Sicherheitsrisiko Keyless Go

Sicherheitsrisiko Keyless Go

Dreiste Keyless-Klau-Aktion

Autoklau in drei Schritten! Keyless-Go-Diebe werden immer dreister und schneller, doch die Hersteller ergreifen keine Maßnahmen. Aber sehen Sie selbst!
Dank Keyless-Go müssen Autodiebe kaum noch einen Finger krümmen. Besonders eindrucksvoll beweist das ein neues Video aus Großbritannien. Zwei Diebe sind nach knapp 60 Sekunden unterwegs mit einer C-Klasse (W 205) von Mercedes-Benz. Einer der Diebe geht mit einem Tablet-großen Gerät in die Nähe der Garage, während der andere Langfinger bereits die Hand am Türgriff hat. Keine zehn Sekunden später ist der Wagen offen, und wenige Sekunden später läuft der Motor. Danach machen sich die beiden aus dem Staub, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Continental setzt auf Bewegungssensor

Keine Chance für Langfinger! Der Continental-Schlüssel kann im Haus und auf der Straße Schutz bieten.

Jüngst hat der Regensburger Auto-Zulieferer Continental ein Keyless-Go-System entwickelt, das Auto-Klau zukünftig verhindern könnte. Bei dieser neuen Technologie ist der berührungslose Schlüssel mit einem Bewegungssensor ausgestattet: Sobald er nicht bewegt wird, geht er komplett offline und sendet keine Signale, die abgefangen werden können. Doch: Von 21 befragten Autoherstellern kündigen nur BMW, Ford und Mercedes an, den Bewegungsmelder in ihre Schlüssel zu integrieren. Porsche, VW und Audi verweisen auf alternative Technologien, die derzeit erprobt werden. AUTO BILD-Redakteur Claudius Maintz weist darauf hin: "Der Bewegungssensor kostet maximal 40 Cent. Ein Autoschlüssel würde in Großserienproduktion nur zehn bis 15 Prozent teurer. Doch selbst diese geringen Mehrkosten für mehr Sicherheit wollen die meisten Autohersteller nicht investieren."
Auto-Aufbruch: Was ist versichert?

Nächster Schritt der Continental-Ingenieure: Bewegungsprofil

AUTO BILD-Redakteur Claudius Maintz wirft der Autoindustrie vor, am falschen Ende zu sparen.

Technisch sind die Entwickler von Continental sogar schon einen Schritt weiter: Sie haben Auto und Schlüssel beigebracht, Bewegungsabläufe von Menschen zu erkennen, die zu ihrem Auto gehen. Nur mit diesem hinterlegten Bewegungsprofil, das Hacker bislang nicht knacken können, öffnet sich das Fahrzeug. So ließe sich das nächste Klau-Szenario verhindern: der Funkangriff auf Autobesitzer, die mit dem aus dem Schlafmodus geweckten Schlüssel in der Tasche unterwegs sind – etwa im Supermarkt. Diese Technologie hat bisher allerdings noch kein Hersteller geordert. "Die Autoindustrie hinkt den findigen Kriminellen hinterher und spart am falschen Ende. Wenn die Autobauer nicht auf die sicherste aller verfügbaren Technologien setzen, sind die Leidtragenden am Ende die Kunden", sagt Maintz.

ADAC kommt auf das gleiche Ergebnis wie AUTO BILD

Denn Autos mit Keyless Go lassen sich mit simplen Mitteln knacken. Nachdem AUTO BILD Sicherheitslücken bei schlüssellosen Autos aufgedeckt hatte, bemängelte der ADAC in einem groß angelegten Keyless-Go-Test 100 Automodelle. Mit dabei: VW Golf 7, fast alle Audi-, BMW- und Ford-Modelle und die Mercedes E-Klasse. Auch Nissan Qashqai, Opel Astra und Renault von Captur bis Traffic waren für die langfingrigen Funker laut ADAC kein Problem.

