Audi Nuvolari: neuer Supersportwagen zeigt die Zukunft der Marke
Aus dem Vollen gefräst

Audi versucht mit dem Supersportwagen Nuvolari den Befreiungsschlag. Doch das gelingt nur unter einer Bedingung.
Bild: Audi
Und ja, der Nuvolari basiert auf dem Lamborghini Temerario: Vierliter-Biturbo-V8-Hybrid mit zwei Elektromotoren an der Vorderachse und einem dritten zwischen V8-Motor und Getriebe. Allerdings bleibt die Nähe zu Lamborghini noch besser verborgen als beim damaligen R8 – erkennbar ist sie höchstens an der Abgasanlage am Heck.
Beim Rest hat das kleine Team rund um den neuen Technologie-Chef (CTO) Rouven Mohr alles gegeben: In einem eineinhalbjährigen Geheimprojekt sollte Audis neues Leuchtturm-Modell unverwechselbar werden – das ist gelungen.
Das Design nimmt Anleihen am Concept CC, der schmale Grill prägt das neue Markengesicht. Mit seinen aerodynamisch gestalteten Öffnungen wirkt er zugleich funktional und einladend. Dieser Anspruch zieht sich durch den gesamten Audi Nuvolari: Die Materialien stehen klar für das, wofür Audi bekannt ist – höchste Qualität. Angesichts eines Preises von über einer halben Million Euro ist das allerdings auch zu erwarten.

Der Audi Nuvolari zeigt sich als radikales Hybrid‑Supercar mit über 1000 PS.
Bild: Audi
Der gesamte Nuvolari wirkt wie aus einem Block gefräst – mit klaren Kanten, aber ohne Sicken. Das erinnert mich (positiv) an Tesla Cybertruck und Cybercab und ist zugleich eine Herausforderung für Designer. Sehr modern, mit großen Flächen, die besonders an den hinteren Seitenteilen dominieren. Alles besteht aus Carbon und kann wahlweise lackiert oder in Sichtcarbon ausgeführt werden.
Die Motorraumabdeckung am Heck besteht aus einem durchgehenden Metallgrill, der auch haptisch überzeugt. Eine einfachere und günstigere Lösung wäre ein dreigeteilter Grill gewesen, vor allem im Hinblick auf die Toleranzen der Seitenteile. Doch genau das zeigt den Anspruch: Hier wird nicht gespart.
Die Leichtbauweise drückt das Gewicht des Hybrid-Supersportlers auf unter 1,7 Tonnen – auf dem Niveau des Lamborghini Temerario.
350 km/h Spitze und über 1000 PS
Die Heckpartie geht in einer Linie in den ausfahrbaren Spoiler über. Dafür wurde sie leicht verlängert und in der Anströmung angepasst, sodass die Abrisskante nicht zu stark nach oben steht.
Typisch Audi: Der Nuvolari ist kein brachialer Rennwagen, sondern ein GT – der aber auch ganz anders kann. Laut Datenblatt sprintet er mit 1001 PS Systemleistung und einem V8-Drehmoment von 730 Newtonmetern in 2,7 Sekunden auf 100 km/h und soll über 350 km/h schnell sein.

Klare Kanten, große Flächen – der Nuvolari wirkt wie aus einem Block gefräst.
Bild: Audi
Die Audi-Ringe am Heck sind eingefräst – man will die Kreise am liebsten mit den Fingern nachzeichnen. Der Schriftzug "Nuvolari" sitzt auf den seitlichen Lufteinlässen in den Türen. Im Innenraum dominieren ebenfalls horizontale Linien sowie massive, zugleich fein gezeichnete Metallteile wie die Türgriffe.
Innenraum bewusst reduziert
Die manuellen Versteller der Lüftungsdüsen liegen satt zwischen den Fingern und machen beim Bedienen ein präzises "Klick" – genau in der Frequenz, die vor Jahren wohl von zahlreichen hoch bezahlten Ingenieuren in Ingolstadt akribisch abgestimmt wurde und bis heute zur Marken-DNA einzelner Bedienelemente gehört.

Die Lüfterdüse ist ein Detail, das für den ganzen Nuvolari steht. Design, Haptik und Klang sind einfach perfekt und zeitlos gut, eben Audi in seiner besten Form.
Bild: Audi
Diese Haptik können Touchscreens nicht bieten. Deshalb verzichtet Audi im Nuvolari bewusst auf die mittlerweile stark kritisierte Bildschirmflut im Cockpit. Stattdessen gibt es ein kleines vertikales Display in der Mittelkonsole und einen digitalen Tacho. Drumherum: Metall und feinster heller Stoff. Das wirkt zeitlos – mit echtem Klassiker-Potenzial. So wie schon beim ersten Audi TT 8N.
Was mir persönlich besonders gut gefällt, sind die bewusst nicht verkleideten Sitzkonsolen. Puristisch und zugleich edel, stilsicher. Die Sitzposition im Nuvolari ist tief, mit perfekter Sicht auf und durch die große, flache Windschutzscheibe. Sportlich und zugleich langstreckentauglich, mit einem extrem hochwertigen Cockpitumfeld.

