DeepDrive: revolutionärer Achsenmotor für Elektroautos
Diesen Tesla treiben Motoren an, die in der Radnabe sitzen!

Das Start-up DeepDrive testet seinen neuartigen Radnaben-Elektromotor an einem Tesla Model 3. Der Antrieb soll 20 Prozent Energie sparen, die Serienfertigung ist geplant. Alle Infos zum radikalen Konzept!
Bild: Roland Wildberg
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Alex Rosen, einer der Gründer von DeepDrive, hat einen Traum: "Wir wollen als Marke so stark werden, dass Autohersteller extra auf unseren Motor hinweisen: DeepDrive inside, so wie Intel inside bei Computern." Ein ehrgeiziges Ziel, das bisher nur wenige Zulieferer wie der Bremsenbauer Brembo erreicht haben. Aber bisher hat DeepDrive all seine Ziele erreicht.
Nun ist das erste Paar Radnaben-Antriebe des Münchner Start-ups in einem Tesla Model 3 als Testwagen montiert und hat bereits mehr als 2500 Kilometer störungsfrei absolviert. Die Erprobung geht weiter, ab März 2026 soll das Auto in Skandinavien auf Kältetest gehen. Voraussichtlich 2028 wird DeepDrive erstmals in einem Serienauto installiert sein. Von welcher Marke der Auftrag kommt, ist noch geheim – jedenfalls wird es kein Tesla sein. Auch andere Hersteller arbeiten an einem Radnabenmotor.
Den Tesla als Testwagen und Demonstrator hat DeepDrive aus Gründen der Neutralität ausgewählt: "Wir können ja nicht bei VW vorfahren mit einem Renault – oder umgekehrt", sagt Rosen auf Nachfrage von AUTO BILD. Im DeepDrive-Standort München-Garching steht der Test-Tesla auf der Hebebühne, davor ein großer Metallkörper: der Original-Elektromotor von Tesla.
Dort, wo der Antrieb war, ist jetzt ein Leerraum von der Größe einer Bierkiste. Denn die Motoren sitzen rechts und links an den Hinterrädern. "Wir sparen beim Tesla insgesamt 30 Kilogramm", sagt Rosen. Hinzu kommt der gewonnene Platz. Der könnte für einen größeren Akku oder Kofferraum Verwendung finden – oder einfach eine kompaktere Bauweise ermöglichen.

Der Radnabenmotor "IW 2000" am Versuchsfahrzeug Tesla Model 3 sieht auf den ersten Blick wie ein besonders großer Radträger aus.
Bild: Roland Wildberg
Hinzu kommt die höhere Effizienz: 20 Prozent weniger Energie verbraucht der Antrieb im Vergleich zu konventionellen Elektromotoren, so DeepDrive. Beim Erprobungsfahrzeug soll der Nachweis darüber in Kürze erbracht werden. Aber zuvor ist ein Satz neuer Reifen fällig: Sie sind stark abgefahren. "Der Wagen wurde hart rangenommen", sagt Alex Rosen.
Auf diversen Demo-Touren haben Kunden aus der Autoindustrie den DeepDrive-Tesla über Schlaglöcher und Feldwege geprügelt. "Es tut schon weh, wenn du zusehen musst, wie Leute den Wagen fahren mit der Absicht, ihn an die Grenze zu bringen." Doch die wurde nicht erreicht, der Motor habe alle Strapazen schadlos überstanden.
Die beiden Nabenmotoren im Tesla haben die Typenbezeichnung IW 2000. Das heißt "In-Wheel" mit 2000 Newtonmeter Drehmoment. Der Antrieb hat mit den intensiven Tests Vorserienstatus erreicht. Es sind bereits interne Bremsen installiert. Sie tragen zum Gewichtsvorteil bei. Der Antrieb ist modular konzipiert, ist also in Format und Leistungsabgabe variabel. Die aktuell stärkste Version leistet 180 kW (umgerechnet 245 PS).
Im Tesla-Versuchswagen sind zwei 125 kW starke Antriebe montiert, die zusammen 250 kW (340 PS) leisten. Damit werde der vorherige Tesla-Motor im Model 3 Standard Range RWD mit 320 PS ungefähr abgebildet, erklärt Rosen. "Die Fahrleistungen sind in etwa gleich, er beschleunigt in sechs Sekunden von 0 auf 100 km/h."
DeepDrive wird von BMW, Volkswagen und Continental zwar unterstützt, ist aber nicht an die Hersteller gebunden. "Wir können an jeden verkaufen", sagt Alex Rosen. Aktuell ist das Unternehmen in Verhandlungen mit acht der zehn größten Autobauer der Welt. Dazu gehören deutsche, europäische, japanische und chinesische Unternehmen.

