Wir hätten die Geschichte auch anders aufziehen können. Nach dem Motto: Wie viel Fahrspaß bekomme ich für rund 50.000 Euro? Und wenn Sie jetzt nach oben schauen und sich die Augen reiben und fragen, was da der Golf zu suchen hat. Dieser aktuelle GTI geht bei 45.710 Euro los, mit emissionsfreundlichen 17-Zöllern und normalem Fahrwerk. Packt man andere Räder drauf und macht die Dämpfer aktiv, dann ist man schon bei über 48.000 Euro.
Spötter am Stammtisch würden jetzt gern sagen, dass man dafür doch schon ein richtiges Auto bekommt. Ja, zum Beispiel einen BMW 2er. Ein 230i Coupe. Wobei der mit 53.300 Euro nochmals einige Tausender mehr kostet als der GTI. Aber gut, Premium-Marke und Coupé-Aufschlag machen sich halt bemerkbar.
Bei aller Liebe zum GTI, aber so einem Zweier sieht man die Kohle viel deutlicher an. Wertigere Materialien, großes Curved Display, dicke Endrohre links und rechts. Und mit dem 3350 Euro teuren M-Sport-Pro-Paket gibt's nun auch noch einen Tick, wie der Name schon sagt, mehr Sport.
BMW 230i Coupé M Sport gegen VW Golf GTI
Erst wenn die Michelins weich sind, fährt der 230er spaßig und schnell. Das Grinsen unterm Helm war breit.
Bild: Ronald Sassen
Pro was? Für Profis, oder wie? Nein, da gibt es kein Gewindefahrwerk und auch keine Semislicks, aber ein durchaus umfassendes Basisprogramm für dynamischere Gelüste: sportlichere Optik mit den Aerodynamik-Komponenten des regulären M-Sport-Pakets, schwarze Shadow Line mit erweiterten Umfängen, die auf glänzendes Chrom verzichtenden M-Leuchten sowie schicke 18 Zöller mit Mischbereifung und Michelin-Pellen. Auch das Fahrwerk hat bei diesem Paket eine etwas straffere Abstimmung. Lediglich die Sportsitze sind noch eine anklickbare Sport-Option (990 Euro). Macht zusammen dann doch etwas über 57.000 Euro.
Motorbauart/Aufladung 
R4, Turbo 
R4, Turbo 
Ladedruck max. 
1,1 Bar 
1,0 Bar 
Einbaulage 
vorn längs 
vorn quer 
Ventile/Nockenwellen 
4 pro Zylinder/2 
4 pro Zylinder/2 
Hubraum 
1998 cm³ 
1984 cm³ 
Bohrung x Hub 
82,0 x 94,6 mm 
82,5 x 92,8 mm 
Verdichtung 
10,2:1 
9,6:1 
Leistung kW (PS) bei 1/min 
180 (245)/4500-6500 
195 (265)/5000 
Literleistung 
123 PS/l 
134 PS/l 
Drehmoment Nm bei 1/min 
400/1600-4000 
370/1600-4500 
Getriebe 
Achtstufenautomatik 
Siebengang-Doppelkupplung 
Antriebsart 
Hinterrad 
Vorderrad 
Maße L/B/H
4537/2068/1390 mm 
4289/2073/1471 mm 
Radstand 
2741 mm 
2627 mm 
Tank-/Kofferraumvolumen 
52/390 l 
50/374-1230 l 
WLTP-Verbrauch auf 100 km 
6,6 l Super 
7,1 l Super 
Testwagenpreis
57.640 Euro
48.220 Euro
Ein M240i? Startet 6000 Euro höher in der Liste. Hinzu kommt, dass der 240er nur noch als Allrad erhältlich ist. Insofern markiert der 230er so etwas wie den puristischen Einstieg ins Fahrvergnügen, wenngleich er natürlich Lichtjahre von einem M2 entfernt ist. Das ist eben kein echter M. Deswegen muss sich der Münchner auch mit einem Golf GTI und nicht mit einem R herumbalgen.

