Test Continental Flying Spur/S 600

Test Continental Flying Spur/S 600

— 07.06.2007

Womit ist mehr Staat zu machen?

Michael Menck ist Wagenmeister im Edel-Hotel "Vier Jahreszeiten" und kennt sich aus mit Luxus. Er hat fr uns die feinen Manieren von Bentley Continental Flying Spur und Mercedes S 600 getestet. Hier sein staatstragendes Urteil.

Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, an denen die imposante Erscheinung eines Bentley nichts weiter als ein unterkhltes Kopfnicken auslst. Das Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten ist so einer. Wer hier absteigt, lebt auf der Sonnenseite des Lebens und lernt dort bei der Ankunft Wagenmeister Michael Menck kennen. Wrdevoll ffnet er die hintere Tr des Continental Flying Spur. Kein "Oh". Kein "Ah". Und natrlich auch kein Pfiff. Nur ein "Herzlich willkommen im Vier Jahreszeiten. Ein schnes Auto haben Sie." Wahnsinn, was fr ein Gefhl. Und wieso vier Jahreszeiten? Wer so anreisen darf, kennt eigentlich nur zwei: Frhling und Sommer. Meister Menck dosiert Gefhlsregungen mit der Przision eines Sstoffspenders. Autoritt und Charme sind exakt austariert. "Diskretion", sagt er, "geht ber alles."

Heute sagt Herr Menck seine Meinung

Meister Menck kennt sich mit Luxus aus: Er verglich Bentley und Mercedes.

Heute nicht. Heute darf er sagen, was er wirklich denkt. Nicht ber seine Gste, sondern ber zwei ihrer bevorzugten Luxuslimousinen: Mercedes S 600 und Bentley Continental Flying Spur. Fr AUTO BILD hat der 49-Jhrige die beiden Luxusliner genau analysiert und seinen persnlichen Favoriten gekrt. Keine leichte bung, denn beide Modelle bieten automobile Technik auf hchstem Niveau. Spitze sind sie auch im Preis: Den Flying Spur gibt es ab 171.836 Euro, Mercedes verkauft seinen S 600 "schon" ab 151.130 Euro. Dass Bentley seit einigen Jahren zum VW-Konzern gehrt, ist nicht zu bersehen. Menck jedenfalls bemerkt sofort die Verwandtschaft: "Armlehnen, Lenkrad und Schalter erinnern mich an den Phaeton", sagt er.

Mit sattem Grollen rollt der Flying Spur an der Alster entlang.

Sofort findet er den roten Startknopf. Zum ersten Mal in seinem Berufsleben geht es nicht direkt in die Tiefgarage, sondern quer durch die Stadt und dann auf die Landstrae. Mit sattem Grollen rollt der Flying Spur an der Alster entlang. Zurckhaltung kennt der Bentley nicht. Weder optisch noch akustisch. Mit seiner wuchtigen Front, den groflchigen Flanken und breitem Rcken ist er aus jeder Blickrichtung eine imposante Erscheinung. Der Zwlfzylinder in W-Form VW lsst erneut gren ist stets prsent. Menck gefllts. Nach jeder roten Ampel tritt er krftig aufs Gas. Wie ein wtender Elefant strmt der 2,6-Tonner nach vorn. Sptestens nach drei Sekunden muss er lupfen. Denn so schnell ist der 560-PS-Koloss auf Tempo 60, und Menck luft Gefahr, seinen Fhrerschein zu verlieren. Das wre in seiner Position gar nicht gut. Natrlich reizt die Topgeschwindigkeit. Der Allradler ist nicht abgeregelt und soll 312 km/h laufen. Doch dafr gibt es um Hamburg keine geeignete Strecke.

Feudale "britishness" im Cockpit

Edel mit Wurzelholz, Chrom und Leder: das Bentley-Cockpit.

Auch sonst wo drfte es schwierig werden, den Flying Spur an sein Limit zu treiben. Macht nichts. So bleibt wenigstens Zeit, sich dem schnen Innenraum zu widmen. "Ziemlich gut", seufzt Menck und betastet den mchtigen Metall-Schaltknauf. "Wie aus dem Vollen gefrst." Die groen Luftdsen glnzen, edel eingebettet in Wurzelholz. Daneben liegen antiquierte Zugschalter und sollen wohl so was wie "britishness" ins feudale Cockpit zaubern. "Na ja, Englnder eben.", bemerkt Menck trocken. ber die Elbchaussee gleitet der Bentley zurck zum "Vier Jahreszeiten". Hamburgs Prachtstrae ist stellenweise in einem miserablen Zustand. Trotz Luftfedern stampft der Nobeldampfer eine Spur zu ungeschmeidig ber die Frostaufbrche. Mit einem letzten Gassto verschwindet der Englnder in der Tiefgarage.

