Shell V-Power im Vergleichstest

Shell V-Power im Vergleichstest Shell V-Power im Vergleichstest

Shell V-Power im Vergleichstest

— 11.06.2003

Wie viel Kraft steckt im Wundersprit?

Garantiert 100 Oktan, 100 Prozent Leistung: So bewirbt Shell das neue V-Power. Der AUTO BILD-Test klärt, was dieses Benzin wirklich kann.

V-Power auf Test und Messstrecke

Power ... wie? Richtig. "Wie-Pauer" spricht sich der 100-Oktan-Sprit, den Shell seit Anfang Mai in Deutschland – und nur hier – anbietet. Was bringt der Wundersprit in der Praxis? Die Muschel-Marke sagt Leistungs- und Beschleunigungswerte zu, die gegenüber Super (Oktanzahl 95 bis 98 ROZ bei Super Plus) um bis zu zehn Prozent höher liegen. Außerdem einen Drehmoment-Schub von bis zu fünf Prozent. Stolze Ansagen, die unglaublich klingen. Und die Neugier wecken: Birgt dieser Saft tatsächlich so viel Kraft?

Bereits im Artikel über die V-Power-Vorstellung (Heft 17/03) kündigten wir den Test an. Jetzt liegen die Fakten vor. Die Überraschung vorab: Bei einem Fahrzeug ergab V-Power eine geringe, aber zweifelsfrei messbare Minderleistung. Dazu später mehr. Zeitblende in die vergangene Woche. Unsere Teststrecken: die Rollbahn des Flugplatzes Lemwerder bei Bremen – also die AUTO BILD-Messstrecke für Beschleunigung und Durchzug – sowie der Rollenprüfstand des TÜV-Norderstedt. Auf dem ermittelt Prüfer Rolf Tiarks die Motorleistungen.

Als unabhängiger Fachmann dabei: Dr. Bruno Schulwitz von der GMA (Gesellschaft für Mineralöl-Analytik und Qualitätsmanagement) und Mitglied in Ausschüssen für Kraftstoffnormung. Shell ist vertreten durch Martin Lübbers, der an den V-Power-Flottenversuchen maßgeblich beteiligt war. Der Versuchsingenieur überwacht, ob bei unseren Messungen alles korrekt zugeht, und hilft immer wieder beim sorgfältigen Entleeren und Spülen der Kraftstoffsysteme. Das Fazit beider Spezialisten: keinerlei Beanstandungen an unserer Arbeit.

Zweimal mehr, einmal weniger

Als Erster rollt der Golf mit 95-Oktan-Sprit in die TÜV-Halle. Und verfehlt die Werksangabe von 110 PS erheblich: Im Mittel ergeben sich müde 104,3 Pferde. Mit 100 Oktan wirft er hingegen 110,2 PS auf die Rolle. Vorteil V-Power. Der sich auf der Asphaltbahn bestätigt: Der Golf zeigt die stärksten Differenzen zwischen Euro-Super und der neuen Rezeptur.

Danach tritt der BMW an. Ohne Sicherung der Fahrdynamikregelung – nur so ist Vollgas am Prüfstand drin. Super: 114,2 PS. V-Power: 118,9. Der Durchzug-Test untermauert später diesen Anstieg. Dafür steht es bei der Beschleunigung praktisch unentschieden. Zuletzt fährt der Passat auf den Prüfstand. 100 PS meldet das VW-Datenblatt, magere 94,9 der Nadeldrucker bei 95 Oktan. Und mit V-Power? Zerren nur noch 93,8 PS an der Rolle. Also 1,2 Prozent weniger.

Schulwitz, Lübbers, Tiarks – keiner der Fachleute kann sich darauf einen Reim machen, Messfehler sind ausgeschlossen. Und die Messtoleranz als Erklärung? Reicht nicht ganz – eine geringe Minderleistung bliebe dennoch bestehen. Shells versprochenes Power-Plus von zehn Prozent zeigt jedenfalls keiner der Kandidaten annähernd. Und die Beschleunigung, nach allgemeinem Verständnis der Spurt aus dem Stand, hat Shell nie gemessen. Sondern lediglich die Elastizität zwischen Tempo X und Tempo Y bei konstantem Gang. Das klärten spätere Gespräche.

Mogelpackung V-Power?

Sicher nicht, meint Dr. Schulwitz. Nur brächten wohl andere Vorgaben die zehn Prozent Mehrleistung: "Chip-Tuning etwa. Oder ein Turbo-Motor, dessen Klopfsensor den Ladedruck regelt." So einer steckt zum Beispiel im Saab 93 turbo. Kunden, die Riesensprünge bei Serien-Saugmotoren bejubeln ("180 statt 150 PS durch V-Power"), genießen bestenfalls den Placeboeffekt. Leistungsschub per Wunschdenken – ein alter Hut.

