Killer-Kältemittel R1234yf

Killer-Kältemittel R1234yf

Suche nach Ersatz

Daimler schockt die Autobranche mit seiner Absage an R1234yf. Das Klima-Kältemittel ist tot. Was kommt jetzt? Eine mögliche Alternative ist die CO2-Klimaanlage.
Alles auf Anfang! Nach den Enthüllungen von AUTO BILD und nach Daimlers überraschender Entscheidung, das neue Kältemittel R1234yf doch nicht in den Klimaanlagen seiner Autos zu nutzen, beginnt nun die Suche nach einem geeigneten Ersatzstoff. In sogenannten "Real-Life"-Tests hatte Daimler nachgewiesen, dass sich R1234yf an heißen Motorteilen entzündet und dabei hochgiftigen und ätzenden Fluorwasserstoff freisetzt. Noch sind die Ergebnisse der Versuche nicht detailliert veröffentlicht, dennoch ist klar: Das Killer-Kältemittel dürfte keine Zukunft haben.

Mehr Infos: Mercedes verbannt Killer-Kältemittel

Spektakulärer Versuch im Chemielabor: Wirkung des R1234yf-Abbauprodukts Fluorwasserstoff an einem Schweinekopf.

VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg sagte gegenüber AUTO BILD, er könne sich nicht vorstellen, dass R1234yf Bestand habe, wenn die Daimler-Testergebnisse plausibel seien. Ford-Chef Bernhard Mattes räumte ein, dass man von der Daimler-Entscheidung überrascht worden sei. Sollten sich die Daten als valide bestätigen, wäre R1234yf dem Kunden "schwer zu vermitteln". Der Verband der Automobilindustrie (VDA) kündigte an, die Mercedes-Tests im Rahmen einer Arbeitsgruppe zu prüfen. Sicher sinnvoll, denn die Daimler-Ergebnisse stehen in eklatantem Widerspruch zur bisherigen Linie des VDA, der sich als überzeugter Verteidiger von R1234yf profilierte.

Mercedes SL-Rückruf: Kältemittel wird getauscht

Mercedes will das Kältemittel 1234yf nicht verwenden  und ruft in Deutschland 705 SL in die Werkstatt zurück.

Was mit den Autos geschieht, die schon R1234yf an Bord haben, ist noch unklar. Einzig Mercedes rief jetzt SL-Roadster "in niedriger dreistelliger Stückzahl" zurück, um die R1234yf-Klimaanlagen auf das bisher verwendete Mittel R134a zurückzurüsten. "Sicherheit steht für uns an erster Stelle", begründete ein Sprecher diesen Schritt, der nach derzeitiger EU-Rechtslage zum Erlöschen der Betriebserlaubnis führt. Andere Hersteller wollen zunächst abwarten, bis Mercedes Details seiner Tests veröffentlicht hat. Allerdings zeichnen sich Tendenzen ab: Subaru, die Marke mit den meisten R1234yf-Modellen im Programm, plant zumindest "keine eigenen Forschungen" – von einem Rückruf ist nicht die Rede.

Autos mit R1234yf: Wer zieht sie aus dem Verkehr?

Die Klimaanlage im VW Touran des Umweltbundesamtes kühlt seit 2009 mit CO2.

Derweil steigt das Interesse an alternativen Kältemitteln wie CO2. Ein Kenner der Branche spricht von "durchgetesten CO2-Anlagen in den Schubladen der Hersteller". Diese könnten in weniger als drei Jahren in der Serie zum Einsatz kommen. Doch Europas Autoindustrie steckt zurzeit mitten in einer Absatzkrise. Deshalb dürften die Konzerne alles daran setzen, so lange wie möglich das billige, aber klimaschädliche R134a weiter zu nutzen. Wie lange das ohne Strafzahlungen erlaubt bleibt, muss die EU entscheiden, die sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben hat. 2700 Tonnen R134a sind im Jahr 2008 aus Pkw-Klimaanlagen entwichen, Tendenz steigend. Das entspricht dem Treibhauseffekt von 3,8 Millionen Tonnen CO2. Angesichts dieser Zahlen erscheint es fraglich, ob die EU der Autoindustrie einen weiteren Aufschub gewähren wird.

