BMW-CEO Oliver Zipse im Interview
BMW-Diesel ab 2025 mit HVO 100

– BMW-Chef Oliver Zipse über Antriebsvielfalt, EU-Politik und warum Diesel noch lange eine Rolle spielen werden.
Bild: Nils Starnick/BILD
BMW bleibt seiner Linie treu und setzt erfolgreich auf Technologieoffenheit. Trotz eines Dämpfers in den jüngsten Quartalszahlen, verursacht durch einen einmaligen Sondereffekt im Zusammenhang mit einem Bremsenproblem, bleibt BMW fest bei seinen langfristigen Zielen. Vom Diesel bis zum E-Auto – jeder Kunde bekommt das Beste der Technik. Ab Januar geht BMW noch weiter: Alle neuen Dieselmodelle in Deutschland werden ab Werk mit dem CO₂-reduzierten HVO-Kraftstoff betankt.
Herr Zipse, der Erfolg des BMW 540d Touring beim diesjährigen Goldenen Lenkrad zeigt, dass Vielfalt bei den Antrieben nach wie vor angesagt ist. BMW fährt mit dieser Antriebsvielfalt eine erfolgreiche Strategie, wie die Zahlen beweisen. Behalten Sie diesen Kurs bei?
"Vielfalt ist unser Erfolgsrezept. Deswegen bleibt unser Angebot so vielfältig, wie unsere Kunden es sind. Wo könnte man das besser sehen als beim Goldenen Lenkrad? Mit dem BMW 540d Touring gewinnt ein moderner und hocheffizienter Diesel – und mit dem MINI Cooper SE gleichzeitig ein kompaktes E-Auto. Bei uns gibt es nämlich keinen Unterschied zwischen angeblich alter und vermeintlich neuer Welt: Jeder Kunde bekommt den neuesten Stand der Technik ins Auto, unabhängig von der Antriebsart."
Der elektrische MINI Cooper SE wird in China gefertigt – und fällt jetzt unter die Strafzölle der EU.
"Das ist schon absurd. Die Politik fordert von den Herstellern vergleichsweise günstige E-Autos, damit der Umstieg der Kunden beschleunigt wird. Und dann beschließt die EU Kommission Zölle, die genau diese Fahrzeuge künstlich teurer machen. Gleichzeitig schürt sie damit die Gefahr eines weitreichenden Handelskonflikts, der nur Verlierer kennt. Die letzte Chance besteht darin, dass die EU und China ihre Verhandlungen fortsetzen, um schnellstmöglich eine tragfähige Lösung zu finden."

Oliver Zipse (60) bekam gleich drei Goldene Lenkräder: für den besten Kleinwagen (Mini Cooper SE), die beste Obere Mittelklasse (540d Touring) und den besten Gebrauchtwagen (3er-Serie).
Bild: Nils Starnick/BILD
Wo sehen Sie bei Technologieoffenheit die größten Herausforderungen der nächsten Jahre?
"Die größte Gefahr ist eine starre Regulatorik, die mehr Wert auf Symbolik legt als auf Wirksamkeit. Die Stärke von Technologieoffenheit ist ja gerade, dass alle Antriebsarten dank steigender Effizienz zur CO2-Reduzierung beitragen. Nehmen Sie BMW: Wir haben regelmäßig die CO2-Ziele für unsere Flotte in der EU übererfüllt. Das soll uns auch nächstes Jahr wieder gelingen – also sehen wir keinen Anlass, das CO2-Ziel für 2025 zu verschieben. Wenn ich aber eine Technologie verbiete – wie die EU es mit dem Verbrennungsmotor tun will – dann stoppe ich damit automatisch auch die Weiterentwicklung und den technologischen Fortschritt."
In diesem Jahr hat BMW bei vollelektrischen Fahrzeugen stark zugelegt. Was sind die Hauptgründe für diesen Erfolg?
"Starke Produkte sorgen für starke Nachfrage. Und die bekommen Sie bei BMW mit jeder Antriebsart. Das klingt simpel, ist aber allerhöchste Ingenieurskunst und braucht viel Erfahrung. Wir haben vor über 15 Jahren mit der Entwicklung des BMW i3 begonnen, haben mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Serienproduktion von E-Autos. Wir bringen nächstes Jahr die 6. Generation unserer Batteriezellen und E-Antriebe auf den Markt. So ein Knowhow lässt sich nicht über Nacht kopieren. Und das ist der Grund, warum wir schon rund 2,5 Millionen Autos mit vollelektrischem oder Plug-in-Hybrid-Antrieb auf die Straße gebracht haben."
Eine ganz neue Modellgeneration von BMW steht in den Startlöchern. Die „Neue Klasse“ wird ab 2025 eine wichtige Rolle spielen. Was dürfen die Kunden erwarten?
"Mit der Neuen Klasse legen wir die Messlatte so hoch wie noch nie: Wir wollen nicht weniger als die Zukunft des Automobils definieren. Das ist keine schrittweise Weiterentwicklung aktueller Modelle. Bei der Neuen Klasse durften unsere Ingenieure die Zukunft am Reißbrett entwerfen. Neue Architektur, neue Technologie-Baukästen für E-Antrieb, Digitalisierung, Fahrdynamik und automatisiertes Fahren. Dazu ein Design, das es so noch nicht auf der Straße zu sehen gab. Und zwar vom SAV-Modell bis zur sportlichen Limousine. Eigentlich gehört es bei BMW ja zum guten Ton, sich in Bescheidenheit zu üben. Aber wenn wir mit dem Vorstand die Prototypen der Neuen Klasse fahren, dann kommen wir einfach ins Schwärmen."