Ein Mitarbeiter von DeepDrive beim Testen des Radnabenmotors auf einem Prüfstand.
Bild: BMW Group
BMW hält den DeepDrive-Antrieb für den Elektromotor "der übernächsten Generation", und auch VW ist aufgesprungen: Über den Wagniskapitalgeber Leitmotif aus Kalifornien unterstützt Volkswagen das Münchner Start-up DeepDrive im Rahmen einer zweiten Finanzierungsrunde in Höhe von insgesamt 30 Millionen Euro.
BMW begann schon 2024 intensive Tests mit dem Radnabenmotor von DeepDrive. Erste Versuche mit einem Prototyp auf dem Prüfstand verliefen vielversprechend. Die Serienfertigung will DeepDrive allerdings nicht selbst umsetzen. Hierfür existiert bereits eine Kooperation mit Continental. Der Zulieferer wird den IW-Antrieb im Auftrag in einem seiner Werke bauen.
Radnabenmotor ist ein bekanntes Technikkonzept
Das Konzept ist bemerkenswert, denn der gesamte Antrieb sitzt in einem Gehäuse an der Radnabe. Ein altes Prinzip: Schon der berühmte Lohner-Porsche vor 125 Jahren war mit Radnabenmotoren ausgestattet. Damals setzte sich die Technologie – ebenso wie die gesamte, schon damals existierende Elektromobilität – aus Kostengründen und wegen mangelnder Reichweite allerdings nicht durch.

Der neue Antrieb von DeepDrive treibt direkt die Räder an, kommt also ohne Kupplung, Getriebe und Wellen aus. Das spart Energie und Material.
Bild: Continental
Heute haben Lithium-Ionen-Akkus eine vielfach höhere Energiedichte als die Bleibatterien von damals, Präzisionsfertigung und Digitalisierung ermöglichen ungleich effizientere Antriebe. DeepDrive hat das Konzept, das zum Beispiel für E-Bikes genutzt wird, in den vergangenen Jahren entstaubt.
Der Radnabenmotor setzt direkt am Rad an, ein direkterer Kraftfluss ist nicht möglich. Somit entfallen Getriebe, Wellen und Kupplungen, in denen Energie verloren geht. Das Drehmoment ist enorm, die Rekuperationsleistung zudem höher als bei klassischen E-Motoren. Insgesamt steigt der Wirkungsgrad laut Hersteller um bis zu 20 Prozent. Auch eine Untersetzung kann entfallen, das wiederum schont die Lager und dürfte zu einer hohen Langlebigkeit beitragen.
Außerdem sorgt der Einbau im Rad für geringere Schallemission, die Insassen hören also (noch) weniger vom Antrieb. Schließlich wird eine Menge Platz gespart, die zugunsten des Fahrgast- und Kofferraums frei wird – oder eine insgesamt kleinere Bauweise des Fahrzeugs ermöglicht. Der Antrieb läuft flüssigkeitsgekühlt. DeepDrive spricht von rund 1000 Euro Systemkostenersparnis gegenüber einem konventionellen Elektroauto.
Eine weitere Innovation liegt in der Bauweise des Motors: Es handelt sich um einen Doppel-Rotor – etwas, das es laut DeepDrive bisher nicht gab. Somit bewegt der elektromagnetische Stator das Rad nicht über einen, sondern zwei ringförmige Rotoren. Sie drehen sich in einem äußeren und inneren Kreis um den Kupferkäfig, von dem das elektromagnetische Feld ausgeht. Das erhöht laut Hersteller die Effizienz und verleiht dem Antrieb ein gewaltiges Drehmoment. BMW spricht von "zwei Elektromotoren in einem".
Bereits auf dem Prüfstand habe sich die Realisierbarkeit des Motors erwiesen, teilte BMW Ende 2024 voll des Lobes mit. "Die Musterteile von DeepDrive haben die angekündigten Eigenschaften meistens übertroffen", so BMW-Entwicklungschef Karol Virsik. Das sei in einer derart frühen Produktphase mit einer komplett neuen Technologie ungewöhnlich. Die Motoren sind für Hochvoltsysteme mit 400 oder 800 Volt konzipiert.

Eigens für den Radnabenmotor hat Zulieferer Continental, einer der Investoren, eine maßgeschneiderte Trommelbremse entwickelt. Sie passt ebenfalls in den kompakten Antrieb.
Bild: Continental
DeepDrive hat bereits mehrere Versionen entwickelt. Der stärkste Motor (RM 1800) entwickelt bis zu 1800 Nm Drehmoment an der Achse und maximal 160 kW (umgerechnet 217 PS) – in Allrad-Konfiguration ließe sich also ein Supersportwagen oder ein schweres SUV mit zusammen 868 PS motorisieren. Das Gewicht des RM 1800 beträgt lediglich 35 Kilogramm. Zum Vergleich: Der Basis-Elektromotor APP310 im VW ID.3 (und anderen Elektroautos des VW-Konzerns) leistet maximal 204 PS bei etwa 90 Kilogramm Gewicht.
Das Konzept wurde auch auf einen Zentralantrieb (also einen konventionellen Elektromotor) übertragen. Eine experimentelle Version, die DeepDrive bereits entworfen hat, entwickelt 350 kW (476 PS) und wiegt laut Hersteller weniger als 80 Kilogramm.
Fazit
Im DeepDrive-Werk in Garching ist die Begeisterung der Crew zu spüren: Hier wird Technik-Geschichte geschrieben! Wenn die Entwicklung des Radnaben-Doppelrotors so fortschreitet, werden in zwei Jahren die ersten Elektroautos mit dem innovativen Motor an den Start gehen. Keine zehn Jahre nach der Firmengründung. Und der Hersteller – so viel hat man mir verraten – feilt schon daran, den Antrieb noch sparsamer zu machen.
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