Die vielen Schritte zum nachhaltigen Reifen
Gibt es grüne Autoreifen mit ausreichend Grip?

Immer mehr Reifenhersteller gehen die Produktion nachhaltiger Autoreifen an. Von Sojaöl bis zu recyceltem Gummi: Diese Materialien revolutionieren den Reifenmarkt!
Bild: Michelin
Nachhaltigkeit fängt bei der Bodenhaftung an – das gilt vor allem für Autos. So sollen Reifen umweltfreundlicher werden, und das ohne Sicherheitseinbußen. Wie funktioniert das?
Bislang war bei der traditionellen Reifenherstellung die Nachhaltigkeit eher nachrangig. Das ist an den verwendeten Materialien zu erkennen: Stahl, Gummi, Kunstfaser, Silika. Die schwarze Farbe rührte lange von Ruß her. Können Reifen also – sinngemäß – grün werden?
Name Sommerreifen in 215/55 R 18 (2025): Ergebnisse im Detail
Die Reifenproduktion war schon immer die Kunst des Kompromisses. Beispiel: Reifen sollen möglichst weich sein für optimalen Grip – und zugleich sollen sie möglichst lange halten. Ähnlich widersprüchlich sind die Anforderungen an die Effizienz der Pneus: Möglichst geringer Rollwiderstand sorgt für minimalen Energieverbrauch – gerade bei E-Autos ist das essenziell.
Doch damit entsteht ein herber Kontrast zum Kriterium "optimale Traktion". Anders gesagt: Ein Reifen, der sich in den Asphalt krallt, hat naturgemäß einen hohen Rollwiderstand. Ein Reifen mit glatter Lauffläche, also geringem Rollwiderstand, gerät wiederum schnell ins Driften, verliert an Haftung. Michelin zum Beispiel scheut sich nicht, diese drei konträren Vorhaben in einem Satz zu nennen: "Rollwiderstand reduzieren, Lebensdauer erhöhen, Abrieb verringern" – das sind die Ziele der Franzosen. Ganz schön ehrgeizig.
Bis zu 65 Prozent Ökomaterial
Beim Thema Öko geht es aber auch um Wiederverwertung. In Deutschland fallen jedes Jahr mehr als 600.000 Altreifen an – die meisten werden verbrannt. Eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen! Die großen Reifenhersteller haben angefangen, die Recycling-Rate bei der Reifenproduktion Stück für Stück zu erhöhen. Ein Beispiel hierfür ist Continental: Der große Zulieferer fertigt seinen Reifen UltraContact NXT mit – je nach Reifengröße – bis zu 65 Prozent erneuerbaren und recycelten Materialien.

Spritspar-Reifen wie der EcoContact von Continental haben einen optimierten Rollwiderstand.
Bild: Toni Bader
Das sind zum Beispiel PET-Flaschen. Das daraus gewonnene Polyester wird zu Fasermatten, die der Reifenkarkasse zusätzliche Stabilität verleihen. Erstmals sind auch Reishülsen Bestandteil des Conti-Reifens. Sie dienen als Ausgangsmaterial für nachhaltig produziertes Silika.
Silika aus Reishülsen-Asche
Silika hat für moderne Reifen so viel Bedeutung wie Energie für das Auto: Silika ist unverzichtbar für guten Grip bei geringem Rollwiderstand und für eine hohe Laufleistung jedes Pneus. Aus der Asche von Reishülsen gewonnenes Silika ist deutlich energieeffizienter als aus herkömmlichen Materialien wie Quarzsand.
Überdies wird so der wertvolle Rohstoff für andere Branchen, beispielsweise die Bauindustrie, aufgespart. Auch mit Soja als Reifenrohstoff wird experimentiert, beispielsweise beim Hersteller Goodyear.
Ersatz für Reifengummi gesucht
Ein weiterer Ansatz, Reifen "grün" zu machen, liegt im Elastomer. Der künstliche Gummi aus Erdöl ist die wesentliche Zutat von Autoreifen. Um darauf zu verzichten, muss Ersatz her. Der Reifenhersteller Nokian tüftelt gerade an synthetischem Kautschuk aus Birkenrindenresten und hat dafür bereits einen Innovationswettbewerb für Nachhaltigkeit gewonnen. Genug Rohstoff ist vorhanden. Birkenrinde ist ein Abfallprodukt der Zellstoff-, Papier- und Sperrholzindustrie.
Nokian Tyres hat sich vorgenommen, dass bis 2030 die Hälfte aller verwendeten Bestandteile seiner Reifenproduktion aus erneuerbaren oder recycelten Rohstoffen stammen. Bis 2050 sollen in der gesamten Wertschöpfungskette keine Treibhausgase mehr anfallen.
Stichwort Kautschuk aus Birkenrinde: Allein die Forstindustrie in Finnland und Schweden produziert laut dem Hersteller Reselo genug Rohmaterial für 200.000 Tonnen dieses speziellen Materials. Eine andere Variante ist Analog-Kautschuk aus Löwenzahn.
Auch mit der mexikanischen Gummipflanze Guayule wird experimentiert. Allerdings können diese Stoffe den Naturkautschuk, der zwischen zehn und 40 Prozent des Gesamtgewichts eines modernen Reifens ausmacht, erst dann teilweise oder vollständig ersetzen, wenn sie identische oder zumindest ähnliche Eigenschaften aufweisen.

Beim Reifen kommt es, Umweltschutz hin oder her, in erster Linie auf Sicherheit an – also auf Grip.
Bild: Anuscha Sonntag / AUTO BILD
Auch Goodyear tüftelt an einem Öko-Reifen, der zu 100 Prozent aus nachhaltigem Material besteht. Der Gummianteil wird dabei aus Sojaöl gewonnen. Das will Goodyear bis 2030 umsetzen.
Bei einem Demo-Reifen wurde bereits 63 Prozent Anteil erreicht. Der Prototyp enthält unter anderem vier verschiedene Rußarten, Rapsöl, aus Reisspelzen-Asche hergestelltes Silika und recyceltes Polyester.
Reifenproduktion mit Ökostrom
Nachhaltigkeit erstreckt sich auch auf den Produktionsprozess – das zeigen die Öko-Pläne der Autohersteller. Die Reifen der Zukunft will die Industrie möglichst klimaneutral backen. Reifenhersteller wie Michelin oder Continental wollen das Jahr 2050 erreichen. Michelin will bis dahin vollständig auf den Einsatz von Lösungsmitteln verzichten. Neben der CO2-neutralen Fertigung sollen bis dahin auch alle Materialien für Autoreifen nachhaltig gewonnen werden, also aus recycelten oder erneuerbaren Rohstoffen bestehen.
Pirelli etwa verweist darauf, dass im Vergleich zu 2009 der Wasserverbrauch im Unternehmen um rund 70 Prozent gesenkt wurde. In jedem Werk ist ein Energieeffizienzprogramm eingerichtet. Darauf führt Pirelli zurück, dass der Energieverbrauch unternehmensweit 2009 bis 2019 um 13 Prozent zurückging. Bereits 2025 will Pirelli komplett auf Ökostrom umgestellt haben. Rund 97 Prozent der anfallenden Abfälle werden bereits wiederverwertet. 2030 ist die CO2-Neutralität geplant. Es wird sich also in den kommenden Jahren viel tun beim Bodenkontakt unserer Autos.
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