Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich freut sich auf die neue DTM

DTM 2012

— 29.02.2012

Ullrich: "Es geht nicht um Lackaustausch"

Interview mit Audi-Sportchef Wolfang Ullrich: Die neuen Vorgaben in der DTM, die Grenzen der Homologation und die Erwartungen für die neue Saison

Am morgigen Donnerstag ist der Stichtag für die Homologation der neuen DTM-Fahrzeuge. Ab diesem Tag dürfen Audi A5, Mercedes C-Klasse Coupé und BMW M3 nur noch in Details verändert werden. Das technische Konzept ist fortan eingefroren. Wer einen gravierenden Nachteil hat, wird ihn mit größter Wahrscheinlichkeit durch die Saison schleppen. Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich beschreibt im Interview, was er von der neuen Saison erwartet.

Frage: "Herr Dr. Ullrich, die DTM steht kurz vor dem Abschluss des größten Entwicklungsprozesses? Auf einer Skala von 0 bis 10, wie rennbereit ist Audi?"
Wolfgang Ullrich: "Wir sind ziemlich dort, wo wir hinwollten. Insgesamt war man mit diesem Projekt etwas spät dran. Das hat aber alle Hersteller betroffen. Am 1. März gibt es den festen Termin der Homologation und ich denke, dass wir bis dahin ein Fahrzeug auf die Beine stellen, von dem wir meinen, dass es eine gute Basis hat.

Frage: "Wie hat die Dreiteilung der Arbeit zwischen den Herstellern funktioniert?
Ullrich: "Insgesamt hat das Zusammenspiel sehr gut funktioniert. Es ist sicherlich etwas Einmaliges, dass drei große Premiumhersteller gemeinsam versuchen, zumindest einen Teil eines Rennauto zu entwickeln. Ich glaube, dass wir mit der gemeinsamen Erarbeitung und der konstruktiven Lösung der Einheits- und Basisteile etwas ganz Besonderes geschaffen haben."

"Wir haben auch einen guten Spagat zwischen Steigerung der ohnehin schon guten Sicherheit der Fahrzeuge und der Kostenreduktion geschafft. Auch wurde nicht vergessen, die Performance der Autos zu verbessern und dass es mit diesen Autos auch wieder ein bisschen leichter wird, im Infight zu fahren, ohne die Aeroteile zu verlieren."

Frage: "Die DTM-Fans erleben also wieder öfter einen Lackaustausch?"
Ullrich: "Es geht nicht darum, dass wir den Lackaustausch forcieren. Es geht darum, dass es wenn es zu einer kleinen Berührung kommt, das Auto sich aerodynamisch nicht so stark verändert, wie es bisher war. Dieses Ziel haben wir sicherlich erreicht."

Warum Audi mit Tarnbeklebung fuhr

Frage: "BMW fährt offensichtlich schon sehr selbstsicher mit relativ wenig Tarnmustern. Audi hält sich vornehm zurück. Wann kommt die Tarnung weg?
Ullrich: "Die kommt dann weg, wenn die Homologation vorbei ist. Das ist eben etwas, das man konsequent durchzieht oder man lässt es überhaupt bleiben. Wir haben uns dafür entschieden, solange wir Änderungen vornehmen, nicht zeigen zu wollen, was wir gerade verändern. Entsprechend haben wir uns für die Tarnbeklebung der Fahrzeuge entschieden."

Frage: "Nach dem Verlust des DTM-Champions, auf welchen Titelaspiranten aus dem Hause Audi sollte man in diesem Jahr setzen?"
Ullrich: "Als Audi-Fan haben Sie da viele Möglichkeiten. Wir haben insgesamt eine sehr starke Gruppe. Einige haben in der DTM ihren Meistertitel auch schon abgeholt. Ich glaube mit Mattias Ekström und Timo Scheider muss man immer rechnen. Sie sind ein Maßstab, wie eine feste Bank. Das wissen alle. Wir haben aber natürlich auch einige in die Mannschaft hineingenommen, die in den vergangenen Jahren mit Vorjahresautos tolle Ergebnisse erzielt und sich damit auch für die neue Meisterschaft empfohlen haben. Ich glaube, wir haben eine sehr gute Fahrerdichte und auch -mischung aus sehr erfahrenen, jungen und schnellen Fahrern."


Frage: "Edoardo Mortara hat als Rookie im vergangenen Jahr eine starke Saison gehabt. Hat er 2012 schon Potenzial für ganz vorn?"
Ullrich: "Er hat im letzten Jahr sicherlich mit guten Leistungen sehr stark auf sich aufmerksam gemacht. Wir werden dieses Jahr sehen, wie er mit der neuen Situation zurechtkommt. Denn das ist für alle eine neue Situation. Alle Vorjahrespiloten hatten in den vergangenen Jahren ein Auto mit einer sehr guten Abstimmbasis an der Hand. Nun muss man sich diese jedes Wochenende erst erarbeiten. Es sind andere Randbedingungen, mit denen die Fahrer erst zurechtkommen müssen. Das soll aber nicht heißen, dass Edo das weniger gut kann, als die anderen."

Wie sich die DTM dieses Jahr verändert

Frage: "Wie wird sich das DTM-Rennen in diesem Jahr verändern? Kein Tanken, unterschiedliche Anzahl der Autos pro Hersteller? Es gibt DTM-erfahrene und unerfahrene Piloten?"
Ullrich: "Wir können uns deutlich mehr Salz in der Suppe erwarten. In den ersten Rennen muss man erstmal feststellen, wo man gegenüber den beiden anderen Herstellern steht. Das ist momentan völlig unklar. In den letzten Jahren wussten wir, wo wir ungefähr stehen. Man durfte auch nichts mehr verändern. Also war immer nur die Frage, wie jeder es über den Winter geschafft hat, sich an den neuen Reifen, neue Randbedingungen und Rennstrecken anzupassen."