Alternative Kältemittel R744, R436b, Luft ...

Die Schukey-Maschine der Hamburger Firma Thermodyna kühlt mit Luft.

Das Kältemittel R1234yf ist nicht die einzige klimafreundliche Möglichkeit, ein Auto zu kühlen. Als Alternativen käme neben CO2 (R744) beispielsweise auch eine Mischung aus Propan und Isobutan (R436b) infrage. CO2-Klimaanlagen arbeiten wegen des höheren Systemdrucks mit anderen Kompressoren. Deshalb kosten sie in der Serienfertigung rund 50 Euro mehr als die bisher verwendeten Anlagen. Verschiedene Unternehmen wie Ixetic, Konvekta und Obrist haben die CO2-Klimaanlage zur Serienreife entwickelt. R436b dagegen wäre, wie auch R1234yf, in herkömmlichen Klimaanlagen nutzbar. Nachteil von R436b: Es ist explosiv, man müsste also zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen treffen, beispielsweise einen zweiten Kühlkreislauf oder ein Feuerschutzsystem. Immerhin entstehen beim Brand keine toxischen oder ätzenden Abbauprodukte wie bei R1234yf. Ganz ohne Kältemittel kühlt die Schukey-Maschine der Hamburger Firma Thermodyna.

R1234yf: Chronik eines Skandals

September 2007

Der Verband der Autoindustrie (VDA) bestimmt CO2 als Nachfolger des Kältemittels R134a.

Februar 2008

 Die Chemiekonzerne Honeywell und Dupont präsentieren die Fluorchemikalie R1234yf.

2008/2009

Deutsche Umwelthilfe (DUH) und Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) simulieren ein Leck in einer R1234yf-Klimaanlage. Es kommt zum Brand, Fluorwasserstoff wird in tödlicher Konzentration nachgewiesen.

September 2009

"Klimakiller Klimaanlage" – AUTO BILD berichtet über Sicherheitsbedenken bei R1234yf. Der VDA will es dennoch auf seine Eignung als Kältemittel prüfen.

Mai 2010

Der VDA entscheidet, dass künftig R1234yf und nicht CO2 das Kältemittel R134a ersetzen soll.

Februar 2011

"Eiskalt abkassiert" – Ein Pkw-Klimaservice mit R1234yf kostet voraussichtlich das Vierfache wie mit R134a.

September 2011

"Das Killer-Kältemittel" – AUTO BILD zeigt die Wirkung des R1234yf-Abbauprodukts Fluorwasserstoff an einem Schweinekopf vom Metzger. Chemieprofessor Andreas Kornath führt den Versuch durch und warnt vor R1234yf.

Oktober 2011

"Verschlusssache Killer-Kältemittel" – Weder VDA noch TÜV erklären sich bereit, ihre Gutachten zu veröffentlichen. Die sollen angeblich die Sicherheit von R1234yf bestätigen.

Januar 2012

 "Baustopp in China – Killer-Kältemittel auf der Kippe". Chinesische Behörden haben die Umweltauflagen für die R1234yf-Fabrik verschärft. Deren Fertigstellung wird sich um mindestens ein Jahr verzögern.

März 2012

 "TÜV-Segen trotz fehlender Tests" – AUTO BILD enthüllt, dass der TÜV Gutachten zur Unbedenklichkeit von R1234yf erstellte, ohne eigene Versuche durchzuführen. Inzwischen gelangt das erste Auto mit R1234yf-Klimaanlage auf den deutschen Markt, der Subaru XV.

April 2012

Die EU verschiebt wegen Lieferschwierigkeiten den Start von R1234yf offiziell auf den 1. Januar 2013. Damit ermöglicht sie der Autoindustrie, Pkw mit R134a weiter legal zuzulassen.

September 2012

Daimler gibt nach eigenen Tests die Abkehr vom Killer-Kältemittel R1234yf bekannt.

Autor: Frank Rosin

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