Nachhaltigkeit fängt bei der Bodenhaftung an – das gilt vor allem für Autos. So sollen Reifen umweltfreundlicher werden. Aber nun geraten die Emissionen durch Reifen, sprich der Abrieb, immer mehr in den Fokus, siehe Euro 7. Nun sollen Reifen sauberer werden – aber ohne Sicherheitseinbußen. Wie funktioniert das? (Zum Winterreifen-Test 225/55 R 18)
Bislang war bei der traditionellen Reifenherstellung die Nachhaltigkeit eher nachrangig. Das ist an den verwendeten Materialien zu erkennen: Stahl, Gummi, Kunstfaser. Die schwarze Farbe rührt von Ruß her, der die Festigkeit und Haltbarkeit von Reifen optimiert. Können Pneus so überhaupt – sinngemäß – grün werden? Die Antwort: ja, aber dazu muss sich die Zusammensetzung ändern.

Winterreifen in 225/55 R18

Autobild LogoTestsieger
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1.
Hankook
Winter i*cept evo 4
1,3
sehr gut
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2.
Pirelli
Cinturato Winter 3 102V
1,4
sehr gut
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2.
Michelin
Pilot Alpin 5 102V AO
1,4
sehr gut
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4.
Goodyear
UltraGrip Performance 3 102 V
1,5
gut
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5.
Bridgestone
Blizzak 6 102V
1,7
gut
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6.
Falken
Falken Eurowinter HS02 Pro
2,6
befriedigend
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7.
Linglong
Sport Master Winter
2,7
befriedigend
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7.
Matador
MP93 Nordicca
2,7
befriedigend
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9.
Prinx
Prinx Winter Excelia
3,1
befriedigend
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10.
Zeetex
WH1000 SUV
4,5
mangelhaft
Komplette Liste: Winterreifen in 225/55 R18
Die Reifenproduktion war schon immer die Kunst des Kompromisses. Beispiel: Reifen sollen möglichst weich sein für optimalen Grip – und zugleich sollen sie möglichst lange halten. Ähnlich widersprüchlich sind die Anforderungen an die Effizienz: Möglichst geringer Rollwiderstand zieht einen geringeren Energieverbrauch nach sich – gerade bei E-Autos ist das wichtig.

Widersprüchliche Anforderungen

Doch entsteht ein herber Kontrast zum Kriterium "optimale Traktion". Anders gesagt: Ein sicherer Reifen, der sich buchstäblich in den Asphalt krallt, hat naturgemäß einen hohen Rollwiderstand – und führt zu hohem Verbrauch. Ein effizienter Reifen mit glatter Lauffläche, also geringem Rollwiderstand, gerät wiederum schneller ins Driften, blockiert schneller, verliert an Haftung. Das kann gefährlich sein. Ein weicher Reifen nutzt überdies schneller ab, auch das ist wenig nachhaltig. Und nun?
Reifenhersteller wie Michelin scheuen sich nicht, gleich drei konträre Vorhaben in einem Satz zu nennen: "Rollwiderstand reduzieren, Lebensdauer erhöhen, Abrieb verringern" – das sind die Ziele der Franzosen. Ganz schön ehrgeizig.

Was Silika für E-Autoreifen bringt

Ein Schritt dazu ist die Verwendung von Silika: Die keramische Verbindung aus Siliziumdioxid wird – so wie Ruß – dem Gummi beigegeben, um Reifen zugleich leichter und fester zu machen. Es kann zwar Ruß als wesentliche Komponente (oft mehr als ein Fünftel des Reifengewichts) nicht ersetzen, doch der Silika-Anteil nimmt insbesondere bei Spezialreifen für Elektroautos zu.
Der Effekt: Silika macht den Reifen fester, ohne seine Haftung zu reduzieren. Dadurch verformt sich der Pneu weniger, auch tritt beim Anrollen eine geringere Erwärmung auf. Beides führt dazu, dass weniger Energie verloren geht.
Beim Recycling aus Altreifen wird bereits versucht, Silika zu isolieren – allerdings ist das noch teuer. Da Silika aus billigem Quarzsand gewonnen wird, bleibt die Rückgewinnung bisher unwirtschaftlich. Doch auch da sind die Reifenbäcker dran.

Reishülsen als Ersatz für Quarzsand

Quarzsand als Rohstoffquelle ist eine wertvolle Ressource, daher wird nach Alternativen gesucht. Das ist zum Beispiel die Asche von Reishülsen. Die Herstellung von Silika aus diesem pflanzlichen Material ist überdies deutlich energieeffizienter als aus Quarzsand.
Auch mit Soja als Reifenrohstoff wird experimentiert, beispielsweise beim Hersteller Goodyear.

Bis zu 65 Prozent Ökomaterialien

Beim Thema Öko geht es auch um Wiederverwertung. In Deutschland fallen jedes Jahr mehr als 600.000 Tonnen Altreifen an – die meisten werden "thermisch verwertet", also verbrannt. Eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen! Die großen Reifenhersteller haben angefangen, die Recycling-Rate bei der Reifenproduktion Stück für Stück zu erhöhen. Ein Beispiel hierfür ist Continental: Der große Zulieferer fertigt seinen Reifen UltraContact NXT aus – je nach Reifengröße – bis zu 65 Prozent erneuerbaren und recycelten Materialien.
Allgemein will die Tochterfirma Continental Tires bis 2030 den Recyclinganteil in neuen Reifen auf 40 Prozent erhöhen. Und wie?
Wie gut sind Spritspar-Reifen?
Spritspar-Reifen wie der EcoContact von Continental haben einen optimierten Rollwiderstand.
Bild: Toni Bader
Das sind zum Beispiel PET-Flaschen. Das daraus gewonnene Polyester wird zu Fasermatten, die der Reifenkarkasse zusätzliche Stabilität verleihen. Erstmals sind auch Reishülsen Bestandteil des Conti-Reifens. Sie dienen als Ausgangsmaterial für nachhaltig produziertes Silika.