Der S 600 ist zierlicher, eleganter und weniger protzig als der Engländer.

Nach fnf Minuten taucht Menck im S 600 wieder auf. Die Stuttgarter Vorzeige-Limousine gibt es nur in Langversion mit 3,16 Meter Radstand. Das L-Kennzeichen auf dem Heckdeckel wie bei S 350, S 450 und S 500 hat er nicht. Um den Sozialneid in Grenzen zu halten, verzichten ohnehin viele S-600-Eigner auf den Schriftzug am Heck. Und das ist sogar kostenlos. Ganz klar: Mit dem Mercedes ist weniger Staat zu machen als mit dem Bentley. Nur doppelte Auspuffendrohre und V12-Embleme an den vorderen Kotflgeln dienen als Machtinsignien der nach dem S 65 AMG teuersten S-Klasse. Obwohl nur zehn Zentimeter krzer als der Flying Spur, wirkt der Mercedes zierlicher, eleganter, weniger protzig und ohne den Sendungsdrang des Englnders. Unterm Blech sind sie sich indes deutlich hnlicher. Wie im Bentley machen auch im Benz zwei Turbolader Druck. Allerdings betrgt die Maximalleistung "nur" 517 PS, dafr liegt sein Drehmomenthoch bei 830 Newtonmetern.

"Schwere Koffer gehen viel besser in den Mercedes"

Wichtiges Detail: Der Mercedes lässt sich leichter beladen.

Da der bei den schwcheren S-Klassen verbaute Siebenstufen-Automat so viel Kraft nicht bertragen kann, muss der S 600 mit dem Fnfstufen-Getriebe auskommen. Auch 4Matic ist fr den Zwlfzylinder nicht zu haben. Das ist kein Nachteil. Der Schub setzt sanft und druckvoll ein. Mit weichen Gangwechseln und leisem Suseln gleitet die Biturbo-Limousine dahin. Erst bei Vollgas macht sich das 5,5-Liter-Aggregat durch heiseres Fauchen bemerkbar. Der rund 250 Kilo leichtere Mercedes ist viel agiler. Das sprt auch Testfahrer Menck: "Viel handlicher und flinker", sagt er. Stimmt! Aus dem Stand auf Tempo 200 spurtet der Mercedes 1,4 Sekunden schneller und strmt brutal in den 250- km/h-Begrenzer. "Liegt super", meint Menck. Kein Wunder: Luftfahrwerk samt Anti-Wankprogramm (Active Body Control) sind serienmig an Bord und schaffen einen berlegenen Abrollkomfort.

Wagenmeister Menck urteilt: "Ich würde die S-Klasse nehmen."

Auch das Interieur hat es dem Hotelangestellten angetan: "Die Sitze sind superbequem." Und dann folgt eine Aussage, die eher den Chauffeur als den S-600-Eigner berhren drfte: "Schwere Koffer gehen viel besser in den Mercedes, weil die Ladekante niedriger ist." Darum: Chefs, denkt an Euer Personal. Und an Michael Menck. Der "Vier Jahreszeiten"-Mitarbeiter jedenfalls hat sich enschieden: "Ich wrde die S-Klasse nehmen." Warum? Ganz einfach: "Der hat diesen unvergleichlich schnen Stern auf der Motorhaube. Das hilft beim Rangieren in enge Parklcken."

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Jrg Maltzan

In der automobilen Luxuswelt diesseits von Maybach und Rolls-Royce stehen Bentley Continental Flying Spur und Mercedes S 600 fr verschiedene Stilrichtungen. Dabei kann der Bentley dem Benz nur in puncto Exklusivitt das Wasser reichen. Die deutsche Zwlfzylinder-Limousine wirkt dezenter, berzeugt mit besseren Fahrleistungen.

Das Hotel Vier Jahreszeiten

Die Luxusherberge wurde 1897 von F. Haerlin an der Hamburger Binnenalster gegrndet. Schon zur Kaiserzeit stieg hier gern die Prominenz ab. 1945 wurde sie Hauptquartier der britischen Besatzer. Ab 1952 war das Hotel wieder Treffpunkt der Schnen und Reichen. Auch heute noch zhlt es zu den besten der Welt und bietet 157 Luxuszimmer. Preise: ab 230 Euro fr Einzelzimmer, bis 4000 Euro fr die Prsidentensuite.

Autor: Jrg Maltzan

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