Die Energiewirtschaft bejubelt, wie weit die Ladeinfrastruktur in Deutschland entwickelt ist: Kürzlich wurde die Schwelle von mehr als 100.000 Ladepunkten erreicht. Das wäre ein Überangebot, feiert sich der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) selbst. Der Maßstab: Neben der angesetzten Wattleistung pro Fahrzeug ist es die Belegungsquote, die laut Berechnung durchschnittlich tagsüber kaum über 20 Prozent läge. Soll im Umkehrschluss wohl heißen: Wer eine Ladesäule sucht, findet auch eine.
Das kann ich im echten Leben nicht bestätigen. Die Statistik spricht ihre eigene Sprache, die Straße eine andere. Was ich gerade in Berlin und im Umland erlebt habe, gleicht eher einer Lademisere, hier mein Bericht. Während die Jubelmeldung des BDEW kurz vor der Veröffentlichung stand, kurvte ich im Tesla Model Y durch die Hauptstadt auf der Suche nach einer Ladesäule. An vielen fuhr ich vorbei, sie waren auf meiner Lade-App nicht verzeichnet, also konnte ich dort weder laden noch bezahlen.
Immerhin: In Sichtweite meines Ziels in Berlin-Mitte  lag ein Ladepunkt, der laut App frei war. Den konnte ich per Handy ich freischalten, sehr komfortabel. Also schnell den Tesla eingestöpselt, die Familie wurde schon unruhig, und der Tesla verlangte Strom. Ich hatte Glück, dachte ich. Doch nichts da, die Säule blinkt gelb-rot, es gibt keinen Saft!
Fehler an der Ladesäule
Der Schrecken eines E-Fahrers: Die freie Säule lässt sich anstöpseln, gibt aber keinen Saft.
Bild: AUTO BILD / Matthias Brügge

Die Ladesäule erkennt die App, doch Strom fließt trotzdem nicht

Der Anruf bei der Hotline ergibt, App- und Stromanbieter haben keinen Vertrag miteinander. Hä? Gut, darauf bin ich vorbereitet, in meiner Brieftasche steckt ein zweiter Ladechip, von einem sehr großen Anbieter. Doch auch der funktioniert nicht! Hey Stromversorger, was ist da los?
Also das Kabel wieder raus, die meuternde Familie zurück ins Auto gescheucht. Die App leitet uns zur nächsten freien Säule, die erreichen wir nach zehn Minuten. Doch liegt sie in einem Parkhaus! Die Lust auf eine weitere Suche war verflogen, also fahren wir ein. Damit kommen zu den Stromkosten noch drei Euro/Stunde fürs Parken hinzu. Dabei hätten wir draußen beim Laden gratis parken können. Blöd, oder? Immerhin gab es Ladestrom.
Fotostopp mitten am Roten Rathaus in Berlin
Ladesäulen gibt es genug in Berlin, sind sie nicht zugänglich für alle Ladekarten.
Bild: AUTO BILD / Matthias Brügge

Ladesäule am Discounter nur zu Geschäftszeiten aktiv

Ortswechsel: An einem Discounter im Berliner Umland kann ich am gleichen Samstag laden (soviel kostet das Laden am Supermarkt). Tags darauf wollte ich vor der Fahrt zurück nach Hamburg wieder dort hin. Doch sonntags ist die Säule außer Betrieb! Auch für zahlungsbereite Kunden. Laden in Deutschland 2023: Es mag genügend Ladestationen geben, doch nicht alle liefern Saft für jede Ladekarte. Also, liebe Versorger, schließt euch kurz. Macht miteinander Verträge, sodass ich mit jeder Ladekarte an jeder Lade­säule Strom zapfen kann. Sonst nutzen die vielen Ladestationen nichts.