Ersatz für synthetischen Gummi?

Ein weiterer Ansatz, Reifen "grün" zu machen, liegt im Elastomer. Der künstliche Gummi aus Erdöl ist die wesentliche Zutat von Autoreifen. Um darauf zu verzichten, muss Ersatz her. Der Reifenhersteller Nokian tüftelt gerade an synthetischem Kautschuk aus Birkenrindenresten und hat dafür bereits einen Innovationswettbewerb für Nachhaltigkeit gewonnen. Genug Rohstoff ist vorhanden. Birkenrinde ist ein Abfallprodukt der Zellstoff-, Papier- und Sperrholzindustrie.
Nokian Tyres hat sich vorgenommen, dass bis 2030 die Hälfte aller verwendeten Bestandteile seiner Reifenproduktion aus erneuerbaren oder recycelten Rohstoffen stammt. Bis 2050 sollen in der gesamten Wertschöpfungskette keine Treibhausgase mehr anfallen. Bereits 2025 waren 28,3 Prozent der verwendeten Materialien in Neureifen aus recycelten oder erneuerbaren Quellen.
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Künstlicher Kautschuk ist im Kommen

Stichwort Kautschuk aus Birkenrinde: Allein die Forstindustrie in Finnland und Schweden produziert laut dem schwedischen Hersteller Reselo genug Rohmaterial für 200.000 Tonnen dieses speziellen Materials. Eine andere Variante ist Analog-Kautschuk aus Löwenzahn. Auch die mexikanische Gummipflanze Guayule gilt als Hoffnungsträger.
Allerdings können diese Stoffe den Naturkautschuk, der zwischen zehn und 40 Prozent des Gesamtgewichts eines modernen Reifens ausmacht, erst dann teilweise oder vollständig ersetzen, wenn sie identische oder zumindest ähnliche Eigenschaften aufweisen. 2022 wurden von Firestone erstmals Reifen in der US-Rennserie Indycars eingesetzt, deren Seitenwand aus Guayule-Naturkautschuk besteht. Firestone nennt ebenfalls das Jahr 2050 für Reifen aus komplett erneuerbaren Rohstoffen.
Auch Bridgestone setzt Guayule ein: 2023 wurde ein Spezialreifen für Elektro-SUV der nächsten Generation entwickelt, der zu jeweils über einem Drittel aus recycelten (37 Prozent) und erneuerbaren (36 Prozent) Quellen produziert wird – Summa summarum zu fast drei Vierteln nachhaltig. Wann der Reifen auf den Markt kommt, ist noch nicht bekannt.
Guayule Naturkautschuk Bridgestone Ökoreifen Nachhaltigkeit Umweltschutz
Die Guayule-Pflanze, auch mexikanische Gummipflanze genannt, wächst auch unter sehr trockenen Bedingungen – ursprünglich in Mittelamerika, wird sie inzwischen auch in Brasilien und in der Ukraine angebaut.
Bild: Bridgestone
Goodyear tüftelt ebenfalls an einem Öko-Reifen, der zu 100 Prozent aus nachhaltigem Material besteht. Der Gummianteil wird dabei aus Sojaöl gewonnen. Damit will Goodyear bis 2040 komplett auf Erdöl-Derivate verzichten.
Bei einem Demo-Reifen wurde bereits 63 Prozent Anteil erreicht. Der Prototyp enthält unter anderem vier verschiedene Rußarten, Rapsöl, aus Reisspelzen-Asche hergestelltes Silika und recyceltes Polyester. In die Serienproduktion haben die Forschungsergebnisse bisher keinen Eingang gefunden.
Ganzjahresreifen Reisemobil
Beim Reifen kommt es, Umweltschutz hin oder her, in erster Linie auf Sicherheit an – also auf Grip.
Bild: Anuscha Sonntag / AUTO BILD

Reifenproduktion mit Ökostrom

Nachhaltigkeit erstreckt sich auch auf den Produktionsprozess – das zeigen die Öko-Pläne der Autohersteller. Die Reifen der Zukunft will die Industrie möglichst klimaneutral backen. Reifenhersteller wie Michelin oder Continental wollen das 2050 erreichen. Michelin will bis dahin vollständig auf den Einsatz von Lösungsmitteln verzichten. Neben der CO2-neutralen Fertigung sollen bis dahin auch alle Materialien für Autoreifen nachhaltig gewonnen werden, also aus recycelten oder erneuerbaren Rohstoffen bestehen.
Pirelli etwa verweist darauf, dass im Vergleich zu 2009 der Wasserverbrauch im Unternehmen um rund 70 Prozent gesenkt wurde. In jedem Werk ist ein Energieeffizienzprogramm eingerichtet. Darauf führt Pirelli zurück, dass der Energieverbrauch unternehmensweit von 2009 bis 2019 um 13 Prozent zurückging. Pirelli bezieht für seine Werke seit 2025 ausschließlich Ökostrom. Rund 97 Prozent der anfallenden Abfälle werden bereits wiederverwertet. 2030 ist die CO2-Neutralität geplant. Es wird sich also in den kommenden Jahren viel tun beim Bodenkontakt unserer Autos.

Fazit

Es geht recht langsam voran beim Vorhaben, Autoreifen wirklich umweltverträglich zu machen. Das hat eine einfache Ursache: Sicherheit geht vor Umweltschutz! Daher ist Nachsicht mit den Pneu-Bäckern nötig – es gibt gute Gründe für das relativ gemächliche Tempo.