Chinesischer AUDI E5 Sportback: Fahrbericht
Dieser Audi rollt ohne Ringe durch China
Er hat zwar keine Ringe mehr und auch sonst nicht viel von einem Audi, wie wir ihn kennen. Aber vielleicht liegt genau hier das Erfolgsgeheimnis des chinesischen E5 Sportback. Fahrbericht!
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Wo er fährt und steht, wird er angesprochen und bestimmt zehnmal pro Stunde fotografiert – das ist Henry Yu schon lange nicht mehr passiert, selbst wenn der Kollege des chinesischen Internetportals Ifeng.com immer in den neuesten Autos unterwegs ist.
Doch so viel Wirbel wie sein aktueller Testwagen hat schon lange keiner mehr gemacht. Denn kurz nach der Markteinführung in diesem September sitzt er in einem der ersten AUDI E5 Sportback der chinesischen Hauptstadt.
Und weil es den Wagen bei uns so nie geben wird, lassen wir uns die Chance zur Testfahrt natürlich nicht entgehen. Erst recht nicht, weil Audi damit in China schon heute jenen Neuanfang probt, den sie bei uns mit dem Concept C gerade erst für 2027 versprochen haben. Und so wie es aussieht, sind sie damit nicht nur deutlich früher dran, sondern auch sehr viel konsequenter. Nicht umsonst werden wir bei der Übergabe in Wurfweite des Olympiastadions schon wieder fotografiert.

Die Heckansicht des AUDI E5 Sportback. Keine Spur von den ikonischen vier Ringen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Aber das muss man verstehen. Denn an diesem Audi ist nicht nur das Kürzel ungewöhnlich. Und diesmal ist es keine Irrung oder Wirkung aus dem Marketing, das mal wieder die Nomenklatur über den Haufen geworfen hat. Sondern dieser Audi will anders sein als alle anderen – er muss es sogar. Denn er ist der erste Audi aus dem Rettungsplan, mit dem die Bayern auf dem wichtigsten Markt der Welt verlorenen Boden gutmachen und in China zurück zu alter Stärke finden wollen.
Schließlich waren sie mal der erste westliche Nobelhersteller, der Maos Erben in Lack und Leder gebettet hat. Wie ernst sie es dabei mit dem Neuanfang meinen, zeigt der Blick an Bug und Heck des ungewöhnlich schnittigen Kombis, der mehr Shooting Brake ist als Sportback oder Avant. Denn nicht nur, dass ihnen endlich mal etwas anderes eingefallen ist als der ewige Singleframe-Grill: Sie schreiben jetzt auch den Namen anders, und zwar in neuer Schrift und in Großbuchstaben.
Und vor allem reißen sie, bald 100 Jahre nach dem Zusammenschluss von Horch, Wanderer, DKW und Audi zur Auto Union, die vier Ringe runter. Das wäre so, als würde das IOC nebenan die Olympiaringe von dem Turm nehmen, der auch 17 Jahre nach den Spielen noch über dem Stadtviertel thront. Das muss man sich erst einmal trauen.

Unser freier Mitarbeiter Thomas Geiger hatte sichtlich Spaß bei seiner Fahrt im AUDI E5 Sportback.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Aber die Lage ist ernst. Zwar verlieren alle westlichen Marken in China gerade gewaltig, aber keine hat es so hart getroffen wie Audi. Im ersten Halbjahr haben die Bayern insgesamt zehn, bei den Verbrennern sogar 25 Prozent eingebüßt – und das auf einem Niveau, das auch in den Jahren davor schon erodiert war.
In 3,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h mit 787 PS
Entsprechend radikal ist der Kurswechsel. Und weil sie das offenbar selbst nicht schaffen – oder zumindest nicht schnell genug –, haben sich die entringten Herren der Ringe dabei vom Staatskonzern SAIC helfen und auf China-Speed bringen lassen. Der E5 ist deshalb in 30 Prozent weniger Zeit entwickelt worden als bisherige Modelle. Vor allem aber hat SAIC dem westlichen Partner eine Plattform überlassen, deren elektrische Architektur den neuen PPE-Baukasten von Q6 oder A6 schon wieder ganz schön alt aussehen lässt – von der digitalen Umgebung im Cockpit ganz zu schweigen.
Nicht nur, dass Audi die Chinesen mit bis zu 787 PS umgarnt, während bei uns in der elektrischen Businessklasse mit 551 PS Schluss ist. Er katapultiert sie in 3,4 Sekunden auf Tempo 100 und erlaubt ihnen trotz des strikten Tempolimits von 120 km/h sogar eine Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h. Mit Akkus von 76 oder 100 kWh kommt der Sportback im zugegeben laxeren China-Zyklus auch noch weiter und schafft im besten Fall eine Reichweite von 773 Kilometer. Und wo bei den PPE-Modellen aktuell mit maximal 270 kW geladen wird, fließt der Strom beim E5 mit bis zu 400 kW.