Leistung und Geschwindigkeit im Vergleich

Kommen wir zu den typischen Stammtischfragen. Wie viel Leistung und wie schnell? Laut Datenblatt leistet der Zweier 245, der Golf 265 PS. Beide mit Zweiliter-Turbo-Triebwerken, beim BMW längs, beim VW quer eingebaut. Zwar zählen beide mit ihren fast 1,6 und knapp über 1,4 Tonnen immer noch zum automobilen Mittelgewicht, doch schlägt die Waage im Fall des BMW 137 Kilogramm höher aus. Heißt auf gut Deutsch: Der 230 schleppt ein Kilogramm pro PS mehr mit sich herum als der Golf. Null auf 100 km/h sollen beide in 5,9 Sekunden schaffen. Auch beim Topspeed herrscht mit jeweils abgeregelten 250 Sachen Gleichstand. Bevor wir die beiden auf Straße und Sachsenring loslassen, steigen wir jedoch erst mal zu einer Sitzprobe ein.
BMW 230i Coupé M Sport gegen VW Golf GTI
Das im Vergleich zu den Sechszylindern geringere Gewicht ist auf der Vorderachse des BMW tatsächlich spürbar.
Bild: Ronald Sassen
BMW: Sitze und Sitzposition sind auf den Punkt. Hinten wird vermutlich eh niemand Platz nehmen, wir haben es dennoch probiert. Es geht, sofern der Perso nicht mehr als 1,60 Meter bescheinigt. Der Kofferraum geht mit 390 Litern in Ordnung. Das Lenkrad liegt gut in der Hand, die Schaltpaddles sind hochwertig, groß und griffig, das Infotainment im Curved Display ist gut und intuitiv bedienbar. Assistenz-Geschwader ausschalten? Erfordert leider jedes Mal umständliche Finger-Expeditionen in irgendwelche Untermenüs. Deutlich zugänglicher sind da schon die Sport-Modi. Ein Klick auf die Taster in der Mittelkonsole, und man kann bis Sport Plus nachschärfen. Klingt umfassend, meint letzten Endes aber nur die Schärfegrade von Lenkung und Gaspedal. Das Fahrwerk ist hier nicht verstellbar.

VW Golf GTI: Fahrwerk und Sitzposition

Beim GTI kann man das optionale Adaptivfahrwerk sogar noch härter oder weicher drehen als "Comfort" oder "Sport". Das geht per Fingerwisch über das Individual-Menü. Die serienmäßigen Karositze und die Sitzposition sind im Vergleich zum BMW deutlich höher. Das Carbon im Cockpit sieht zwar echter aus als im 230, kostet aber auch heftige 950 Euro extra. Das Sportlenkrad ist gelungen, die darauf positionierten Taster sind wieder echt. Leider sind die Schaltpaddles zu klein geraten. Zudem fühlen sie sich im Vergleich zum BMW deutlich billiger an, insbesondere was den haptischen Druckpunkt angeht, den man hier als eher labberig bezeichnen kann.
BMW 230i Coupé M Sport gegen VW Golf GTI
Schwarze Matrix-Scheinwerfer gibt’s mit dem 1700 Euro teuren Design-Paket "Black Style".
Bild: Ronald Sassen
Infotainment? 2019 im Vorgänger ein echtes Desaster. Dahingehend ist die Software der nun vierten Generation ein klarer Fortschritt. Die Menüs sind strukturierter, viel schneller erreichbar, und es gibt noch mehr Möglichkeiten zur Individualisierung. Über eine neue Spiele-App kann man sich jetzt auf dem Parkplatz mit Schach oder "Mario Kart" die Zeit vertreiben. Auch die Klimasteuerung ist nun endlich gelungen.
ESP ausschalten? Ebenfalls eleganter gelöst! Und noch etwas ist deutlich sportlicher und schöner als im BMW: der mittige Drehzahlmesser, der hier noch ein echtes Rundinstrument animiert. Gut, den anschwellenden Balken darüber bräuchten wir nicht. Doch das ist wie immer eher eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Motoren im Vergleich: Klang und Charakter

Starten wir die Motoren, ab auf die Piste. Im Stand klingt das VW-Aggregat deutlich rauer und kräftiger als der B48 genannte Vierzylinder im BMW. Dafür ist die Zweier-Maschine in Sachen Ansprechverhalten, Durchzug und Dosierbarkeit ein echtes Sahnestück unter den Turbo-Vierzylindern. Die Leistung? Ist gemessen am M-Portfolio natürlich überschaubar; doch das ändert nichts daran, dass sich der Vierzylinder subjektiv wirklich gut verkauft. Besser sogar als der aus Wolfsburg.
Wobei der GTI-Motor sicher auch nicht zu den Langweilern zählt. Ganz im Gegenteil. Der gute alte EA888 in nunmehr vierter Generation pumpt gleichmäßig und druckvoll übers Drehzahlband, dreht sogar einen Hauch agiler aus und knurrt dabei zumindest innen ein ziemlich lustvolles Ständchen. Doch ohne Flachs, der BMW-Motor hat gefühlt immer ein bisschen mehr Bock; und er klingt ebenfalls überraschend gut. Sogar hinten aus dem Auspuff.
BMW 230i Coupé M Sport gegen VW Golf GTI
Wir haben es schon so oft bemängelt, liebe VWler: GTI und dann so eine triste Motorabdeckung?
Bild: Ronald Sassen
Nur wenn es um die nackten Zahlen geht, macht der Golf dann doch das Rennen. Und zwar vom Stand weg, was angesichts der Tatsache, dass sein Frontantrieb eigentlich im Nachteil sein sollte, dann doch überrascht. Die Launch Control des GTI kuppelt mittlerweile richtig gefühlvoll ein, trifft das Traktionslimit vom Stand weg gut. Und im weiteren Verlauf macht sich wiederum das deutlich bessere Leistungsgewicht bemerkbar. So stehen am Ende auf Tempo 200 ganze drei Sekunden Vorsprung zu Buche – deutlich mehr, als wir erwartet hätten.