Und wie schlägt sich V-Power gegen 98 Oktan? Auch das haben wir auf dem Prüfstand getestet. Die Ergebnisse: Super Plus liegt beim Passat mit 94,1 PS in der Mitte, beim BMW hält es mit 113,3 sogar die rote Laterne. Der Golf bringt mit 98 ROZ indes 109,1 PS, nur ein Prozent weniger als mit V-Power. Für Schulwitz kein Wunder: "Super Plus liegt meist über 99, in Einzelfällen sogar über 100 Oktan." Außerdem: Als Einziger des Trios ist der Golf FSI für diese Qualität ausgelegt, 95 Oktan bewirken laut VW weniger Leistung.

Wodurch die erhebliche PS-Differenz zwischen Super und V-Power erklärt sein dürfte. Ein Zaubersprit ist das neue Shell also nicht. Aber einer, der die Konkurrenz leicht abhängt. Die Verbraucher werden entscheiden, ob das den Mehrpreis rechtfertigt. Noch sind nicht viele bereit, für V-Power so viel Geld hinzulegen. Einige Stationen sollen den Verkauf bereits aus eigener Tasche sponsern. Mit bis zu zehn Cent pro Liter.

So haben wir getestet

Testverlauf Für vergleichbare Resultate am Leistungsprüfstand müssen die Bedingungen genau stimmen. Bereits Abweichungen von etwa 10° C Lufttemperatur und 20 hPa (Hektopascal) Luftdruck können die Messungen um etwa 0,1 kW beeinflussen. Unsere Höchstabweichungen pro Auto: 4° C und 2 hPa. Auch im grünen Bereich: die Motoröl-Temperaturen, die pro Fahrzeug im Schnitt um maximal 5° C differierten. Der Druck der Antriebsreifen: generell 3,0 bar. Unsere ermittelten Leistungsdaten verstehen sich als Durchschnittswerte aus mehreren Prüfstand-Läufen.

Bei den Fahrdynamik-Vergleichstests ist wichtig, dass das Fahrzeuggewicht konstant bleibt. Dies kontrollierten wir mittels digitaler Radlast-Waagen. Die Windeinflüsse heben sich durch Messungen in gegensätzlichen Fahrtrichtungen weitgehend auf. Äußerste Sorgfalt auch beim Benzinsorten-Tausch: Das Entleeren und Spülen führten wir gemäß den Richtlinien des Shell-Labors durch. Zum Schluss ließen wir alle verwendeten Kraftstoffe auf ihre Oktanzahlen hin analysieren. Die Werte: Shell Euro-Super 95,8 ROZ (Research-Oktanzahl), Aral Super Plus 99,1 ROZ, Shell V-Power 100,0 bis 100,2 ROZ.

Testflotte Drei Benziner, drei Technologien: Der VW Passat 1.6 (Baujahr 95, 79.000 Kilometer, Werksempfehlung 95 Oktan) steht für die herkömmlichen Saugrohr-Einspritzer. Der VW Golf 1.6 FSI (Bj. 02, 22.000 km, 98 ROZ) vertritt die Klasse moderner Benzin-Direkteinspritzer, die Vorteile bei schwefelfreiem Benzin haben. Der BMW 316i (Bj. 2003, 1500 km, 95 ROZ) bietet die variable Ventilsteuerung Valvetronic, also BMWs jüngste Motormanagement-Generation. "Das erschließt alle Potenziale, die sich aus einer höheren Oktanzahl ergeben können", so die Münchner Autobauer. Wichtig: Jeder aus dem Trio verfügt über einen Klopfsensor und erfüllt laut Shell-Werbung somit die Grundvoraussetzung für einen Leistungsanstieg mittels V-Power.

Ist das V-Power-Leistungsplus illegal?

Ab über fünf Prozent Leistungsplus ist die Kfz-Betriebserlaubnis in Gefahr, warnt der Automobilclub von Deutschland. Unser Rechtsexperte Rolf-Peter Rocke gibt Entwarnung: "Bange machen gilt nicht. Abgesehen davon, dass V-Power ein nach DIN EN 228 zugelassener und für alle Ottomotoren geeigneter Kraftstoff ist, erlischt die Betriebserlaubnis nur, wenn das Fahrzeug technisch verändert wird. § 19 Absatz 2 der Straßenverkehrszulassungsordnung definiert, welche Änderungen das sind. Wenn nämlich: • die in der Betriebserlaubnis genehmigte Fahrzeugart verändert, also etwa ein Pkw zu einem Lkw umgebaut wird oder • Verkehrsteilnehmer durch die Änderung gefährdet werden oder • das Abgas- oder Geräuschverhalten verschlechtert wird. Nichts davon trifft auf den neuen Shell-Kraftstoff zu. Eine Toleranzgrenze von fünf Prozent gibt es hier nicht. Ob V-Power wirklich bis zu zehn Prozent mehr Leistung bringt, ist natürlich eine ganz andere Frage."

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