"Ist das ein Scherz?" – war mein erster Gedanke, als ich Fotos des neuen Ferrari Luce gesehen habe. Und auch wenn es meine Aufgabe als Journalist ist, neue Autos zunächst objektiv und unvoreingenommen zu betrachten, bin ich als Autofan und Petrolhead vor allem eines: verwirrt.
Ein Gefühl, das mir bekannt vorkommt. Ganz ähnlich ging es mir vor rund einer Woche, als Mercedes den brandneuen AMG GT 4-Türer Coupé in Los Angeles präsentierte. Aus der Ferne sah das nach einer Wahnsinns-Show aus: Mercedes ließ eigens eine "Autobahn" bauen, lud jede Menge Promis ein, organisierte ein Blink-182-Konzert und, und, und. Man will gar nicht wissen, was das gekostet hat.
Auf Social Media werden die Rückleuchten des AMG GT 4-Türer Coupé bereits mit eingeschalteten Induktionskochfeldern verglichen. Zynisch, aber nicht ganz weit hergeholt.
Bild: Mercedes-AMG
Und auf Social Media? Abgesehen von einigen offensichtlich bezahlten Influencern bekam der bis zu 1169 PS starke GT 4-Türer vor allem eins: heftige Kritik. Tagelang war mein Feed voll von Reels, in denen der neueste AMG auseinandergenommen wurde. Hauptkritikpunkt war dabei nicht etwa, dass Mercedes-AMG das erste Elektroauto präsentierte, sondern – vorsichtig formuliert – das gewöhnungsbedürftige Design.

Ferrari springt in die Bresche

Und gerade, als sich die Auto-Community langsam vom Mercedes-AMG GT 4-Türer erholt hatte, kommt Ferrari mit dem Luce um die Ecke. Das Internet rastet erneut aus – nur leider nicht im positiven Sinne.
Wenn das Ziel maximale Aufmerksamkeit war, hat Ferrari alles richtig gemacht. Der Luce ist aktuell überall Thema. Wie immer auf Social Media äußert praktisch jeder (gefragt oder ungefragt) seine Meinung – egal, ob leidenschaftlicher Fan, potenzieller Kunde (falls es die überhaupt gibt?) oder einfacher Hater. Und alle scheinen sich einig zu sein: Der Luce ist hässlich.

Mix aus Jaguar I-Pace und Honda e

Natürlich ist Design immer subjektiv. Trotzdem hab ich stundenlang gescrollt und dabei so gut wie keinen Kommentar gefunden, in dem der vom ehemaligen Apple-Designer Jony Ive in Zusammenarbeit mit Marc Newson designte Luce als gelungen bezeichnet wird.
Und ehrlich gesagt gefällt auch mir persönlich an diesem Auto nichts. Für mich wirkt der erste Elektro-Ferrari, als hätten ein Jaguar I-Pace und ein Honda e etwas zu viel Zeit miteinander verbracht. Deshalb die konkrete Frage: War es wirklich nicht möglich, den Luce ansprechender zu designen?
Der Shitstorm gegen Ferrari dreht sich weniger um den Fakt, dass die Italiener ein Elektroauto bauen, sondern vorrangig um das Design des Luce.
Bild: Ferrari
Ferrari erklärt, mit dem 1050 PS starken und über 310 km/h schnellen Luce vor allem neue Kunden ansprechen zu wollen – ganz nach dem Motto "Different Ferraris for different Ferraristi". Angesichts eines vermuteten Basispreises von rund 550.000 Euro wünsche ich dabei viel Erfolg.

Die aktuelle Design-Krise

Worauf ich eigentlich hinauswill: Wie kann es sein, dass zwei so namhafte Hersteller wie Mercedes und Ferrari ihre neuen Modelle zeigen und dabei offensichtlich an vielen Autofans und potenziellen Kunden vorbeientwickeln? Wo sind die Zeiten, in denen man sich als Petrolhead auf neue Autos gefreut hat? Autos mit echtem Habenwollen-Effekt, die zum Träumen angeregt haben?
Dass den Fans die Auslauf-/Vorgängermodelle besser gefallen, ist ja schon fast die Regel. Doch inzwischen ist oft so, dass man als Auto-Enthusiast vor dem Debüt neuer Modelle vom Schlimmsten ausgeht – und das kann eigentlich nicht der Anspruch sein. Dabei rede ich ausdrücklich vom Design – nicht von Plattformen oder die Technik.
Wie kann es sein, dass Hersteller, die noch vor wenigen Jahren Autos wie den AMG GT oder den 812 Superfast gestaltet haben, designtechnisch so falsch abbiegen? Und kommt mir bitte nicht mit dem Satz: "Das Design muss erst noch reifen." In diesen Fällen reift bei mir gar nichts mehr.