unterboden wiegt mal eben 700 Kilo und bringt es auf eine Kapazität von 85 kWh – dafür müsste man 12.294 iPhone 6 zusammenschalten. Macht natürlich keiner, auch Tesla nicht.

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Im Tesla besteht beim Gasgeben Schleudertraumagefahr

Vorsicht vor dieser Beschleunigung: Der Model S P85D geht mit einer unglaublichen Vehemenz nach vorne.

Die Mannen um Elon Musk benutzen ihren eigenen Mega-Akku, der seinen Saft an zwei Elektromotoren weiterreicht. Mächtige Drehstrommaschinen mit 400 Volt – im Umgangssprech auch Starkstrom genannt, auf jeden Fall die Sorte Strom, die auch Elektroherde verspeisen. Im Model S wird die Energie zwischen Bug und Heck aufgeteilt. Ein kleinerer E-Motor mit 224 PS versorgt die Vorderräder, an der Hinterhand liegen weitere 476 PS an. Wer die insgesamt 700 PS mit einem Tritt aufs Gaspedal entfesselt, sollte den Kopf vorher hinten angelehnt haben. Sonst droht ein Schleudertrauma. Ansatzlos und völlig verzögerungsfrei fegt der Tesla los – auch weil die gewaltigen 967 Nm Drehmoment mit der ersten Umdrehung da sind. Okay, wer das Wisch-und-weg- Wunder mehrfach bemüht, den straft der Tesla mit nachlassender Akkupower. Sportfahrer und Nordschleifen-Nerds werden sich mit dem Tesla also kaum anfreunden – eine elektrisierende Zukunftsshow bleibt das Ganze dennoch. Eine völlig digitale sowieso. Der P85D scheint nur 1 oder 0 zu kennen.

Im Dodge ist das alles viel komplizierter. Und auf eine ganz andere Art mindestens genauso faszinierend. Die Zauberformel lautet hier nicht 1-0, sondern 1-8-4-3-6-5-7-2. In dieser Reihenfolge zünden die acht Pötte des 6,2-Liter-Hemi. Bis die ausgeklügelte Choreografie aus Luft, Benzin und Zündfunke den Hellcat aus den Startblöcken treibt, vergeht zwar ein Augenblick – doch den füllt der große Kompressor-V8 mit einer atemberaubenden Arie an den klassischen Automobilbau. Es grollt, grummelt, hämmert, schlürft, bollert, wummert, knallt und sprotzelt so herrlich, dass die Härchen auf dem Unterarm selbst Stunden später noch nicht wieder zur Ruhe gekommen sind.

Der Charger ist ein Brandstifter alter Schule

Mit 717 PS steckt auch im V8 des Charger Hellcat jede Menge Dampf – und ein absoluter Gänsehaut-Sound.

Sollen sie auch gar nicht, denn ruhige Momente überlässt der Charger ohnehin lieber den anderen. Wenn er anschiebt und mit 717 PS über die Hinterräder herfällt, quietschen die 275er-Gummis in unserem Rücken vor Freude, und die Höllenkatze beginnt aus dem gleichen Grund mit dem Schwanz zu wedeln. Doch keine Panik, das ESP hat den beschwingten Po jederzeit im Griff. Der Hemi will bloß mal zeigen, dass er könnte, wenn er denn gelassen würde. Erst bei Nässe müssen wir uns ein- und Tesla zugestehen, dass Allrad angesichts solcher Leistungsdaten durchaus Sinn ergibt. Für atemberaubende Alarmstarts besitzt der Dodge natürlich auch eine Launch-Control – doch solche halbstarken Showeinlagen hat der coole Kraftprotz gar nicht nötig. Lieber mit knapp 2000 Touren und tiefem Bassgrollen am Auspuff durchs Ländle cruisen, den fetten Sound genießen und nur in Ausnahmefällen die 881 Nm Drehmoment bemühen. Mal eben schnell an Trecker oder Trucker vorbei? Erledigt unser Hellcat fast schon gelangweilt mit Halbgas und ohne die feine Achtstufenautomatik überhaupt zu wecken. So böse dieser Bengel der alten Schule auch auftritt, so herrlich entschleunigend kann die Zeitreise in ihm auch sein.

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Beide Muskelprotze haben durchaus ihre Daseinsberechtigung

Schwere Entscheidung: Der Dodge Charge Hellcat macht mehr Spektakel, dem Tesla gehört die Zukunft.

Sollten wir uns am Ende des Tages zwischen Bengel und Engel entscheiden, müssten wir lange überlegen. Die Zukunft gehört dem Tesla, kein Zweifel. Ganz egal, ob wir Strom im Auto auch morgen noch in Batterien speichern oder per Brennstoffzelle mit Wasserstoff fahren – fest steht, dass emissionslose E-Mobile die vorlauten Verbrenner verdrängen werden. Allerdings wird diese automobile Revolution eher übermorgen als jetzt gleich stattfinden. Der Dodge bekommt also noch eine Schonfrist. Und die sollten wir nutzen. Derart mitreißende Maschinen wird es nicht mehr lange geben. Also starten wir noch einmal den 6,2-Liter und genießen sein bassiges Blubbern – das sich nicht nur hören, sondern tatsächlich auch spüren lässt. Und wenn die mächtigen V8 irgendwann endgültig verstummen, dann möchten wir alternativ bitte keine dünnen Downsizing-Kastraten hören. Dann soll uns nur noch das helle Summen der Elektromaschinen begleiten. Was auf seine Weise auch sexy ist.

Technische Daten Dodge Charger SRT HellcatMotor: V8-Kompressor, vorn längs • Hubraum: 6166 cm³ • Leistung: 527 kW (717 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment: 881 Nm bei 4800/min • Vmax: 328 km/h • Antrieb: Hinterradantrieb/Achtstufenautomatik • Tankinhalt: 70 l • L/B/H: 5100/1905/1480 mm • Kofferraum: 467 l • 0–100/0–200 km/h: 4,2/11,8 s • Leergewicht: 2088 kg • Testverbrauch: 15,7 l SP/100 km • Reichweite: 445 km • Preis 91.000 Euro.

Technische Daten Tesla Model S P85D • Motoren Asynchron-Drehstrom • Leistung: 515 kW (700 PS) • max. Drehmoment: 967 Nm • Vmax: 250 km/h • Antrieb: Allradantrieb/Einganggetriebe • Akku-Kapazität: 85 kWh • L/B/H: 4970/1964/1445 mm • Kofferraum: max. 1795 l • 0–100/0–200 km/h: 3,5/14,7 s • Leergewicht: 2235 kg • Testverbrauch: 23,3 kWh/100 km • Reichweite: 365 km • Preis 115.000 Euro.

Autor: Gerald Czajka

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