Bremsen: gleichauf auf hohem Niveau

Beim Bremsen sind sich beide wieder einig, hohe 32 Meter aus Tempo 100 sind sehr gute Werte in dieser kompakten Klasse. Fading oder langes Pedal nach der zehnten Vollbremsung? Fehlanzeige! Generell ist das Pedalgefühl bei beiden ebenbürtig. Man weiß immer, was an der Vorderachse los ist, Autobahn-Tempo 200 und oft mal schnell runter auf 80, geht. Da kocht nichts.
Und dazu kurven die beiden auch noch richtig gut – jeder auf seine Weise. Ohne die ganzen M-Zusatzstreben und Versteifungen ist der Brot-und-Butter-2er nicht gar so starr, bockelig und unter Dauerzug, was ungeachtet der ganzen Präzision, die dabei flöten geht, irgendwie eine lockere Beschwingtheit ins Handling bringt. Die Bewegungen sind fließender, die Übergänge weicher. Und die Front trotzdem auf Zack; allen voran, weil man ihr den leichteren Vierzylinder wirklich anmerkt.
BMW 230i Coupé M Sport gegen VW Golf GTI
Der Zweier schaut mit seiner matten Lackierung (2670 Euro) deutlich potenter aus, als er eigentlich ist.
Bild: Ronald Sassen
Da kann der Golf GTI als Fronttriebler natürlich nicht ganz mithalten. Obwohl er sein Fach mittlerweile exzellent beherrscht. Viel Grip, viel Seitenführung, viel Traktion. Die Zeiten des ewigen Untersteuerns sind längst gezählt. Allerdings bekommt der Basis-GTI halt auch seinen Hintern nicht wirklich hoch, wie etwa der fahraktivere Clubsport. Folge: eine extrem souveräne, letztlich aber auch ziemlich nüchterne Kurvenperformance.

Sachsenring: Schnell vs. spaßig

Zum Vergleichstest gehört natürlich auch eine Runde auf dem Sachsenring. Der GTI kann hier seinen Gewichtsvorteil ausspielen. Er lässt sich leichter und linientreuer um die Ecken biegen als der BMW. Wir nehmen es vorweg, der Golf ist schneller als der BMW und obendrein auch noch acht Zehntel flotter als sein 245 PS starker Vorgänger, der damals auf den gleichen Bridgestone-Gummis angetreten war.
Antrieb 
60 
30 
32 
Bremse 
40 
23 
24 
Fahrwerk 
60 
34 
43 
Lenkung 
40 
27 
28 
Rundenzeit 
50 
15 
18 
Emotionen 
50 
32 
31 
Alltag 
50 
35 
37 
Kosten 
50 
35
38 
GESAMT
400
231
251
Aber nicht immer ist schneller auch fahrspaßiger. Womit wir wieder zum 230er kommen. Der ist zwar auf dem Sachsenring fast zwei Sekunden langsamer, aber die Runde macht dafür doppelt so viel Spaß. Vorausgesetzt, man hat seine Michelin-Pellen gute zwei Runden weich gekocht. Denn dann legt der Zweier einen derart spielerischen Quertrieb an den Tag, wie wir ihn zuletzt nur bei der Alpine A110 erlebt haben. Quasi die ganze Runde immer in Bewegung. Der 230er lässt sich in feinster Rallyemanier um die Hochachse bewegen. Der schwingende Aufbau schubst die Fuhre da hin, wo man sie haben möchte. Die Vorderachse ist stabil, man hakt sich quasi in den Scheitel oder ins Gras und lässt es fliegen.
Wäre der 230 günstiger, so wäre er ein absoluter Geheimtipp. Ein echtes Spaßgerät mit großartigem Vierzylinder. Der GTI fährt unglaublich geschliffen, stabil und längs wie quer sehr effektiv. Der Kick des BMW geht ihm aber ab.