Innen reduziert statt überladen – viel Metall, wenig Display.
Bild: Audi
Lediglich die geschmiedeten Felgen mit Zentralverschluss passen nicht zu einhundert Prozent in das Gesamtbild der großen, geschlossenen Flächen des Supercars. Dafür sind sie zu reduziert und offen und greifen das monolithische Design nicht konsequent auf.
Allerdings lässt die Bremsenthermik nichts anderes zu. Mit Blick auf frühere Entwürfe hatten die Designer die Felgen deutlich stärker geschlossen, mussten sie mit den ersten Erprobungen jedoch wieder weiter öffnen.
Neuer quattro-Ansatz mit Predictive Ride
Technisches Highlight ist der neue Allradantrieb "quattro predictive ride", der über einen eigenen Algorithmus stets den Fahrzeugzustand analysiert und Fahrsituationen dadurch vorhersehen soll. Will der Fahrer übersteuern, greift das System angeblich sanft ein, ohne dass es der Fahrer spürt.
Ein ähnlicher Ansatz findet sich bei BMW unter dem Namen "Heart of Joy", und auch beim neuen VW Golf R unterstützen elektronische Helfer das sportliche Fahren. Neu ist das also nicht – nur eben jetzt ein wenig intelligenter, schneller und, glaubt man Audi, mit einem ganz besonderen quattro-Algorithmus.
Das soll den Anspruch an von "Vorsprung durch Technik" wieder stärker in den Fokus rücken. Seit fast einem Jahrzehnt vermisse ich diese Umsetzung des berühmten Markenversprechens bei Audi. Ein dezenter Hinweis auf die neue Technik am Heck – etwa in Form eines "quattro pr", vielleicht sogar in Rot – hätte den Nuvolari bei der ersten Begegnung noch stimmiger gemacht.

Der Nuvolari soll Audis Vorsprung durch Technik neu definieren.
Bild: Audi
Mit der Technik im Nuvolari will Audi auch die Brücke zur Formel 1 schlagen. Dazu gehören unter anderem der Heckflügel, der auf Knopfdruck auf Geraden für mehr Tempo sorgt, sowie die aus der F1 inspirierten Carbon-Bremsscheiben.
Doch wenn man bedenkt, dass Mercedes für den AMG One sogar einen kompletten F1-Motor straßentauglich gemacht hat, wirkt der Bezug zur Königsklasse bei Audi recht zurückhaltend. So viel Kritik muss erlaubt sein – schließlich sprechen wir hier von einem Supersportler und nicht von einem R8-Nachfolger.
Technische Daten: Audi Nuvolari
- High-Performance-Hybridantrieb mit 736 kW (1001 PS) Systemleistung/Kombination aus 4,0-Liter-V8-Biturbo und drei Axialfluss-Elektromotoren
- V8-Motor mit 588 kW (800 PS) und 730 Nm Drehmoment
- Maximaldrehzahl des V8: 10.000 U/min
- Zwei Elektromotoren an der Vorderachse mit jeweils 110 kW
- Dritter Elektromotor zwischen V8-Motor und Getriebe
- Lithium-Ionen-Batterie mit 7,3 kWh Bruttokapazität
- Beschleunigung 0 bis 100 km/h in 2,6 Sekunden
- Beschleunigung 0 bis 200 km/h in 6,8 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit über 350 km/h
- Auf 499 Exemplare limitiert
- Preis: ca. 600.000 Euro. Marktstart ab 2027
- Aktiver Allradantrieb mit "quattro predictive ride" und elektrischem Torque Vectoring an der Vorderachse
- Vier Fahrmodi: E-Hybrid, Balanced, Dynamic und Dynamic+
- Zusätzlicher Track Mode mit den Stufen "Wet", "Dry", "Race" und "Traction Control Off (TC Off)" für den Rennstreckeneinsatz
- Aktiver Heckflügel mit DRS-Funktion und bis zu über 400 Kilogramm Abtrieb
- Carbon-Karosserie auf Basis eines weiterentwickelten Audi Space Frame
- Carbon-Keramik-Bremsanlage mit 420-mm-Scheiben vorn, 410-mm-Scheiben hinten und Rekuperationsleistung von bis zu 2,8 Megawatt.
- S-Duct mit Formel-1-Technik: Der Luftkanal führt die Strömung durch die Frontpartie, verbessert die Kühlung und erzeugt zusätzlichen Abtrieb an der Vorderachse.
Fazit
Audi hat es geschafft. Mit dem Team rund um Rouven Mohr hat Audi ein Supercar gebaut, das wie eine Studie in Serientrimm den künftigen Anspruch der Marke demonstriert. Aber mir persönlich greift Audi zu hoch ins Regal. Ein neuer Audi R8 oder Audi TT mit vielen dieser Designelemente hätte besser zum massentauglichen Premiumanspruch der Marke gepasst als ein auf 499 Stück limitierter, sauteurer Supersportwagen, der zweifelsohne kompromisslos gut gemacht ist.
Wenn Audi jetzt schnell reagiert, Design und Technik in Teilen auf die anderen Modellreihen überträgt – bis hinunter zum angekündigten Audi A2 –, die aktuell viel zu hohen Listenpreise wieder senkt und klare Aussagen zu den Nachfolgern von TT und R8 macht, dann hat der Nuvolari mehr Daseinsberechtigung als nur die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Dann ist Audi zurück in der Spur.
Service-Links