Probe aufs Exempel: AUTO BILD knackt Autos

Video: Digitaler Autoklau

So unsicher ist Keyless Go

Die ADAC-Ergebnisse belegen die Erkenntnisse, die AUTO BILD bei einem eigenen Test gemeinsam mit zwei Aktivisten vom Chaos Computer Club Aachen (CCCAC) auf einem Supermarkt-Parkplatz gewonnen hat: Keyless-Go-Autos knacken ist simpel. Das Ziel: aufzeigen, wie unsicher Keyless Go-Autoschlüssel sind. Denn es gibt Langfinger-Banden, die sich auf Keyless-Go-Autos spezialisieren. Allein in Köln wurden im Jahr 2016 gut 50 Autos mit Keyless Go geklaut. In Potsdam rät die Polizei davon ab, auf der Straße oder im Carport zu parken. Und Berlins Polizei warnt vor Funkpiraten, die das Signal des Schlüssels abfischen, wenn er im Hausflur hängt. Deshalb der Straßentest. Er wurde in Anwesenheit und mit Erlaubnis der Besitzer durchgeführt. Die Panzerknacker: Matthias Rötsch und Robin Mahlke vom Chaos Computer Club sowie Claudius Maintz von AUTO BILD.Unter den Testobjekten: ein Ford S-Max, ein Renault Mégane Cabrio, ein Toyota Auris, ein Nissan Qashqai, ein 5er BMW und ein Audi A8.
Diebstahlsicherung fürs Auto

Auto Alarmanlagen

GPS Tracker

Lenkradkrallen

elektronische Wegfahrsperren

Parkkrallen

Abschirmhüllen

Familienauto geht auf, Motor springt an

Mit Hilfe des verlängerten Funksignals konnte Matthias Rötsch den S-Max von Familie Quack einfach öffnen.

Erster Testkandidat war ein nagelneuer Ford S-Max der Familie Quack. Den Schlüssel hatte Besitzer Patrick Quack in der Hosentasche. Sicher, wie er glaubte. Das Panzerknacker-Team fragte: "Entschuldigung, dürfen wir Ihr Auto knacken?" Sie durften. Während Rötsch sich direkt an die Fahrertür des Ford stellte und den Türgriff anfasste, rückte Mahlke dem Ford-Besitzer auf die Pelle. Bereits nach wenigen Sekunden hatte das Stellungsspiel Erfolg. Es machte klick, die Blinker leuchteten kurz auf, Rötsch konnte einsteigen. Und damit nicht genug: Ein CCCAC-Aktivist hielt seinen Stoffbeutel neben das Lenkrad, drückte den Startknopf. Der Motor sprang an, der Neuwagen konnte den Besitzer wechseln, Rötsch später in aller Ruhe einen neuen Schlüssel anlernen. Patrick Quack war baff: "Das kann doch nicht angehen! Die Hersteller müssen hier mehr machen."

Ranking zum Autoklau in Deutschland

Technische Lösungen werden laufend angepasst

Video: Keyless Klau

Digitaler Auto-Diebstahl

Gleiches Spiel beim Renault Mégane Cabrio von Sabine Froesch. Die Sprecherin und Moderatorin aus Aachen kam gerade aus dem Baumarkt, wollte in ihren Wagen steigen. Wieder die gleiche Frage: Dürfen wir? Ja! Und erneut klappte die Nummer mit den Stoffbeuteln, Sabine Froesch war entsetzt. "Das ist enttäuschend. Von den Herstellern kann ich als Kundin erwarten, dass zumindest den bekannten Klaumethoden etwas entgegengesetzt wird." Doch danach sieht es nicht aus: "Wir passen unsere technischen Lösungen permanent an, um die Sicherheit unserer Fahrzeuge gewährleisten zu können. Wenn es der Kunde wünscht, kann er problemlos die Keyless-Entry-Funktion deaktivieren", lautete Renaults lapidare kurz nach dem Test.
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"Keyless Go? Zu unsicher"