4,88 Meter ist der China-Audi lang.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Dazu gibt's ein Paket an Assistenzsystemen, das dem Autopiloten wieder ein Stück näher kommt. Weil Peking der Elektronik mehr Freiraum gibt, sucht sich der E5 seinen Weg selbst im Stadtverkehr: Während der Fahrer nur noch pro forma die Hände am Lenker hat, steuert der Sportback selbständig durch das Gewühl einer Millionenmetropole, wechselt die Spuren, biegt durch den fließenden Gegenverkehr ab, macht U-Turns und bugsiert sich zum Ende der Fahrt führerlos in jede noch so enge Parklücke.
Noch auffälliger sind die Unterschiede aber innen: Während selbst die neuesten Modelle aus Ingolstadt bei aller Digitalisierung ungeheuer technokratisch wirken und mehr nach Amtsstube aussehen als nach Avantgarde, erscheint einem der China-Audi frisch, luftig und ungeheuer leicht – von den hellen Bambusimitaten in den Türtafeln über die neuen, viel weniger schwülstigen Sitze bis hin zum kleinen Touchpad, das wie eine beleuchtete iMouse auf dem Armaturenbrett prangt und sogar Herzchen oder Feuerwerke über die Cinemascope-Bildschirmlandschaft fliegen lässt, wenn man die richtigen Fingerübungen darauf macht.
Das Fahrverhalten des Audi bleibt "typisch deutsch"
Und natürlich laufen auf den drei riesigen Displays zwischen den Bildschirmen der noch immer gewöhnungsbedürftigen Kameraspiegel mehr Apps und Gimmicks, als sich der gemeine Europäer träumen lässt – selbstredend meist auch während der Fahrt.
Zur fortschrittlichen Technik gibt es ein Design wie von einem anderen Stern. So trägt er zwar den Beinamen Sportback, hat aber mit den schrägen Modellen aus Europa keinerlei Gemeinsamkeiten. Stattdessen ist der Viertürer eher ein sportlicher Kombi mit reichlich Aero an Bug und Heck, wenngleich der Kofferraum mit 347 Litern für ein Auto von 4,88 Metern eher bescheiden ist. Aber dafür wirkt er umso frischer und unverbrauchter. Statt des ewigen Singleframe-Grills trägt er eine neue, merklich geglättete Front mit reichlich LED-Lametta und hinterleuchteten Karosserieelementen, hat eine schnörkellose, schlanke Silhouette und eine der coolsten Kehrseiten seit dem ersten Mercedes CLA Shooting Brake.

Modern und schick: ein Blick ins Interieur des AUDI E5 Sportback.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Nur das Fahrverhalten ist "typisch deutsch" – und deshalb um Längen besser als das chinesische Einerlei, das bis weit hinauf in die Businessklasse angeboten wird. Mit Finessen wie der Zweikammer-Luftfederung und der Allradlenkung aus den Oberklassemodellen des VW-Konzerns, mit einem eindeutigen, präzisen Lenkgefühl und einem ausbalancierten Fahrwerk wird der E5 vom Transportmittel zum Fahrzeug. Und man ärgert sich umso mehr, dass es den bei uns wohl nie geben wird.
Und dann ist da ja auch noch der Preis: Der E5 Sportback sieht nämlich nicht nur frischer aus als alle unsere Audis, kommt aus dem besseren Elektrobaukasten und hat das coolere Infotainment, sondern obendrein ist er auch noch ein Schnäppchen. Während ein A6 e-tron bei uns erst ab gut 62.000 Euro zu haben ist, startet der E5 in China für umgerechnet knapp unter 29.000 Euro – und selbst das Topmodell ist für rund 33.000 Euro zu haben.
Kein Wunder, dass in der ersten halben Stunde 10.000 Vorbestellungen eingegangen sind. Und selbst die Frau unseres Kollegen Henry überlegt, ob sie zum ersten Mal auf einen Audi wechseln soll. Wenn alles so läuft, wie sich Audi und SAIC das versprechen und die gemeinsame Fabrik in Anting mal auf vollen Touren läuft, dann sollte sich das mit den vielen Fragen und Fotos schließlich irgendwann erledigt haben. Wobei: Zwei weitere Modelle wollen die beiden Partner noch bringen – mit frischen Namen und frischem Design, aber wieder ohne Ringe.
Fazit
Na also, es geht doch – wenn auch erst mal nur mit chinesischer Hilfe. Aber während bei uns auch neue Audi-Modelle wie A5 oder Q6 dem immer gleichen Schema folgen und deshalb irgendwie zum Gähnen sind, zeugt der E5 glaubwürdig von einem buchstäblich frischen Anfang: cooles Design, modernes Interieur, digital den deutschen Modellen um Längen voraus und auch noch mit dem besseren E-Antrieb. So wird der E5 zum vielleicht besten Modell der letzten Jahrzehnte, das Audi je (nicht) gebaut hat.
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