Die „Neue Klasse“ steht nicht nur für Elektromobilität, sondern auch für die Digitalisierung. Sie haben die Digitalisierung bei BMW vorangetrieben, insbesondere durch Funktionen wie Level 3 autonomes Fahren und Over-the-Air-Updates. Welche Entwicklungen stehen als Nächstes an?
"Fahrdynamik und emotionales Design werden immer ein Kern von BMW bleiben. Aber das digitale Erlebnis wird mehr und mehr zum entscheidenden Kaufkriterium. Deswegen gibt es nicht nur eine völlig neue Generation Software und Bordnetz. Der Kunde wird im Fahrzeug zum User in einer digitalen Welt. Denn das ganze Interieur der Neuen Klasse wird sehr auf diese User-Experience (UX) ausgerichtet sein. Dabei geht es nicht darum, den größten Bildschirm im Auto zu haben. Entscheidend ist, dass die digitalen Features und die Bedienung zu einem Gesamterlebnis verschmelzen. Dass sie sich für jeden einzelnen Kunden genau richtig anfühlen. Das ist schwer in Worten zu beschreiben. Sie müssen es eben ‚erleben‘ – und das werden Sie im nächsten Jahr."
Nach unserer Einschätzung werden Feststoffbatterien und autonomes Fahren Gamechanger sein. Mehr Reichweite, schnellere Ladezeiten, geringeres Gewicht und „geschenkte Zeit“ durch einen digitalen Chauffeur werden Elektro- und Individualmobilität deutlich attraktiver machen. Teilen Sie diese Einschätzung und sehen Sie BMW hier gut aufgestellt?
"Mit vermeintlichen ‚Gamechangern‘ wäre ich vorsichtig. In unserer Industrie wird nicht über Nacht der Lauf der Welt verändert. Es geht vielmehr um kontinuierliche Verbesserung – auch wenn das weniger spektakulär klingt. Aber natürlich sind Batterietechnologie und Automatisierung zwei wesentliche Felder, in denen laufend verbessert wird. An der Feststoff-Technologie forschen wir seit Jahren und beim automatisierten Fahren ist der BMW 7er weltweit das einzige Modell, in dem Sie auf Level 2 und Level 3 die Hände vom Steuer nehmen können. Zum Teil sogar bei Tempo 130 auf der Autobahn und der Wagen übernimmt sogar den Überholvorgang, wenn ich den Spurwechsel mit einem Blick in den Außenspiegel bestätige."
Bleiben wir bei den Innovationen. Unsere Leser verfolgen mit großem Interesse, wie BMW aktuell einen neuen Radnabenmotor des Start-ups DeepDrive testet. Er könnte Elektroautos deutlich effektiver machen. Werden technologische Fortschritte in Summe die Elektromobilität künftig als überlegene Antriebstechnologie etablieren? Wäre damit der Antriebsvielfalt ein Ende gesetzt?
"Zuerst einmal ist diese Zusammenarbeit ein starkes Beispiel für den Innovationsstandort Deutschland. Ein Startup und ein Dax-Konzern treiben Hand in Hand eine neue Technologie mit großem Potenzial voran. Solche Kooperationen gibt es bei uns übrigens noch viel mehr. Lassen Sie sich also nicht erzählen, die Zukunft der Mobilität käme zwingend aus China oder den USA."
Und die Vielfalt?
"Fortschritte beim E-Antrieb bedeuten nicht automatisch, dass das Elektroauto für alle Kunden die beste Wahl ist. Mancher Kunde muss oft schwere Anhänger ziehen und in bestimmten Regionen wird auch absehbar die Ladeinfrastruktur fehlen. Dann mag ein moderner Diesel weiterhin der richtige Antrieb sein. Und wenn Sie trotzdem emissionsfrei unterwegs sein wollen, bringen wir 2028 sogar eine zweite elektrische Variante ins Angebot: die Wasserstoff-Brennstoffzelle. Die perfekte Ergänzung zur batterieelektrischen Mobilität. Und für BMW ein echtes Alleinstellungsmerkmal, das wir gemeinsam mit unserem Partner Toyota entwickeln."
BMW tritt für eFuels und regenerative Kraftstoffe ein. Ist das auch Technologieoffenheit oder was ist der Hintergrund?
"Wir sind uns einig, der Klimaschutz hat überragende Bedeutung und da zählt jede gesparte Tonne CO2. Aber die CO2-Ziele betreffen nur die Neuzulassungen. Niemand kümmert sich um den größten Faktor: die mehr als 250 Millionen Autos, die heute schon auf Europas Straßen fahren. Dabei könnte deren CO2-Ausstoß deutlich sinken, wenn der regenerative – also CO2-neutrale – Anteil im Kraftstoff erhöht würde. Zwei Beispiele: Unsere Otto-Motoren sind seit Jahren alle für E25 freigegeben, also Benzin mit mindestens 25 Prozent regenerativer Beimischung. Gesetzlich erlaubt ist aber nur E10. Und als Diesel-Alternative gibt es HVO 100, einen Kraftstoff aus Abfällen und Reststoffen mit 90 Prozent weniger CO2-Emissionen. In Italien schon gefördert, flächendeckend verfügbar und günstiger als fossiler Diesel – bei uns bestenfalls geduldet."
Und was ist Ihr Plan?
"Das wollen wir ändern und gehen dafür in Vorleistung: Ab Januar wollen wir alle in Deutschland produzierten Diesel-Modelle vor Auslieferung an die Händler mit HVO 100 betanken. Diese sogenannte erste Werksbefüllung reicht natürlich nicht für eine Fahrt von München nach Berlin, aber sie wird den Kunden zeigen, dass HVO 100 ein vollwertiger Diesel-Ersatz ist – aber in der Gesamtbilanz eben mit 90 Prozent weniger CO2-Emissionen."
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