Nächster Versuch, ein Kia. Doch dessen Besitzer kannte sich aus: "Keyless Go? Zu unsicher, ich bin Funkamateur, würde das nie bestellen", sagte er und drückte – ganz klassisch – auf den Knopf auf seinem Schlüssel. Genauso öffnete auch Peter Rockel aus Aachen seinen drei Jahre alten Toyota Auris. Der Motor aber sprang auch ohne Zündschloss an, der Wagen hatte Keyless Start. Und auch hier war die Signalverlängerung ein Kinderspiel. Motorstart möglich, obwohl der Funkschlüssel zehn Meter entfernt in Rockels Hosentasche war. "Ich habe es befürchtet", sagte der Lehrer frustriert. Und Toyota? Bei den Japanern heißt Keyless Go "Smart Key", der smarte Schlüssel öffnet bei vielen Modellen auch die Türen. "Die Keyless-Funktion lässt sich per Knopfdruck leicht deaktivieren – etwa beim Parken in unsicheren Gegenden. Kriminelle Energie wird man aber auch durch beste Abwehrtechnik nicht nachhaltig bekämpfen können", so ein Sprecher.

So günstig ist ein Reichweitenverlängerer

"Derzeit sind keine Maßnahmen verfügbar, die das Öffnen mittels Signalverlängerungs-Werkzeugen prinzipiell verhindern", hieß es bei Ford. 90 Euro steckten im Funkreichweitenverlängerer von AUTO BILD und CCCAC. Das simpel konstruierte Gerät verlängert zunächst das Abfragesignal des Autos an den Schlüssel. Dieses entsteht, sobald jemand den Türgriff – je nach Modell – zieht, berührt oder einen kleinen Knopf am Auto drückt. Der Schlüssel in der Hosentasche empfängt das (verlängerte) Abfragesignal und sendet ein Öffnungssignal zum Auto. Dieses kann ebenfalls verlängert werden. Das Auto glaubt, der Originalschlüssel sei in der Nähe, Tür öffnen und Motor starten sind möglich.

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Es besteht Handlungsbedarf bei Keyless Go

Auch Luxus-Modelle wie der Audi A8 sind nicht sicher mit Keyless Go. Dieser ließ sich jedoch nicht knacken.

Ohne Autoklau-Apparat würde das Abfragesignal maximal einen bis zwei Meter weit reichen. Wirklich sicher sind Funkschlüssel nur im Kühlschrank oder in speziell abgeschirmten Taschen, die mittlerweile angeboten werden.

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Unbeteiligte tragen Keyless-Risiko mit

Und am Ende tragen selbst solche Autofahrer das Keyless-Risiko über ihre Kaskoversicherung mit, die sich wegen Sicherheitsbedenken bewusst gegen den automatischen Türöffner entschieden haben. Schuld daran ist die relativ grobe Einteilung von Autos in Typklassen, die Ausstattungen unberücksichtigt lässt. Ebenso wenig belohnen Versicherungen freiwilligen Diebstahlschutz – etwa durch Smartphone-Apps. Mithilfe der BlueID-Technologie zum Beispiel tauschen App und Auto vor Türöffnung und Start verschlüsselte Codes aus. Bei Carsharing-Autos ist die Technik bereits im Einsatz.

Volvo-App statt Autoschlüssel

Nur wenige abschaltbare Keyless-Systeme

Freiwilliger Diebstahlschutz durch Smartphone-Apps wird von den Versicherern bisher nicht belohnt.

Alternativ sind auch Alarmanlagen und Wegfahrsperren ein Hemmnis, die durch einen kleinen Zusatzsender entschärft werden müssen. Die Signale dieser "Tokens" sind in der Regel auf anderen Frequenzen unterwegs als die Keyless-Schlüssel. Diese ebenfalls zu überbrücken, ist noch zu aufwendig. Sinnvoll ist auch der abnehmbare Startknopf einiger Mercedes-Modelle. In ihm steckt der Empfänger für das Funksignal. Kaum verbreitet sind Keyless-Systeme, die sich per Knopfdruck abschalten lassen. Hier sehen Sie, wie der Anti-Klau-Schlüssel und "Keyless Klau" funktionieren.

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