Spätestens seit dem Sponsoring der Fußball-Europameisterschaft ist Autohersteller BYD in aller Munde. AUTO BILD hat auf dem Goodwood Festival of Speed exklusiv mit Stella Li über neue Modelle, die Pläne für den europäischen Markt und Vorurteile gegenüber chinesischen Automarken gesprochen.

Interview mit Stella Li über die Pläne von BYD in Europa

AUTO BILD: Frau Li, ich habe vorhin das erste Mal die Autos von Yangwang, der neuen Luxusmarke von BYD, in der Realität gesehen – ganz schön beeindruckend. Werden die Autos auch nach Europa kommen?
Stella Li: Ja, wir planen die Marke auch in Europa vorzustellen. Allerdings müssen wir noch etwas daran arbeiten und warten auf den besten Moment, die Autos vorzustellen. Die Autos sind wirklich einzigartig, sie verbinden neueste Technologie mit purem Luxus. Wobei die Technologie klar im Vordergrund steht: Der U9 zum Beispiel, unser Sportwagen, kann im wahrsten Sinne des Wortes tanzen und hüpfen – kein anderes Auto dieser Klasse kann das. Der U8, das Luxus-SUV, kann sich um 360 Grad auf der Stelle drehen. Dazu gibt es innovative Sicherheitsfunktionen. Der U8 kann beispielsweise für ungefähr 40 Minuten auf dem Wasser schwimmen und weiterhin gelenkt werden, sodass man im Falle eines Unfalls aus dem Wasser entkommen kann. Gleichzeitig erkennt es die Gefahr und öffnet automatisch die Scheiben. Im nächsten Jahr wird diese Technologie so weit sein, dass wir sie offiziell zeigen können.
Man hört richtig heraus, wie stolz sie auf diese Innovationen sind.
Ja, absolut. Sehr stolz.
Lassen Sie uns einen Blick auf den europäischen Markt werfen: Aktuell gibt es sechs Elektro-Modelle von BYD im Angebot. Werden Sie auch Autos mit anderen Antriebsformen anbieten?
Wir werden in Kürze den neuen BYD Seal U DM-i auf den Markt bringen, ein SUV mit Plug-in-Hybrid-Technologie. In Spanien ist er bereits auf dem Markt. Dort hat er inzwischen einen Anteil von etwa 60 Prozent bei den Zulassungen unserer Marke. Und er kam beispielsweise während der Europameisterschaft als Shuttle zum Einsatz. Für uns ist dieses Auto ein echter Gamechanger, denn es ist die perfekte Lösung, um eine Brücke zu schlagen zwischen BEV und Verbrenner. Im Alltag kann man rein elektrisch unterwegs sein, je nach Modell zwischen 70 und 120 Kilometer. Möchte man eine längere Strecke zurücklegen, schaltet man den Verbrenner zu. Dabei profitiert man hier vom geringen Spritverbrauch (Anm. d. Red. 6,4 l/100 km laut WLTP). Wenn man E-Motor und Verbrenner kombiniert, schafft er bis zu 1100 Kilometer. Entsprechend ist das Auto eine gute Wahl für viele, die den Einstieg in die Elektromobilität wagen wollen. Wir bringen den BYD Seal U DM-i in Europa Land für Land auf den Markt. Als nächstes kommt die Einführung hier in Großbritannien im September.
BYD Interview
Lena Trautermann traf Stella Li am Rande des Goodwood Festival of Speed in England.
Bild: BYD
Was sind speziell auf dem europäischen Markt die größten Herausforderungen für BYD?
In Sachen Elektromobilität allgemein ist es auf jeden Fall das viele Hin und Her in der Politik: Erst wird die Elektromobilität stark gepusht und als Zukunft der Mobilität angepriesen. Dann geht man wieder einen Schritt zurück. Genauso wie viele Autohersteller, die zunächst verkünden in Zukunft nur noch auf BEV zu setzen und dann wieder zurückrudern. Hinzu kommen die Strafzölle, die die EU für Elektroautos aus China ausgelobt hat. Das alles sorgt für starke Verunsicherung und Zurückhaltung bei den Kunden.
