Im Auto mit Kanzlerkandidat Martin Schulz
"Merkel ist der Golf unter den Politikern"

Was SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz über den Diesel denkt, was er mit Maut und KBA vorhat und welche Lieder er im Auto singt – AUTO BILD hat's erfahren.
Als AUTO BILD Martin Schulz trifft, sieht er aus, als wäre er gerade mit seinem Traumauto, einer Ente, von Berlin hierher nach Lübeck gefahren: abgekämpft, müde. Dabei sitzt der SPD-Kanzlerkandidat kaum noch selbst hinterm Steuer seines Diesel-Volvos. Zwischen zwei gepanzerten Polizeiautos herrollen – das mache doch keinen Spaß. Aber über Autos und Verkehrspolitik reden mag Schulz (61) gern.

Im Zweifel rechts: Martin Schulz steigt bevorzugt auf der Beifahrerseite ein – seine Frau sei eine sehr gute Fahrerin. Links: Hauke Schrieber.
Bild: Olaf Tamm / AUTO BILD
"Diesel werden weiter gebraucht"
Herr Schulz, kann man in diesem Jahr mit dem Thema Auto die Bundestagswahl gewinnen und verlieren? "Mit Ausnahme der Grünen sind sich alle Parteien einig, dass die Autoindustrie der Kern der deutschen Wirtschaft ist." … und den deutschen Dieselfahrern gerade den Schlaf raubt. Hand aufs Herz: Würde sich der Privatmann Martin Schulz heute noch einen Diesel kaufen? Schulz fährt privat einen Volvo mit Dieselmotor. Er ist nicht so verrückt, das Ende des Diesels zu fordern. "Die klugen Manager sind jene, die den Diesel weiter optimieren lassen. Natürlich werden Diesel weiter gebraucht und produziert. Das ganze Gerede um Ausstiegsdaten geht an der Realität der Menschen vorbei. Als das Thema Fahrverbote hochkochte, hatte ich Handwerker bei mir im Haus. Die kamen alle mit Diesel-Transportern und kannten nur zwei Themen: Schulz, sorg dafür, dass VW die Umrüstung zahlt. Und wenn Fahrverbote kommen, kann ich meine Arbeit nicht mehr machen. Man muss sich in der Politik an den Bedürfnissen der Menschen orientieren."
Fahrverbote vermeiden – auch mit E-Autos

Aus für den Verbrenner? So weit geht Martin Schulz nicht. Aber eine Quote für E-Autos befürwortet er.
Dobrindt und der "Maut-Murks"
Wann hatte Deutschland zuletzt einen fähigen Verkehrsminister? "Georg Leber (SPD, 1966–72; d. Red.) war der beste, den wir jemals hatten." Kann es sein, dass das Bundesverkehrsministerium bei der Kabinettsbildung das allerletzte Amt ist? Eine Spielmasse bei Koalitionsverhandlungen? "Das Amt ist wichtig, weil es um mehr geht als das Auto und den Straßenverkehr. Dobrindt hat den unverzeihlichen Fehler gemacht, sich derart auf den Maut-Murks zu konzentrieren, dass alle Zukunftsthemen – siehe Diesel – darunter gelitten haben. Mit mir als Kanzler wird die Maut nicht eingeführt, weil sie sich nicht rechnet."
Heikle Frage: Was darf Autofahren kosten?
Sie sagen immer: Autofahren muss bezahlbar bleiben. Wie viel vom Haushalts-Nettoeinkommen darf Autofahren insgesamt kosten? Schulz überlegt lange. Er will ehrlich antworten, das ist ihm wichtig. Dann nennt er eine Zahl. Sein Presseteam streicht die Antwort hinterher ersatzlos. Zu heikel. Ist der Begriff Auto-Kanzler heute ein Schimpfwort? "Nein, das war für mich noch nie ein Schimpfwort. Wenn die Manager über mich sagen: 'Der Typ geht uns auf den Geist' und die Arbeitnehmer: 'Der setzt sich für uns ein', dann habe ich was richtig gemacht." Und wenn die Manager ihre Lobbyisten zu Ihnen schicken? "Interessen zu vertreten ist legitim. Aber wer versucht, mich unter Druck zu setzen, der hat schlechte Karten."
"KBA sollte aufgespalten werden"
Geben Sie dem Kraftfahrt-Bundesamt doch mal bitte eine Schulnote. "Keine Schulnote. Eher: brav und folgsam." Das sagt alles. "Eine Genehmigungsbehörde kann nicht gleichzeitig kontrollieren. Deshalb muss eine Aufspaltung her." Ihr Vater war ein Bergmannssohn. Was bedeutet das für Ihre Einstellung zur Energiewende? "Das ist ein Jahrhundertprojekt. Wenn es Deutschland gelingt, trotz wachsendem Energiebedarf aus Atom und Kohle auszusteigen, dann ist der Beweis erbracht, dass man eine Industrienation sein kann und gleichzeitig die Klimaziele übererfüllt. Das wäre ein Modell für die ganze Welt. Deshalb bin ich absolut für die Energiewende." Laut Statistik verursachen Senioren am Steuer überdurchschnittlich viele Unfälle. Verpflichtende Tauglichkeitstests kann ein Politiker, der eine Wahl gewinnen will, kaum ernsthaft fordern, oder? "Ich halte das auch nicht für sinnvoll. Das wäre eine Form der Altersdiskriminierung und würde die Mobilität gerade auf dem Land massiv einschränken. Wenn jemand sich im Alter dazu entscheidet, nicht mehr Auto zu fahren, muss das freiwillig erfolgen."
Opel Kadett Berlina als erstes Auto

Schulz' erstes Automodell: ein Opel Kadett Berlina aus dem Jahr 1982 (Symbolbild).
Bild: Werk
Gemischte Gefühle bei autonomer Technik

Bei der Bundestagswahl möchte Schulz den "Merkel-Golf" stilllegen lassen.
Bild: dpa
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