"Nun wissen wir bis zum ersten Qualifying nicht, wie wir zueinander stehen. Ich denke, die Autos werden gar nicht so weit auseinander sein. Aber auch dann wird immer einer ein bisschen weiter vorn und einer ein bisschen weiter hinten stehen. Das wird sich von Strecke zu Strecke auch ändern. Uns sollte klar sein, dass in dieser Saison von vornherein gar nichts feststeht, sondern jedes Wochenende von Neuem spannend wird."

Frage: "Haben Sie Bedenken, dass ein Hersteller seine Autos strategisch einsetzt, um den Konkurrenten den Erfolg zu verbauen?"
Ullrich: "Wenn man seine Autos gut mit Teilen versorgen kann und gut betreuen kann, dann ist es immer besser, wenn man mehr Fahrzeuge hat. Man muss nur den Kompromiss finden, wie viele Fahrzeuge man wirklich einsetzen kann. Nur um ein Auto einzusetzen, das aber keine hundert Prozent bringt, ist sicher keine gute Lösung. Fakt ist, man muss jedes dieser Autos erst einmal überholen und das kostet Zeit."

Frage: "Es sind sehr viele Einheitsbauteile verbaut. Geht die DTM dadurch nicht in eine Richtung, wo die Hersteller individuell gar keine großen Erkenntnisse für die eigene Entwicklung rausziehen können?"
Ullrich: "Es ist zwar eine Steigerung der Einheitsbauteile. Aber es gibt sehr wohl gute Bereiche, wo sich jeder Hersteller selbst darstellen kann. Die sind zwar gegenüber der alten DTM reduziert, aber es ist noch etwas geblieben, um die Diversifizierung der Fahrzeuge umsetzen zu können."

Frage: "Immer wieder ist die Rede von Expansion. Wie wichtig ist es für Audi, mit der DTM nach Japan und in die USA bzw. nach Amerika an sich zu gehen? Wie schnell müsste so etwas umgesetzt werden?"
Ullrich: "Es ist wichtig, dass sich die DTM international aufstellt. Das ist keine Frage. Aber man muss bei einer Vergrößerung immer darauf aufpassen, das auch mit Bedacht zu tun. Es muss auch sichergestellt sein, dass dort eine sehr gute Veranstaltung auf die Beine gestellt wird. Die Internationalisierung ist zweifellos wichtig, aber man muss es behutsam machen. Denn wenn man zu schnell zu weit will, könnte es sein, dass man gar nicht vorankommt."

Wie Ullrich auf den Le-Mans-Ausstieg von Peugeot reagierte

Frage: "Was haben Sie gedacht, als Sie am 18. Januar in die Zeitung geschaut haben?"
Ullrich: "Den Rücktritt von Peugeot habe ich natürlich nicht aus der Zeitung erfahren, sondern aus direkten Kontakten. Wir waren zu der Zeit gerade mit allen Fahrern beim Teambuilding. Dementsprechend ist das bei uns auch aufgenommen worden. Jeder war zunächst entsetzt. Jeder weiß, was das bedeutet, wenn eine Marke die Entscheidung trifft, sein Motorsportengagement von jetzt auf eine Stunde später zu beenden. Wir sind alle lange genug im Motorsport, um mit den Betroffenen mitfühlen zu können."

"Es ist dann auch durch den Kopf gegangen, was das für die neue WEC und für Le Mans bedeuten könnte. Das hat uns schon gut beschäftigt. Wir sind aber gemeinsam mit dem ACO und den anderen Herstellern schnell aktiv geworden. Das Starterfeld jetzt kann sich absolut sehen lassen. Ich freue mich, mit Toyota einen großen Automobilhersteller wieder in Le Mans zu begrüßen. Der hat dort auch noch etwas zu erledigen. Ich bin davon überzeugt, dass sie die Scharte, die sie in Le Mans noch haben, in den nächsten Jahren noch auswetzen wollen. Wir wissen, dass wir damit einen sehr guten Gegner bekommen."

Frage: "Hat der Ausstieg von Peugeot Sie darin bestärkt, das Experiment Hybrid doch schon in Le Mans zu bringen?"
Die Planung mit zwei Hybrid und mit zwei rein Diesel betriebenen Fahrzeugen nach Le Mans zu gehen, gibt es seit September 2011. Darauf haben wir konzentriert hingearbeitet. Das passt sehr gut in das Umfeld unserer Gegner. Nach der Erfahrung aus dem letzten Jahr, wenn man mit drei ausgereiften Autos antritt und nach der Halbzeit nur noch mit einem dasteht, ist die Kombination jetzt mit zwei Fahrzeugen von jedem technischem Konzept anzutreten, eine sehr gute Lösung."

Frage: "Langstrecken WM, DTM, Kundensport-Serien -Audi ist überall vertreten. Dennoch: ist es nicht mittlerweile ein wenig inflationär, was es an Rennserien parallel zu den Traditions-Meisterschaften gibt?"
Ullrich: "Aktuell ist es mit der hohen Anzahl unterschiedlicher Formelserien sicherlich schwierig, einigermaßen den Überblick zu behalten. Darum bin ich überzeugt, dass wir mit der Auswahl der Serien sehr gut aufgestellt sind. Mit der DTM versuchen wir, gezielt ein Produkt zu promoten und mit den 24 Stunden von Le Mans und der Langstrecken-WM wollen wir gezielt den Vorsprung durch Technik unterstützen."

Fotoquelle: xpb.cc

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