Für BYD im Speziellen ist es eine große Herausforderung, die Marke noch bekannter zu machen. Deswegen haben wir uns auch dazu entschieden, die Fußball-Europameisterschaft zu sponsern. Für uns ist wichtig, dass die Kunden verstehen: Bei uns geht es nicht darum, andere Hersteller über einen Dumping-Preis auszustechen. Wir legen unseren Fokus auf moderne Technologie und das Nutzererlebnis. Damit wollen wir uns von anderen abheben.
Nehmen wir zum Beispiel den BYD Dolphin: Ein kleines, erschwingliches Auto. Er ist qualitativ hochwertig, hat ein tolles Design. Aber haben Sie den auch mal ausprobiert? Er hat eine tolle Sprachbedienung, man kann ihn mit dem Smartphone öffnen und starten. Man kann sogar Karaoke singen. Auch der BYD Seal überzeugt mit hoher Qualität und einem hohen technischen Standard. Gleichzeitig fliegt er nahezu über die Autobahn. Wir versuchen die Kunden bei diesen Emotionen zu packen und trotzdem ihre Bedürfnisse nach einem Dienstwagen, Familienauto oder kleinem Stadtauto zu erfüllen.
Sie haben vorhin kurz die Strafzölle in der EU angesprochen. Nun verkünden Sie die Eröffnung eines neuen Werks in der Türkei. Ist das eine Reaktion darauf?
Grundsätzlich möchte ich sagen: Wir sind gegen diese Sonderzölle. Sie sind für die europäischen Kunden schlicht unfair. Denn ganz gleich wie die politische Haltung aussieht: Man sollte niemandem den Zugang zu erschwinglichen Autos verwehren.
Doch ganz unabhängig davon, sind die Pläne, auch in Europa zu produzieren, nicht neu. Schon vor zwei Jahren haben wir verkündet, in Ungarn ein Werk zu bauen. Die Produktion dort soll Ende des nächsten Jahres starten. BYD ist ein globales Unternehmen, das in der Produktion aber einen lokalen Ansatz verfolgt. Und genau diese Strategie verfolgen wir mit dem Werk in der Türkei weiter: Dabei werden wir nicht von irgendwelchen Zöllen angetrieben, sondern berücksichtigen ausschließlich die Interessen des Marktes. Und in diesem Zuge haben wir an diesem Montag (Anm. d. Red. 8. Juli 2024) gemeinsam mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan verkündet, einen neuen Produktionsstandort in der Türkei zu eröffnen. Die Türkei ist für uns ein sehr wichtiger Markt, dort steckt viel Potenzial und sie bietet eine tolle Brücke zwischen dem asiatischen und dem europäischen Markt. Für unsere globale Strategie also ein wichtiger Standort. Wir investieren hier über eine Milliarde US-Dollar, um künftig ein Produktionsvolumen von rund 150.000 Autos im Jahr abdecken zu können.
BYD Interview
Stella Li bestätigt: Demnächst wird es zwei Produktionsstätten in Europa geben.
Bild: BYD
Noch eine letzte Frage: Gerade im europäischen Markt gibt es noch viele Vorbehalte gegenüber Automarken aus China. Wie geht BYD damit um?
In unseren Umfragen hat sich gezeigt: Die Leute nehmen BYD tatsächlich als BYD wahr – und nicht als irgendeine chinesische Marke. Und so positionieren wir uns auch: Wir sind eine Premiummarke, führend in Sachen Technologie. Und das nehmen die Kunden wahr. Wir fokussieren uns auf das Nutzererlebnis. Jedes Modell steht für sich. Ich würde sagen BYD ist ein bisschen wie das iPhone der Automobilindustrie: Es geht darum, was die Autofahrer brauchen und ihnen gleichzeitig die neueste Technologie zu bieten.